Prävention von neurologischen und psychischen Krankheiten, die rasche Erwärmung der Arktis mit weltweiten Folgen und die zunehmende Anzahl von Satelliten im Weltraum – diese drei Themen haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden von den Wissenschaftsakademien der G7-Staaten für die Agenda des diesjährigen G7-Gipfels in Frankreich vorgeschlagen. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron nahm gestern in Paris die Stellungnahmen zu „Advancing Brain Health“, „The global Arctic“ und „Large Satellite Constellations“ aus den Händen der Akademiepräsidentinnen und -präsidenten entgegen. Die Papiere waren zuvor mit Beteiligung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina erarbeitet worden.
„Mit diesen Stellungnahmen zu Hirngesundheit, Arktis und Satelliten adressieren wir globale Fragestellungen, die wissenschaftsbasierte und international abgestimmte Lösungen erfordern. Dass der G7-Prozess einen so konstruktiven inhaltlichen Austausch der Mitglieder aller sieben beteiligten Akademien ermöglicht, ist in Zeiten zunehmender geopolitischer Verwerfungen von großem Wert“, sagt Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
In Vorbereitung auf den diesjährigen G7-Gipfel vom 15. bis 17. Juni in Évian/Frankreich, haben der Science Council of Japan, die italienische Academia Nazionale dei Lincei, die Royal Society of Canada, die US-amerikanische National Academy of Sciences, die britische Royal Society und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina unter Federführung der französischen Académie des sciences Stellungnahmen zu drei wissenschaftsbezogenen Themen erarbeitet:
Neurologische und mentale Gesundheit
Neurologische oder psychische Erkrankungen betreffen nahezu jeden dritten Menschen im Laufe des Lebens. Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich, Schätzungen zufolge belaufen sich diese weltweit auf jährlich fünf Billionen US-Dollar. Die G7-Akademien empfehlen deshalb, „Brain Health“ als wichtiges Thema in allen Lebensabschnitten eines Menschen – von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter – zu behandeln und nicht allein in der Gesundheitspolitik zu verorten, sondern politikfeldübergreifend zu betrachten. Dazu wird empfohlen, auf G7-Ebene einen „Brain Health Advisory Council“ einzurichten – einen Beirat, der wissenschaftsbasierte Leitlinien für politische Maßnahmen formulieren, aufkommende Innovationen identifizieren und die Einhaltung ethischer Maßstäbe beaufsichtigen könnte. Um sowohl wissenschaftliche als auch klinische Erfolge in der Hirnforschung zu beschleunigen, werden die G7-Staaten aufgefordert, eine Initiative für Investitionen und Innovation auszurufen, um die Finanzierung durch öffentliche Ressourcen und privates Kapital zu sichern. Für den medizinischen Fortschritt sei es außerdem wichtig, die Potenziale großer Datenbestände, künstlicher Intelligenz, moderner Bildgebung und Genomforschung zu nutzen. Da neurologische und psychische Erkrankungen für Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen eine besondere Herausforderung darstellen, sollten die empfohlenen Initiativen auch über die G7-Ebene hinaus geplant werden.
Arktis als Frühwarnsystem
Die Arktis erwärmte sich in den vergangenen 40 Jahren nahezu viermal so stark wie der globale Durchschnitt. Die Folgen sind vor Ort sichtbar: Meereis und Gletscher gehen zurück, Permafrostböden tauen, Küsten erodieren, Waldbrände nehmen zu und Ökosysteme verändern sich. Die Veränderungen bleiben jedoch nicht auf die Region beschränkt. Tauende Permafrostböden können große Mengen Kohlendioxid und Methan freisetzen. Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Veränderungen in der Arktis können außerdem Meeresströmungen, Wettermuster und Ökosysteme weit über die Region hinaus beeinflussen. Die Stellungnahme beschreibt die Arktis deshalb als Frühwarnsystem. Die G7-Akademien rufen die G7-Staaten dazu auf, am Pariser Klimaschutzabkommen festzuhalten und Treibhausgasemissionen rasch und dauerhaft zu senken. Sie fordern zudem ein Moratorium für Geoengineering in der Arktis. Zugleich sollten internationale und interdisziplinäre Forschungskooperationen zu den Veränderungen in der Arktis gestärkt und indigenes und lokales Wissen einbezogen werden.
Große Satellitenkonstellationen
Immer mehr Satelliten werden in niedrige und mittlere Erdumlaufbahnen gebracht. Große Satellitenkonstellationen können weltweit den Internetzugang verbessern, Kommunikation in abgelegenen Regionen ermöglichen und die Erdbeobachtung in nahezu Echtzeit unterstützen. Gleichzeitig entstehen Risiken: Die wachsende Zahl von Satelliten erhöht die Gefahr von Kollisionen und Weltraumschrott. Außerdem ist unklar, wie stark häufige Raketenstarts und Wiedereintritte von Satelliten und Raketenstufen die obere Atmosphäre mit Chemikalien und Staubpartikeln belasten. Die G7-Akademien empfehlen, Forschung über die Auswirkungen der Raumfahrt für die Atmosphäre und die Entwicklung satellitengestützter Kommunikationsnetze zu unterstützen, zugleich aber klare Regeln für deren nachhaltige Nutzung zu schaffen. Dazu zählen verbindliche Standards für das „Deorbiting”, also das Entfernen ausgedienter Satelliten aus der Umlaufbahn, bessere Systeme zur Überwachung der Nutzung des Erdorbits und belastbare Abschätzungen, wie viele Objekte bestimmte Umlaufbahnen langfristig sicher aufnehmen können.
Die gemeinsamen Stellungnahmen der G7-Wissenschaftsakademien in englischer Sprache, die deutschsprachigen Arbeitsübersetzungen sowie Informationen zum G7-Prozess und zur Beratung durch die Wissenschaftsakademien finden sich unter: www.leopoldina.org/aufgaben/empfehlen-und-beraten/internationale-politikberatung/g7
