Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten – Das Wunder der Metamorphose – eine Wiedergeburt aus den Resten des eigenen, ‚gestorbenen“ Körpers

Blumen, Foto: Tine Vogeltanz

Die meisten Menschen haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Insekten. In der harmlosen Variante sind sie ihnen einfach nur lästig, aber vielfach ekeln sie sich oder haben sogar Angst vor ihnen. Ein Tritt mit dem Fuß auf den am Boden krabbelnden Käfer oder ein Schlag mit Zeitung oder Fliegenklatsche und das zumeist harmlose Krabbeltier ist erledigt. Wirklich schädlich für den Menschen sind jedoch nur die wenigstens. Im Gegenteil: Sie stellen einen unglaublich wichtigen Teil des Naturkreislaufs mit immensem Nutzen auch für uns uns. Insekten sind faszinierend!

Zeus näherte sich Leda als Schwan und in Franz Kafkas „Verwandlung“ findet sich Gregor Samsa eines Morgens als Käfer wieder. In Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Kalif Storch“ kommt sie vor und Ovid beschrieb sie in seinem berühmten Werk gleich mehrfach… Die Rede ist von der Metamorphose. Was jedoch dem Reich von Dichtung und Fantasie angehört, beherrschen Insekten tatsächlich: Aus einem Ei schlüpft eine Raupe, diese verpuppt sich irgendwann, um danach z. B. als wunderschöner Schmetterling herauszukrabbeln. Das Unglaubliche daran: Diese „Insektenlarve löst sich in ihrer Puppenhülle per kontrollierter Selbstverdauung fast gänzlich auf. Aus dem zurückbleibenden Zellhaufen oder aus Teilen davon formt sich hormongesteuert das erwachsenen Tier – eines, das mit der Raupe kaum mehr Ähnlichkeit hat. Anders gesagt: eine Wiedergeburt aus den Resten des eigenen, ‚gestorbenen‘ Körpers.“

Genau dieser Faszination gehen die Autoren des wunderbaren Buches nach. In Kombination von Text und Bild entstand ein Kompendium, das staunen lässt, das informiert, unterhält und das Begeisterung hinterlässt. Selten kann die Kombination von Wort und Bild als derart gelungen bezeichnet werden. Hier entdecken auch naturwissenschaftlich und biologisch Interessierte Neues, werden Laien großartig unterhalten und mit Fotografien konfrontiert, die ihresgleichen suchen. Denn die studierte Biologin Nicole Ottawa und ihr Mann und Fotograf Oliver Meckes, die sich „eye of science“ nennen, nehmen ihre Bilder mit einem Raster-Elektronen-Mikroskop in Fotodesignqualität auf. Zahlreiche Preise, u. a. der mehrfach gewonnene renommierte World Press Photo Award, zeugen von ihrer Professionalität.

Diese Fotos bilden das Kernstück dieses Bandes. Seitengroß schauen den Betrachter beinahe extraterrestrisch wirkende Wesen mit Borsten, furchteinflößend großen Beißwerkzeugen und klauenbewerten Fangarmen entgegen. Auf einer anderen Seite sitzt dann der vermeintlich lachende und mit gleich zwei leuchtend orangefarbenen Turbanen bestückte „Verhandlungschef“ jener Außerirdischen. Doch weit gefehlt: Es sind die x-fach vergrößerten Aufnahmen einer Seidenspinnerraupe und des Männchens einer ausgewachsenen Eintagsfliege, der zusätzliche zwei Augenpaare die farbenfrohe Kopfbedeckung vermuten ließen.

Doch nicht nur die Fotografien begeistern, sondern auch die Texte. Hier sorgen Veronika Straaß und Claus-Peter Lieckfeld für die nötigen Hintergrundinformationen. Eine gelungene Mischung aus verständlichem Erklären und spannend und fundiertem Fachwissen, die selbst von Kindern sehr gut aufgenommen wird. Sie vermitteln Allgemeinwissen, aber lassen auch tiefer blicken. Dipl.-Biologin Straaß hat schon in zahlreichen Kinderbüchern ihr gutes Erzähltalent unter Beweis gestellt und Lieckfeld ist mit „More Than Honey“, „Makrokosmos Honigbiene“ oder „Tatort Wald“ schon lange kein Unbekannter mehr.

Gerade diese Kombination aus ausgezeichneten Fotografien und interessantem Hintergrundwissen, das zudem sehr gut verständlich, nicht zu überbordend, aber auch nicht zu oberflächlich vermittelt wird, zeichnet das sehr zu empfehlende Buch aus.

Natürlich kann man sich bei derzeit über einer Million bekannter Insektenarten nicht auf alle „stürzen“. Die vier Autoren haben sich sechs Hauptgruppen herausgepickt. Schmetterlinge, Käfer, Libellen, Hautflügler, Fliegen und Mücken tummeln sich in unterschiedlichsten Arten auf den Seiten. Ausgewählte Typen jeder Spezies stellen sie dann in ganz speziellen Porträts vor. So den Hauhechel-Bläuling, Seerosenzünsler und Seidenspinner in der Kategorie Schmetterlinge, Marien-, Schwimm- oder Pelzkäfer, die Adonisjungfer im Bereich Schmetterlinge. Aber auch Hornisse, Blattlauswespe, Gold-, Köcher-, Flor- oder Eintagsfliege und die berühmt-berüchtigte Gelbfiebermücke neben ihren Verwandten der Zuck-, Kriebel- und Büschelmücke kommen zu Wort und werden ins Bild gesetzt, bevor schlussendlich die langbeinigen und unbeholfen durchs Leben stakenden Schnaken das muntere Kriechen, Flattern, Surren und Schwirren beenden.

„Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten“ stellt sich als großartiges Buch für die ganze Familie heraus, das vielleicht auch helfen kann, die unnötige Angst und den Widerwillen gegen diese faszinierenden Verwandlungskünstler zu nehmen und sie mit ganz anderen Augen zu betrachten. Denn die Welt der Insekten mit ihrer Artenvielfalt ist den meisten Menschen völlig fremd, obwohl es überall um uns herum summt und krabbelt. Wenn man die eigene Scheu überwindet und sich ein bisschen mehr mit ihr beschäftigt, kann man unglaublich viel Neues entdecken.

 

Veronika Straaß u. Claus-Peter Lieckfeld (Texte), Nicole Ottawa u. Oliver Meckes (Fotos)

Wandlungskünstler. Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten

Dölling und Galitz Verlag, (27. April 2018)
120 Seiten, Broschur
ISBN-10: 3862180875
ISBN-13: 978-3862180875

Preis: 24,90 EURO

Über Heike Geilen 597 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.