Deutschland erlebt eine Epoche schleichender Entgleisung Deutschland befindet sich nicht im offenen Bruch, sondern in einem schleichenden Prozess demokratischer Erosion. Der Verlust gemeinsamer Wirklichkeit, politische Erschöpfung und der Rückzug ins Eigene bereiten einem Autokratismus den Boden, der von Vereinfachung und Gereiztheit lebt. Mit Hannah Arendt, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir lässt sich zeigen, dass dieser Zustand weniger aus Überzeugung als aus Müdigkeit und dem Verlernen des Gesprächs entsteht. Der Text plädiert dafür, Demokratie wieder als Praxis des gemeinsamen Handelns, des Streitens und des bewussten Umgangs mit menschlicher Endlichkeit zu begreifen. Ein Eassy von Stefan Groß-Lobkowicz.
Deutschland erlebt eine Epoche schleichender Entgleisung: Das Vertrauen in die Demokratie erodiert, die Institutionen verlieren Bindungskraft, und an die Stelle des Gesprächs tritt ein aggressiver Autokratismus, der von den politischen Rändern genährt wird. Was fehlt, ist der Diskurs – jener zivilisatorische Raum, in dem Wahrheit entsteht und Freiheit sich behauptet. Während die Gesellschaft sich immer tiefer in Lager aufspaltet, wächst ein Klima der Gereiztheit, das die Demokratie nicht nur schwächt, sondern ihre Voraussetzungen untergräbt. Der Kampf um das Gemeinsame hat begonnen.
Es sind jene leisen, kaum merklichen Beben, die eine politische Landschaft verändern. Nicht der große Knall, sondern das konstante Zittern, das allmähliche Verschieben der Platten unter der Oberfläche. Deutschland befindet sich genau in diesem Zustand: ein Land, das sich selbst noch im Spiegel erkennt, aber bereits spürt, dass seine Konturen unscharf geworden sind. Die gereizte Grundspannung, die nervöse Verdichtung der Gegenwart, das Schwinden der Selbstgewissheit – all das lässt erahnen, dass wir in einer Übergangszeit leben, in der die Demokratie nicht stürzt, sondern ausfranst.
Der Grund für diese Hass- und Hetzrepublik ist nicht mysteriös. Er ist alltäglich, beinahe banal – und gerade darin gefährlich. Er liegt im schleichenden, kaum wahrgenommenen Verlust des Vertrauens in die Institutionen. Sobald Bürger diesen Rückhalt verlieren, ziehen sie sich nach innen zurück, in eine selbstbezügliche Welt, in der die eigene Wahrnehmung zum alleinigen Maßstab wird. Die politische Kultur schrumpft auf das Egozentrische, auf jene kleine Gewissheit, die keine andere Wahrheit mehr duldet.
Der Verlust der gemeinsamen Wirklichkeit
Was sich hier zeigt, ist kein bloß politisches, sondern ein anthropologisches Problem moderner Gesellschaften: der Verlust einer gemeinsam geteilten Wirklichkeit. Hannah Arendt (1906–1975) hat diesen Punkt in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ präzise beschrieben. Gefährlich wird eine Gesellschaft nicht dort, wo Überzeugungen hart aufeinanderstoßen, sondern dort, wo die Unterscheidung zwischen wahr und falsch ihre Selbstverständlichkeit verliert. In dem Moment, in dem Fakten nicht mehr als Grundlage, sondern nur noch als Munition dienen, zerbricht der Raum, in dem Verständigung überhaupt möglich ist.
Dabei geht es nicht um die Vielfalt der Meinungen, sondern um deren Voraussetzung. Wo keine gemeinsame Wirklichkeit mehr anerkannt wird, wird Pluralität zur bloßen Kollision. Demokratie verliert dann nicht an Tempo, sondern an Bodenhaftung – sie weiß nicht mehr, wovon sie spricht.
Politische Erschöpfung und autoritäre Versuchung
Aus diesem Vakuum entsteht ein Autokratismus neuer Art. Er kommt nicht mit offenem Zwang, sondern mit dem Versprechen von Vereinfachung. Er lebt nicht von Überzeugung, sondern von Müdigkeit. Gesellschaften, die sich dauerhaft überfordert fühlen, greifen nach klaren Linien – selbst um den Preis der Freiheit.
Jean-Paul Sartre (1905–1980) hat diesen Zustand in „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ als Verengung beschrieben: Verzweiflung bedeutet, sich auf das zu beschränken, was man noch zu kontrollieren glaubt. Politisch übersetzt heißt das: Der Blick verengt sich, Komplexität wird gemieden, Ambivalenz als Bedrohung empfunden. Moralische Überforderung schlägt um in den Wunsch nach Eindeutigkeit.
In diesem Klima wachsen die Ränder nicht, weil sie tragfähige Antworten hätten, sondern weil sie Entlastung versprechen. Nicht Überzeugung treibt sie an, sondern Erschöpfung.
Macht, Gespräch und die Fähigkeit zur Differenz
Hannah Arendt hat diesem Prozess ein anderes Verständnis von Macht entgegengesetzt. In „Vita activa“ beschreibt sie Macht nicht als Herrschaftsinstrument, sondern als etwas, das zwischen Menschen entsteht, wenn sie gemeinsam handeln. Macht ist kein Besitz, sondern ein Verhältnis. Sie lebt vom Plural, nicht vom Befehl, und sie zerfällt dort, wo Menschen sich voneinander isolieren.
Eine Demokratie verliert ihre Substanz nicht durch Konflikte, sondern durch die Unfähigkeit, sie auszuhalten. Wenn jede Abweichung als Angriff gilt und jede Kritik als Kränkung, verengt sich der öffentliche Raum. Jean-Paul Sartres berühmte Formel aus „Geschlossene Gesellschaft“ – „Die Hölle, das sind die anderen“ – beschreibt weniger das Zusammenleben selbst als die Flucht vor dem Anderen. Nicht der Mitmensch ist das Problem, sondern die eigene Unfähigkeit, ihm standzuhalten, ohne sich bedroht zu fühlen.
Endlichkeit als politische Ressource
Hier setzt Simone de Beauvoir (1908–1986) einen entscheidenden Gedanken. In ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“ zeigt sie, dass nicht die Endlichkeit des Menschen seine Schwäche ist, sondern deren Verdrängung. Wer glaubt, unbegrenzt Zeit zu haben, verliert den Sinn für Verantwortung, Beziehung und Gespräch. Erst die Begrenztheit des Lebens verleiht Begegnungen Gewicht und Entscheidungen Ernst.
Übertragen auf die politische Kultur heißt das: Demokratien leben vom Bewusstsein ihrer eigenen Fragilität. Nur wer weiß, dass Zeit knapp ist, nimmt den anderen ernst. Endlichkeit erzeugt keine Angst, sondern Demut – und macht den Streit produktiv, weil er nicht auf Vernichtung, sondern auf Verständigung zielt.
Arendt, Sartre und Beauvoir verbindet die Einsicht, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Praxis. Sie entsteht im Gespräch, im Aushalten von Differenz und im Wissen um die eigene Begrenztheit. Der Kampf um das Gemeinsame entscheidet sich daher nicht an den Rändern, sondern im Zentrum dessen, was wir einander noch zu sagen bereit sind – und gemeinsam auszuhalten vermögen.
