Zum Tod eines deutschen Filmemachers, Schriftstellers und Denkers, der in den Splittern der Geschichte mehr Wirklichkeit fand als im Glanz der großen Erzählungen. Ein Essay von Stefan Groß-Lobkowicz.
Mit Alexander Kluge ist eine jener seltenen Gestalten verstummt, in denen sich die geistige Physiognomie der Bundesrepublik nicht bloß spiegelt, sondern in ihren verborgenen Spannungen, ihren Brüchen, ihren unerlösten Hoffnungen und ihren nie ganz verheilt gebliebenen Wunden erkennbar wird. Er war Filmemacher, Schriftsteller, Jurist, Produzent, Erzähler, Theoretiker, Sammler, Montierer, ein Arbeiter an den Übergängen zwischen Erfahrung und Begriff, Erinnerung und Öffentlichkeit, Katastrophe und Phantasie; doch keine dieser Bezeichnungen reicht aus, weil Kluge gerade dort bedeutend wurde, wo die festgelegten Zuständigkeiten der Künste, Wissenschaften und Medien sich berühren, überlagern und gegenseitig in Frage stellen. Was mit seinem Tod bleibt, ist daher weit mehr als ein Werk von fast unüberschaubarer Spannweite: Es bleibt eine Form geistiger Wachheit, ein Denken in Nachbarschaften, ein Erzählen aus den Rändern heraus, eine Kunst der Verbindung, die dem Übersehenen, dem Abseitigen und dem scheinbar Nebensächlichen zutraute, mehr über die Wirklichkeit auszusagen als manche große These.
Alexander Ernst Kluge, geboren am 14. Februar 1932 in Halberstadt, gehörte zu jener Generation, deren frühe Wahrnehmung durch Krieg, Zerstörung und Nachkriegsordnung hindurchging und die doch aus diesem Erschütterungswissen keine bloße Kultur der Klage, vielmehr eine unerhörte Produktivität entwickelte. Er war Filmemacher und Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor, bildender Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer; in den sechziger und siebziger Jahren wurde er zu einer prägenden Gestalt des Neuen Deutschen Films, den er nicht nur durch eigene Arbeiten, sondern ebenso durch theoretische Durchdringung und institutionelle Phantasie mitbegründete. Als Autor machte er sich mit kurzen, oft blitzhaft verdichteten Geschichten einen Namen, gehörte zum Umkreis der Gruppe 47 und verfasste Schriften, in denen Kultur, Politik, Geschichte und Philosophie nicht als getrennte Bezirke erscheinen, sondern als ineinander verschobene Erfahrungsräume. Mit der 1987 gegründeten Produktionsfirma dctp schuf er schließlich eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen und damit einen jener eigentümlichen Gegenräume, in denen sich Öffentlichkeit noch einmal gegen die Vereinfachungslogik des Mediums behaupten konnte.
Die frühe Wunde der Geschichte
Am Anfang dieses Lebens stand eine Erschütterung, die bei Kluge nie zur bloßen biografischen Episode herabsank, weil sie sich in seinem Werk als eine Art unterirdisches Kraftfeld erhielt. Kluge war der Sohn des Arztes Ernst Kluge und dessen Frau Alice, geborene Hausdorf; er war der ältere Bruder von Alexandra Kluge, die später in mehreren seiner Filme mitwirkte. Nach der Einschulung in Gotha besuchte er das Halberstädter Domgymnasium. Anfang 1945 trennten sich seine Eltern, und am 8. April desselben Jahres erlebte der Dreizehnjährige die Zerstörung seiner Heimatstadt durch den Luftangriff auf Halberstadt, wobei er dem Tod nur durch eine jener kaum begreiflichen Verschiebungen des Zufalls entging, die ein ganzes Leben in eine andere Richtung stoßen können. Eine Sprengbombe schlug in unmittelbarer Nähe ein; was für andere eine stumme Narbe geblieben wäre, wurde bei Kluge zum Ausgangspunkt einer lebenslangen Untersuchung darüber, wie Geschichte in den Menschen eindringt, wie Katastrophen erzählt werden können und wie Erinnerung sich gegen das Verschwinden behauptet.
Nach Kriegsende zog er mit seiner Mutter nach Berlin-Charlottenburg und legte dort am Charlottenburger Gymnasium, dem heutigen Heinz-Berggruen-Gymnasium, das Abitur ab. Doch die zerstörte Stadt Halberstadt blieb nicht hinter ihm zurück wie ein abgelegter Herkunftsort; sie blieb in seinem Denken gegenwärtig, als Chiffre für jene Gewalt, mit der Geschichte nicht nur die Welt, sondern auch die Wahrnehmungsformen des Menschen zertrümmert. In „Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945“ wurde diese Erfahrung später zu Literatur, aber zu einer Literatur besonderer Art: nicht zur lyrischen Beschwörung des Untergangs, vielmehr zu einer montageartigen Untersuchung von Wahrnehmung, Dokument, Erinnerung, Sachlichkeit und Schmerz. Kluge begriff früh, dass eine Katastrophe erst dann in ihrer Wahrheit erscheint, wenn sie nicht nur erinnert, sondern in ihren Zusammenhängen neu lesbar gemacht wird.
Zwischen Recht, Theorie und Imagination
Ab 1950 studierte Kluge Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Freiburg im Breisgau, Marburg und Frankfurt am Main, wo er unter anderem Theodor W. Adorno begegnete. Schon diese Fächerverbindung verrät einen Geist, der sich keiner fachlichen Enge unterwerfen wollte, weil er ahnte, dass die Wirklichkeit ihre entscheidenden Bedeutungen oft gerade dort preisgibt, wo Recht, Geschichte, Musik, Philosophie und Erzählung einander berühren. 1956 wurde er mit der Dissertation „Die Universitäts-Selbstverwaltung. Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform“ zum Dr. iur. promoviert; anschließend ging er nach Frankfurt am Main, um bei Hellmut Becker, dem Justitiar des Instituts für Sozialforschung, sein juristisches Referendariat abzuleisten.
Adorno vermittelte ihn an Fritz Lang, der ihn, wie die Überlieferung will, von literarischen Bestrebungen eher abbringen sollte, da er die Literatur für ein abgeschlossenes Feld hielt. Doch gerade aus dieser Begegnung mit dem großen Regisseur, aus dieser merkwürdigen Nähe von kritischer Theorie, Jurisprudenz, Filmgeschichte und literarischem Eigensinn entstand jener geistige Raum, in dem Kluge fortan arbeitete. Sein Denken lebte von der Spannung zwischen Begriff und Bild, Analyse und Erzählung, historischer Kälte und menschlicher Einbildungskraft. Er war ein Jurist, der die Wirklichkeit nicht dem Paragraphen überließ; ein Theoretiker, der den Begriff immer wieder an die Erfahrung zurückband; ein Künstler, der wusste, dass Bilder ohne Denken leicht verarmen und Denken ohne Bilder seine sinnliche Haftung verliert.
Der Aufbruch ins Kino
Nach dem Assessorexamen ließ sich Kluge 1958 zunächst in Berlin, später in München als Rechtsanwalt nieder, doch die Kunst hatte längst begonnen, diesen Lebensweg von innen her umzuschreiben. Ebenfalls 1958 absolvierte er ein Volontariat bei der CCC-Film, während Fritz Lang „Das indische Grabmal“ drehte. Vier Jahre später gehörte Kluge bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen zu den Initiatoren des Oberhausener Manifestes, jener ästhetischen und kulturpolitischen Unabhängigkeitserklärung junger deutscher Filmemacher, die den alten deutschen Film hinter sich lassen wollten. Der berühmte Satz vom Tod des alten Films war in diesem Zusammenhang weniger Provokation als Diagnose: Eine neue Wirklichkeit verlangte nach neuen Formen des Sehens.
In den sechziger Jahren wurde Kluge mit Filmen wie „Abschied von gestern“ zu einem der wichtigen Repräsentanten des Neuen Deutschen Films und des Autorenkinos. Zu seinen Arbeiten zählen „Brutalität in Stein“, „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, „Deutschland im Herbst“, an dem er mit Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und Edgar Reitz zusammenarbeitete, „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ sowie „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Schon diese Titel besitzen etwas von verdichteten Denkfiguren; sie tragen Alarm, historische Aufmerksamkeit und begriffliche Schärfe in sich, ohne die poetische Unruhe preiszugeben, aus der Kluges Werk seine eigentümliche Energie bezog.
Das Kino als Erkenntnisform
Ab 1963 lehrte Kluge an der Hochschule für Gestaltung Ulm und leitete dort gemeinsam mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung; im selben Jahr gründete er seine Produktionsfirma Kairos-Film. 1973 wurde er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main. Kluge galt bald als Autorität der Filmtheorie und als Verfasser grundlegender Arbeiten zur Analyse des Mediums. Er gehörte zu den seltenen Künstlern, die Bilder nicht nur herstellen, sondern über ihre Bedingungen, ihre Herkunft, ihre innere Mechanik und ihre Wirkung Rechenschaft ablegen wollten. Das Kino war für ihn keine bloße Illusionsmaschine, auch kein Ort angenehmer Zerstreuung, es war eine Erkenntnisform, ein Instrument, mit dem Wirklichkeit nicht nur abgebildet, sondern zerlegt, befragt und in ihren verborgenen Zusammenhängen sichtbar gemacht werden konnte.
Seine Filme verweigerten sich der glatten Dramaturgie, weil auch die Geschichte, die sie untersuchten, selten glatt verlief. Montage wurde bei Kluge zu einer Methode des Denkens. Sie brachte auseinanderliegende Zeiten, Dokumente, Stimmen, Bilder und Affekte in eine Spannung, aus der Erkenntnis entstehen konnte. Er vertraute dabei weniger auf die große geschlossene Erzählung als auf die produktive Kollision von Fragmenten. In dieser Kunst des Zusammenfügens lag ein eminent politischer Impuls: Kluge wollte dem Zuschauer keine fertig versiegelte Wirklichkeit vorsetzen, er wollte Wahrnehmung in Bewegung bringen.
Der Schriftsteller und sein erzählendes Denken
Gemeinsam mit dem Soziologen Oskar Negt verfasste Kluge mehrere einflussreiche Schriften, darunter „Öffentlichkeit und Erfahrung“, „Geschichte und Eigensinn“ und „Maßverhältnisse des Politischen“, die später unter dem Titel „Der unterschätzte Mensch“ neu herausgegeben wurden. Diese Arbeiten gehören zu jenen Versuchen, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht allein über Institutionen, Klassenlagen oder Machtverhältnisse zu verstehen, sondern über Erfahrung, Lebenszeit, Arbeitsvermögen, Erinnerung und jene Formen von Eigensinn, in denen Menschen sich der vollständigen Vereinnahmung entziehen.
Der größere Teil seines schriftstellerischen Werkes war literarischer Natur und bestand vor allem aus kurzen und kürzesten Geschichten. Die Einladung zur Gruppe 47 im Jahr 1962 markierte den Beginn seiner literarischen Laufbahn. Kluge selbst verstand sich, bei aller filmischen und medialen Produktivität, zuerst als Autor; sein berühmter Hinweis, sein Hauptwerk seien die Bücher, ist keine kokette Relativierung des Films, sondern der Schlüssel zu seinem ganzen Verfahren. Denn auch seine Filme, Ausstellungen und Fernsehproduktionen leben vom Erzählen, vom Perspektivwechsel, von der Montage und von jener eigentümlichen Verdichtung, in der scheinbar weit Entferntes plötzlich eine innere Nachbarschaft gewinnt.
Im Jahr 2000 erschien mit „Chronik der Gefühle“ in den Teilbänden „Basisgeschichten“ und „Lebensläufe“ eine große Sammlung seines bis dahin veröffentlichten literarischen Werkes. 2003 folgte „Die Lücke, die der Teufel läßt“, eine Zusammenstellung von 500 neuen Geschichten, die sich insbesondere mit den Ereignissen des 11. September 2001 auseinandersetzt. 2006 veröffentlichte er unter dem Titel „Tür an Tür mit einem anderen Leben“ weitere 350 Geschichten. Schon die schiere Zahl dieser Texte verweist auf eine Produktivität, die nicht aus bloßer Arbeitsdisziplin erklärbar ist; sie entspringt einer Wahrnehmungsweise, die überall Anfänge, Nebenwege, Splitter, Korrespondenzen und ungehobene Erfahrungsbestände entdeckte.
Pluriversum und Wunderkammer
Im Juni 2012 hielt Kluge auf Einladung der Goethe-Universität seine Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der er sich mit Theorie und Praxis der Narration auseinandersetzte. Unter dem Titel „Theorie der Erzählung“ sprach er über jenes Verfahren, das sein Werk im Innersten trägt: Erzählen als Kunst der Differenz, als Rettung von Erfahrung, als Widerstand gegen die Verarmung der Wirklichkeit durch vorschnelle Vereinfachung. Seine Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“, die 2017 im Museum Folkwang in Essen, 2018 in Wien und 2019 im Literaturhaus München gezeigt wurde, brachte diese Denkform noch einmal räumlich zur Anschauung.
Schon der Begriff „Pluriversum“ trifft einen Kern seines Werks. Kluge dachte nie in einer einzigen, glatt abgeschlossenen Welt. Er dachte in Schichten, Gegenzeiten, Überlagerungen, Restbeständen und Erfahrungsräumen, die sich gegeneinander verschieben wie tektonische Platten. Seine Kunst folgte dem Prinzip der Wunderkammer, doch nicht im antiquarischen Sinn des hübsch Kuriosen, vielmehr als Methode, um das Auseinanderliegende in eine sprechende Nähe zu bringen. Das Fremde, das Kleine, das Merkwürdige, das nicht sofort Einordenbare hatte bei ihm eine Erkenntniswürde, weil es den Blick aus den Bahnen des Gewohnten löste.
Öffentlichkeit und Widerspruch
Auch in politischen und kulturpolitischen Fragen blieb Kluge präsent. Im September 2019 kritisierte er gemeinsam mit mehr als 250 Kulturschaffenden den Widerruf der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an die Schriftstellerin Kamila Shamsie durch die Stadt Dortmund. Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 äußerte er sich mehrfach öffentlich. Er verurteilte den Angriff Russlands, vertrat aber zugleich Positionen, die in der deutschen Debatte heftigen Widerspruch hervorriefen. Ende April 2022 gehörte er zu den Erstunterzeichnern des in der Zeitschrift „Emma“ veröffentlichten offenen Briefes an Bundeskanzler Olaf Scholz, der vor einer Eskalation bis hin zu einem Dritten Weltkrieg warnte und sich gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine wandte.
Man muss diese Stellungnahmen nicht teilen, um in ihnen doch etwas für Kluge Bezeichnendes zu erkennen: Er zog sich auch im hohen Alter nicht in die angenehme Würde des Unverbindlichen zurück. Er blieb ein Eingreifender, ein Fragender, ein Intellektueller im alten, anspruchsvollen Sinn des Wortes, der Öffentlichkeit nicht als Markt der schnellen Zustimmung verstand, sondern als Raum der Auseinandersetzung. Gerade darin zeigte sich jene Unruhe, die sein Werk von Anfang an bestimmte. Kluge dachte gegen die Sedierung des Denkens an, gegen die schnelle Parole, gegen den Augenblick, in dem moralische Gewissheit das Fragen ersetzt.
Abschied von einem Grenzgänger
Alexander Kluge starb am 25. März 2026 im Alter von 94 Jahren in München. Mit ihm ging einer der letzten großen Grenzgänger zwischen Literatur, Film, Theorie, Fernsehen und öffentlichem Denken, ein Autor und Produzent, der die Bundesrepublik nicht nur beobachtete, sondern ihre Bilder, Erzählformen und Selbstdeutungen mitprägte. Für seine Bücher und Filme erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Adolf-Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis, den Klopstock-Preis, den Deutschen Filmpreis, den Goldenen Löwen in Venedig und das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Doch solche Ehrungen beschreiben am Ende nur die äußere Spur eines Werks, dessen Bedeutung gerade darin liegt, dass es sich den üblichen Vermessungen entzieht.
Was von Alexander Kluge bleibt, ist nicht allein die außerordentliche Breite seiner Arbeiten. Es bleibt eine Weise des Sehens. Er misstraute dem Glatten, dem Lauten, dem vorschnell Festgestellten. Er hielt sich an Brüche, Nebensachen, Randzonen und unscheinbare Partikel der Wirklichkeit, weil er wusste, dass Wahrheit oft dort verborgen liegt, wo die großen Erklärungen bereits zu laut geworden sind. In diesem Sinn war Kluge ein Aufklärer eigener Art: kein kalter Rationalist, kein selbstgewisser Lehrmeister, kein Systematiker der letzten Antworten, vielmehr ein Erzähler, der im Menschen, in seiner Erinnerung, seiner Phantasie, seiner Verletzlichkeit und seiner Widerstandskraft eine nie erschöpfte Möglichkeit erkannte.
Was die Größe dieses Werkes ausmacht, liegt in seiner eigentümlichen Fähigkeit, die auseinandergetretenen Bereiche der modernen Erfahrung noch einmal aufeinander zu beziehen: Erinnerung und Analyse, Bild und Begriff, Literatur und Öffentlichkeit, Geschichte und Phantasie, das winzige Detail und den großen historischen Zusammenhang. Kluge behandelte die Vergangenheit nicht als erstarrten Bestand, den man ordnet, ablegt und museal verwahrt, sondern als ein noch arbeitendes Kraftfeld, dessen Splitter bis in die Gegenwart hineinreichen und dort, wo man sie aufmerksam genug betrachtet, neue Bedeutungen freisetzen. Seine Filme, Bücher, Gespräche und theoretischen Arbeiten bilden deshalb kein abgeschlossenes Monument, vor dem man ehrfürchtig stehen bleibt, sondern ein offenes Denkgelände, in dem der Leser und Zuschauer immer wieder gezwungen wird, die vertrauten Linien der Wirklichkeit anders zu ziehen. Wer Kluge begegnet, begegnet einer Kunst der geistigen Rettung: dem beharrlichen Versuch, im Zeitalter der Vereinfachung, der Beschleunigung und des raschen Vergessens jene Erfahrungsreste zu bewahren, aus denen sich noch einmal Einsicht, Widerstandskraft und menschliche Aufmerksamkeit gewinnen lassen.
