Der einstige „Queen“-Frontmann Freddie Mercury, geboren am 5. September 1946 als Farrokh Bulsara auf Sansibar, gestorben in London am 24. November 1991, gehörte in den Jahren 1979 bis 1985 zu München wie lange vor ihm Karl Valentin oder der Roider Jackl. Als großartiger Sänger („Bohemian Rhapsody“), talentierter Ballett-Tänzer, doch wenig begabter Pianist trat er weltweit auf. Im Glockenbachviertel ein paar Jahre zu Hause, verkehrte er in der „Deutschen Eiche“, wo er gern nachmittags frühstückte oder sich die Fleischpflanzerl selbst aus der Pfanne holte. Sein 39. Geburtstag wurde im „Old Mrs. Henderson“-Club, heute „Paradiso“, in der Rumfordstraße 2 für unglaubliches Geld überschwänglich gefeiert.
Viel ist über „Freddie“, wie der attraktive Künstler sich am liebsten kurz nennen ließ, geschrieben worden. Regisseur Michal Borczuch hat sich zusammen mit fünf exquisiten „Resi“-Schauspielern im Marstall auf „Spurensuche“ begeben und hier eine der selten gewordenen Münchner Sprechtheater-Uraufführungen herausgebracht. Dorota Nawrot schuf hierfür ein bildschönes Bühnenbild und die weitgehend historisch echten Kostüme.
Ein Programmbuch gab es nicht, dafür eine ungewöhnliche Einführung einer Dame in Schwarz: Die vor verschlossener Theatertür wartenden Zuschauer hörten von ihr, leider nur bruchstückhaft, dass es sich um schwules Leben in München handelt, was sie gleich erwartet. Man war ja vorgewarnt: Es wird mit viel Bühnennebel gearbeitet. Eine plüschig graue, halbdunkle, mit kleinen Monitoren ausgestattete Sauna ist zunächst Schauplatz der sich über ihre Verfolgung als Schwule austauschenden und einander teils heftig an die Wäsche gehenden attraktiven mittelalten Männer. München als „rosa Insel im schwarzen Bayern“. Die Aids-Epidemie vor beinahe 50 Jahren wird thematisiert – und der von ihr Gezeichnete, Freddie, widerstand ihr nur bedingt.
In einer wortreichen „Spurensuche“ werden vier der saunenden Männer zu dem einen Freddie mit unverkennbarem Schnauzbart: die superb-exzellenten Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer und Pujan Sadri. Niklas Mitteregger, blonder Zarter in brauner Lederjacke, interviewt sie. Tut etwas, was der echte Freddie Mercury, abergläubisch wie er war, gar nicht mochte: Auf Journalistenfragen antworten. Ob es sich um ein spätes Double von David Wigg handelt, mit dem – s. Foto – Freddie am 5. September 1985 fotografiert wurde? Hier versucht der Regisseur aus Polen, die Facetten des einen, tollen, so merkwürdigen wie selbstbewussten, zickigen wie über Tod und Sterben philosophierenden Rockstars aufzuzeigen. Diese Popstar-Zerlegung hat etwas Dynamisches, wird mit wechselnden Persönlichkeits-Aspekten ein Ganzes. In Deutsch-Englisch mit Übertiteln. Sehr eindringlich und bewegend, auch wenn es immer wieder zu Verständnis-Schwierigkeiten kommt und vieles letztlich redundant wird. Das Schillernde des schwierigen, unwiderstehlichen Freddie Mercury kam ebenso zum Ausschwingen wie dessen Unverblümtheit, Kindlichkeit und Verletzlichkeit. Was fehlte, ist etwa seine Beziehung zur erklärt einzigen besten Freundin Mary Austin, die nicht wenig von seinem Vermögen erbte und dafür sorgte, dass niemand weiß, wo das Idol begraben ist.
Ein „ewig Rätsel“ wie Märchenkönig Ludwig II. wird Freddie Mercury bleiben. Der Dramaturgin Katrin Michaels zufolge will das Stück nicht Wahrheiten ans Licht bringen, sondern sich Mercurys „Geheimnis von mehreren Seiten und mit verschiedenen theatralen Ansätzen“ nähern. Was es auch tut. Am 5. September 2026 wäre der Sphinxhafte 80 Jahre alt geworden. Einer seiner Zeitzeugen, Dietmar Holzapfel, Chef der „Deutschen Eiche“ in der Münchner Reichenbachstraße, ließ an der Fassade seines berühmten Lokals und Schwulenbades ein Freddie Mercury-Porträt anbringen. Hans Pleschinski, der Münchner Autor und Freddie-Kenner, wird 70. Sein Roman von 2003 „Bildnis eines Unsichtbaren“ kam gerade bei C. H. Beck neu heraus. Es lässt authentisch in die Münchner Schwulenszene der 1980/90er Jahre blicken.
