Der wahre Künstler ist ein Todesartist.“ Erinnerungen an den Suizid des Schriftstellers Hermann Burger

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Hermann Burger (1942 – 1989) war ein erfolgreicher schweizerischer Romancier, Lyriker, Erzähler und Essayist. Er war vielseitig begabt und stand oft im Rampenlicht der Medien. Er litt unter einer manisch-depressiven Erkrankung (bipolaren Störung), die vermutlich seinen Suizid wesentlich mitbedingt hat. Zahlreiche fachspezifische Behandlungen der Psychiatrie und Psychotherapie konnten wohl seinen Suizid nicht verhindern. Ein Jahr vor seinem Suizid veröffentlichte er sein Buch „Tractatus logico-suicidalis“. In vielen anderen seiner früheren Werke ging es oft um Tod und Suizid. Insofern war die Umwelt nicht überrascht, als es schließlich geschah. Am 28. Februar 1989 nahm sich Hermann Burger durch eine Überdosis von Medikamenten das Leben.

Zum 25. Todestag erschien im Jahr 2014 eine Werkausgabe in acht Bänden. Unter Literaturwissenschaftlern erhielt er bis heute große Resonanz, was an der umfangreichen Sekundärliteratur über Hermann Burger deutlich wird. Sein wichtigster Förderer und Mentor war zu Lebzeiten der „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, der ihn mit überschwänglichen und lobreichen Rezensionen sowie einem Nachruf der literarischen Welt näherbrachte. In seinem Nachruf schrieb er 1989 in der FAZ: „Die deutschsprachige Literatur hat einen ihrer originellsten Sprachkünstler verloren“.

Kurzes biografisches Porträt

Hermann Burger wurde am 10. Juli 1942 in Aarau in der Schweiz geboren. Sein Vater war Versicherungsinspektor und seine Mutter war Hauswirtschaftslehrerin. Er hatte noch zwei jüngere Geschwister. Er zeigte sich schon frühzeitig als vielseitig künstlerisch begabt: er war sehr musikalisch, spielte drei Instrumente, war gut in Malen und Zeichnen und war auch sprachlich sehr begabt. Sein Abitur absolvierte er an der Alten Kantonsschule Aarau und studierte dann an der Universität Zürich – zuerst Architektur, dann Germanistik und Kunstgeschichte.

Das Leben von Hermann Burger war schon bald durch Depressionen und Psychiatrie-Aufenthalte stark überschattet. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne. Der exzentrische Lebensstil und Eheprobleme führten dazu, dass seine Frau ihn verließ. Krankheiten und Krisen prägten die letzte Phase seines kurzen Lebens. Wie von ihm angekündigt, hat er sich am 28. Februar 1989 in Brunegg mit einer Überdosis von Barbituraten suizidiert.

Akademische Laufbahn 

Vor seiner Karriere als erfolgreicher Schriftsteller studierte Hermann Burger Architektur. Dieses Studium brach er ab und wechselte in die Germanistik. Dort gefiel es ihm besser. Er schloss das Germanistikstudium erfolgreich ab und promovierte im Jahr 1973 bei Emil Staiger an der Universität Zürich über Paul Celan mit „summa cum laude“. Seine Dissertationsschrift wurde 1974 unter dem Titel „Paul Celan. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache“ im Artemis-Verlag in Zürich publiziert. Burger betätigte sich weiterhin wissenschaftlich, habilitierte sich im Jahr 1974 im Fach Germanistik und wurde Privatdozent für deutsche Literatur an der ETH Zürich. Diese Lehrtätigkeit übte er bis zu seinem Tod aus. Zusätzlich war er für namhafte schweizerische und deutsche Zeitungen als Journalisttätig. Seine schriftstellerischen Erfolge, sein akademischer Background und seine große Medienpräsenz führten dazu, dass er in Zürich und im Aargau zu einer berühmten Persönlichkeit wurde.

Schriftstellerisches Oeuvre

Von Hermann Burger erschienen zu Lebzeiten 18 Bücher. Er schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Sein erstes Buch war im Jahr 1967 der Gedichtband „Rauchsignale“. Drei Jahre später folgte der Erzählband „Bork“. Sein Roman-Debüt feierte er im Jahr 1976 mit dem Erfolgsroman „Schilten“. Viele Jahre erschienen seine Bücher im Fischer Verlag. Kurz vor seinem Tod wechselte er zum Suhrkamp-Verlag. Dort erschien der erste Band seiner geplanten Brenner-Tetralogie. Über die autobiografisch geprägte Hauptfigur Hermann Arbogast Brenner wollte Hermann Burger vier Romane schreiben. Sein Suizid war – Zufall oder Fügung? – genau einen Tag vor Erscheinen des Brenner-Bandes. Der zweite unvollständige Band wurde schließlich posthum veröffentlicht.

Zum 25. Todestag wurde im Jahr 2014 im Verlag Nagel & Kimche eine Werkausgabe in 8 Bänden publiziert. Da im 21. Jahrhundert ein großes Interesse an Burgers Werk entstand und der Umfang an Sekundärliteratur stark anstieg, ist durch dieseWerkausgabe Literaturwissenschaftlern und interessierten Lesern der Zugang zu Hermann Burgers Werk erleichtert worden. Sein umfangreicherNachlass liegt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Die beiden Germanisten Simon Zumsteg und Magnus Wieland sorgen als Herausgeber für die Edition weiterer Werke aus dem Nachlass. Posthum sind nach dem zweiten Brenner-Band noch die Bücher „Der Lachartist“ (2009), „Lokalbericht“ (2016) sowie „Zauberei und Sprache“ (2022) erschienen.

Zum 20. Todestag von Hermann Burger im Jahr 2009 waren zwei wichtige Gedächtnisaktivitäten, die die Resonanz für den Schriftsteller beflügelten. Unter dem sinnreichen Titel „Nachlass zu Todeszeiten“ erfolgte eine umfangreiche Hermann-Burger-Ausstellung. Der Germanist, Nachlass-Verwalter und Burger-Experten Simon Zumsteg und Magnus Wieland gaben einen Sammelband mit dem Titel „Der Lachartist“ heraus.

Krankheiten und Suizid

Hermann Burger hatte einen sehr exzessiven und extravaganten Lebensstil. Er raste hochtourig durchs Leben und hatte schon immer den Tod vor Augen. Das war aufregend, stressig und nicht gerade gesund. Eine fundierte Aufarbeitung der psychiatrischen Krankengeschichte liegt noch nicht vor, wäre aber für das Verständnis der Suizidmotive durchaus wünschenswert. Etwa seit dem 30. Lebensjahr litt er unter Depressionen und war lange in fachpsychiatrischer Behandlung. Bei ihm wurde die Diagnose einer Manisch-depressiven Erkrankung (Bipolaren Störung) gestellt. Seine Mutter litt auch unter Depressionen. Hermann Burger war auch leidenschaftlicher Zigarrenraucher – wie Thomas Mann oder Sigmund Freud. Seine Vorfahren waren in der Schweiz bekannte Zigarrenproduzenten. Burger rauchte exzessiv Zigarren und Zigaretten. Je älter Hermann Burger wurde, desto schlechter waren sein Gesundheitszustand und seine psychische Befindlichkeit. In seinen mündlichen Äußerungen und in seinem Werk werden eine Todesbesessenheit oder Todesfaszination spürbar. Seine Worte „Der wahre Künstler ist ein Todesartist“ unterstreichen dies mehr als deutlich. Nach der Veröffentlichung des Buches „Tractatus logico-suicidalis“ lag für viele Menschen, die ihn kannten, ein drohender Suizid in der Luft. Er hat ihn „herbeigeschrieben“ (Bartels 2009, Büttner 2022). Das Tractatus-Buch ist wie ein kluger Essay über den Suizid – vergleichbar mit dem Essay „Hand an sich legen“ von Jean Amery. Es ist gleichzeitig eine fundierte philosophische Abhandlung und eben auch eine Ankündigung seinesSuizids – der dann ein Jahr später erfolgte.

Literatur:

Bartels, Gerrit, Die Kunst des Selbstmords. Tagesspiegel vom 28. Februar 2009

Büttner, Jean-Martin, Hermann Burger. Ein Artist des Todes. Die Zeit vom 10. Juli 2022

Burger, Hermann, Paul Celan. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache. Artemis, Zürich 1974

Burger, Hermann, Tractatus logico-suicidalis. Über die Selbsttötung. S. Fischer, Frankfurt am Main 1988

Burger, Hermann, Werke in acht Bänden. Hrsg. Von Simon Zumsteg. Nagel & Kimche, München 2014

Reich-Ranicki, Marcel, Nachruf. Artist am Abgrund. Zum Tode des Schriftstellers Hermann Burger. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. März 1989

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email: herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.