Die Welt befindet sich nicht in einer vorübergehenden Krise, sondern in einem strukturellen Zerfall. Einer der zentralen Motoren dieses Zerfalls ist die extreme Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einer globalen Finanzoligarchie. Was heute als „Ungleichheit“ verharmlost wird, ist in Wahrheit eine systemische Umverteilung von politischer Souveränität – weg von Gesellschaften, hin zu einer kleinen, transnationalen Elite.
Die Akkumulation von Kapital folgt längst keiner produktiven Logik mehr. Vermögen reproduziert sich durch Finanzmärkte, Spekulation, Monopolbildung und politische Einflussnahme. Milliardäre sind nicht länger Teil eines demokratisch kontrollierten Wirtschaftssystems, sondern dessen faktische Lenker. Sie bestimmen Steuerpolitik, Arbeitsmärkte, Umweltregulierungen und soziale Sicherungssysteme – nicht durch demokratische Mandate, sondern durch finanzielle Macht.
Demokratie wird dadurch nicht abgeschafft, sondern entkernt. Wahlen existieren weiterhin, doch die politischen Optionen sind vorstrukturiert. Parteien konkurrieren innerhalb enger ökonomischer Grenzen, die von Kapitalinteressen gezogen werden. Wer diese Grenzen infrage stellt, wird ökonomisch marginalisiert, medial delegitimiert oder politisch isoliert. Das Resultat ist eine Post-Demokratie, in der formale Mitbestimmung reale Macht nicht mehr erreicht.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Kontrolle über Medien und digitale Räume. Große Vermögen besitzen Fernsehsender, Zeitungen, Plattformen und Dateninfrastrukturen. Öffentliche Debatten werden nicht mehr primär durch Argumente entschieden, sondern durch Reichweite, Algorithmen und Kapital. Kritik am System wird entweder personalisiert, emotionalisiert oder als „radikal“ diskreditiert, während strukturelle Ursachen unsichtbar bleiben.
Diese finanzielle Oligarchie agiert global, während demokratische Kontrolle national fragmentiert ist. Staaten konkurrieren um Investitionen, senken Steuern für Konzerne und opfern soziale Rechte auf dem Altar der „Wettbewerbsfähigkeit“. Politik wird zum Management der Märkte, nicht mehr zur Gestaltung des Gemeinwohls. Damit verlieren Staaten ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte produktiv zu lösen.
Die sozialen Folgen sind explosiv. Prekarisierung, Wohnungsnot, zerstörte Sozialsysteme und ökologische Verwüstung erzeugen ein permanentes Gefühl der Unsicherheit. Ganze Generationen erkennen, dass sie trotz Bildung und Arbeit keinen sozialen Aufstieg mehr erwarten können. Dieses kollektive Scheitern wird jedoch nicht als Systemversagen benannt, sondern individualisiert – ein klassisches Herrschaftsinstrument.
In diesem Kontext ist der Aufstieg autoritärer Bewegungen kein Zufall. Wenn demokratische Institutionen reale Macht nicht mehr vermitteln, wenden sich Menschen radikalen Alternativen zu. Doch diese Bewegungen bekämpfen nicht die ökonomischen Ursachen, sondern verstärken sie häufig. Die Finanzoligarchie bleibt unangetastet, während Gesellschaften weiter gespalten werden.
Für Länder wie Iran ist diese globale Entwicklung hochrelevant. Sie zeigt, dass Befreiung nicht allein durch den Sturz autoritärer Regime erreicht wird. Ohne Kontrolle über Kapital, Ressourcen und Medien reproduziert sich Herrschaft in neuer Form. Die entscheidende Frage der Zukunft lautet daher nicht Ost gegen West, sondern Demokratie gegen Oligarchie.
Wenn dieser Prozess nicht gestoppt wird, steuert die Welt auf einen Zustand zu, in dem politische Entscheidungen ausschließlich von wirtschaftlicher Macht bestimmt werden. Demokratie wird dann zur historischen Episode – überlebt als Symbol, aber tot als Praxis.
Quellen:
- Oxfam International: Resisting the Rule of the Rich
- Thomas Piketty: Capital and Ideology
- Colin Crouch: Post-Democracy
- OECD: Income and Wealth Inequality
