Düster und heiter zugleich, verwunschen und verwünscht – so stellt Autor und Corpsstudent Karl Hans Strobl das Prag des ausgehenden 19. Jahrhunderts dar. Mitten im aufkommenden und dann immer erbitterter geführten Nationalitätenkonflikt der damaligen k.u.k.-Monarchie lebt in seiner Geschichte eine Schar Studenten das Leben zwischen Universität und Kneipe, zwischen erbitterter Anfeindung und akademischem Fechtboden. Nun ist das Buch, das lange vergriffen war, in einer gelungenen Neuauflage erschienen.
Den Handlungsrahmen des Romans „Die Vaclavbude“, eines Stroblschen Jugendwerkes, bildet der Badeni-Aufstand aus dem Jahr 1897, der zu schweren Ausschreitungen führte. Davon betroffen sind auch die von ihm so titulierten Prager Teutonen, die in diesen Strudel gezogen werden – dramatische Szenen inbegriffen. Hinter dieser Teutonia steckt einerseits Strobls Schülerverbindung gleichen Namens, andererseits spielten aber auch die wahren Erlebnisse von Corpsstudenten eine gewichtige Rolle. Strobl ergänzt und panaschiert hier, schreibt aber über weite Strecken erkennbar autobiographisch, denn genau zur Zeit dieser Ausschreitungen war er Rechtsrefrendar mit kurz zuvor bestandenem Examen.
Strobl gilt als einer der wichtigsten Autoren der phantastischen Literatur. Er erlebte sehr bewußt das Prag der letzten Jahrhundertwende, von Wien aus regiert, aber bereits in weiten Teilen von tschechischen Nationalisten beherrscht, zumindest im Untergrund. Dieses Prag war aber auch die Stadt einer letzten, häufig sehr geheimnisvollen, aber gerade darum umso wertvolleren deutschsprachigen Literatur des östlichen Mitteleuropa, angefangen bei Franz Kafka. In Karl Hans Strobls Frühwerk „Die Vaclavbude“ wird eine düstere, mystische Stimmung bereits deutlich erkennbar, etwa, wenn in der politisch aufgeladenen Atmosphäre des damaligen Prag einem der Vaclavbuden-Protagonisten der frühneuzeitliche Astronom Tycho Brahe wie ein Menetekel erscheint. Literarisch höchst interessant ist es, wie es Strobl gelingt, die feindliche Stimmung der Stadt und die mannigfaltigen Bedrohungen für Juden, Deutsche und insbesondere jüdische Deutsche quasi körperlich spürbar zu machen. Durch die bunt-burlesken Schilderungen der studentischen Bräuche sowie der Fecht- und Trinksitten der jungen Studenten gilt der Roman zudem als eines der Kultbücher des im akademischen Umfeld angesiedelten Literatur-Genres schlechthin.
Karl Hans Strobl, 1877 in Iglau in Mähren geboren und 1946 in Perchtoldsdorf bei Wien an den Folgen der Mißhandlung infolge russischer Besatzung gestorben, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Phantastik, weit über Böhmen hinaus, für den ganzen deutschen Sprachraum. Nach dem Abitur hatte er in Prag Rechtswissenschaften studiert. Er engagierte sich als Schüler und als Student gesellschaftlich, unter anderem in Verbindungen. Aus seiner Feder stammen gleich mehrere Klassiker der Studentenliteratur, die phantastische Züge tragen und eine fast atemlose Turbulenz in Handlung und Spannungsbögen aufweisen.
Strobls in hohem Alter schließlich erkennbare Nähe zum Nationalsozialismus, die heute bedrückend erscheint, datiert indessen wesentlich später als das hier beschriebene Buch. Er hat sich unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs offenkundig gewandelt, war bitterer und härter geworden. Der an einzelnen Stellen erkennbare deutschnationale Zungenschlag – nicht mehr und nicht weniger –, der auch in seinem frühen Roman „Die Vaclavbude“ durchscheint, könnte indessen zu guten Teilen seiner Herkunft geschildert sein. Seine Heimatstadt Iglau stellte im 19. Jahrhundert eine deutsche Sprachinsel in einem sich höchst feindlich gebenden, tschechisch-mährischen Umfeld dar. Auch die schweren und heute kaum mehr nachvollziehbaren Verhältnisse früherer Tage sind im Kontext ihrer Zeit zu betrachten. Auch wenn dies zuweilen unbequem ist, weil es tieferer Recherchen bedarf, die Zeit und Mühe kosten, gibt es dazu keine Alternative.
Karl Hans Strobl, Die Vaclavbude – eine Prager Studentengeschichte, Hamburg 2026, 206 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-384-84495-8; 19,50 Euro.

