Ein 7:1 zum Auftakt überdeckte die Probleme. Danach stockte das Spiel, die Rollen der Leistungsträger blieben unklar und gegen Paraguay war schon vor dem Achtelfinale Schluss. Die Kritik trifft Spieler, Trainer und Verband. Jürgen Klopp kann einen Neustart auslösen – aber der große Name allein repariert den deutschen Fußball nicht.
Spanien ist Weltmeister, Deutschland nur noch Zuschauer. Während die Spanier ihren zweiten Titel holten und auf dem Weg durch acht Turnierspiele lediglich ein Gegentor zuließen, scheiterte die deutsche Auswahl im Sechzehntelfinale an Paraguay. Nach 120 Minuten stand es 1:1, im Elfmeterschießen verlor das DFB-Team 3:4. Der Absturz zeigt sich inzwischen auch in Zahlen: In der neuen FIFA-Weltrangliste fiel Deutschland von Platz zehn auf Rang zwölf. Das ist keine Momentaufnahme mehr, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, die seit dem WM-Titel von 2014 immer wieder verdrängt wurde.
Die Versuchung ist groß, das Scheitern mit Schlagworten wie „Luxusboys“, fehlender Ehre oder angeblicher Prämiengier zu erklären. Für die Behauptung, Nationalspieler hätten bei dieser WM vor allem auf Geld geschielt, gibt es jedoch keinen belastbaren Beleg. Die nachweisbaren Probleme sind nüchterner – und für den DFB unangenehmer: ein langsamer Spielaufbau, eine ungeklärte Rollenverteilung, fehlende defensive Stabilität, ein schlecht austariertes Mittelfeld und eine Mannschaft, die unter Druck ihre Sicherheit verlor.
Der 7:1-Irrtum
Das 7:1 gegen Curaçao wirkte wie ein Befreiungsschlag. Tatsächlich war es vor allem ein gefährlicher Täuschungseffekt. Schon beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste geriet das deutsche Spiel ins Stocken, gegen Ecuador folgte ein 1:2, das die Schwächen offenlegte. Im entscheidenden Spiel gegen Paraguay fehlten dann Tempo, Präzision und eine überzeugende Idee für den letzten Drittel. Die ZDF-Analyse sprach von einem Abwärtstrend während des Turniers und einem kaum erkennbaren Matchplan. Die Süddeutsche Zeitung bewertete das Ausscheiden trotz des Elfmeterschießens als völlig verdient.
Auch die Defensive bot keine Grundlage für einen langen Turnierweg. Deutschland blieb in keinem seiner vier WM-Spiele ohne Gegentor. Der Negativlauf reicht sogar weiter zurück: Seit dem WM-Finale 2014 gelang der Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft kein einziges Spiel mehr zu null. Wer bei einem Turnier nicht einmal gegen Außenseiter Kontrolle ohne Gegentreffer herstellen kann, muss nicht zuerst über Pech, Schiedsrichter oder Elfmeterschützen reden.
Nagelsmanns Hauptfehler: Anspruch und Wirklichkeit passten nicht zusammen
War Julian Nagelsmann selbstverliebt? Das ist eine psychologische Zuschreibung, die sich nicht als Tatsache belegen lässt. Beobachtbar war aber eine große Selbstgewissheit. Nach der Heim-EM hatte er den WM-Titel zum Ziel erklärt. In Nordamerika traf dieser maximale Anspruch auf eine Mannschaft, deren Grundordnung und Hierarchie bis zum Schluss nicht gefestigt wirkten. Das Problem war deshalb weniger Eitelkeit als taktische Selbstüberschätzung: Nagelsmann wollte viele gute Einzelspieler gleichzeitig unterbringen, ohne ihnen dauerhaft jene Rollen zu geben, in denen sie ihre Stärken am zuverlässigsten ausspielen.
Thomas Müller benannte genau diesen Punkt. Er kritisierte die ungeklärten Positionen von Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz und Joshua Kimmich. Kimmich spielte rechts in der Abwehr, obwohl er das Zentrum prägen kann. Musiala und Wirtz suchten ähnliche Räume. Havertz blieb zwischen Mittelstürmer, Verbindungsspieler und Ausweichbewegungen hängen. Der Tagesspiegel führte zusätzlich die fehlende Alternative auf der rechten Abwehrseite und Probleme im Mittelfeldzentrum an. So entstand keine feste Achse, sondern eine Mannschaft, die ständig Lösungen suchte, statt auf eingeübte Abläufe zurückgreifen zu können.
Das Paraguay-Spiel lieferte dafür ein besonders deutliches Bild. Deniz Undav, zuvor als Joker mit drei Toren und zwei Vorlagen erfolgreich, begann anstelle von Musiala. Die Entscheidung war nicht automatisch falsch. Doch die Mannschaft fand den Stürmer kaum. In der ersten Halbzeit hatte Undav nur acht Ballkontakte, eine Passquote von 25 Prozent und gewann 14 Prozent seiner Zweikämpfe. Diese Werte sprechen nicht allein gegen den Spieler. Sie zeigen vor allem, dass die Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff nicht funktionierte.
Die Süddeutsche Zeitung sah in der Offensive keine klar erkennbare Idee, die WELT listete fragwürdige Personalentscheidungen, taktische Widersprüche und Kommunikationsprobleme auf. Das sind unterschiedliche Analysen, die auf denselben Kern zulaufen: Deutschland hatte viele Namen, aber keine belastbare Spielordnung.
Der Auftritt nach dem Aus verschärfte die Kritik
Nagelsmann räumte auf der DFB-Seite selbst ein, der Spielvortrag sei „super langsam“ gewesen und die Mannschaft habe nach dem Rückstand zu wenig Präsenz gezeigt. Zugleich stellte er das aberkannte Tor von Jonathan Tah stark heraus. Sein eigenes Fazit lautete, Deutschland gehöre derzeit nicht zur Weltspitze. Diese Einschätzung war realistisch. Weniger glücklich wirkte die öffentliche Reaktion unmittelbar nach dem Scheitern.
Mehrere Kommentatoren beschrieben den Bundestrainer als kühl, dünnhäutig oder wenig demütig. Der Tagesspiegel kritisierte, Nagelsmann habe sich am aberkannten Treffer festgehalten und nach dem Spiel Verantwortung vermissen lassen. Die Süddeutsche Zeitung verwies auf seinen seltsam distanzierten Auftritt. Auch hier gilt: Das beweist keinen Charakterfehler. Es erklärt aber, warum bei vielen Beobachtern der Eindruck entstand, der Trainer habe das Aus zunächst eher verteidigt als aufgearbeitet.
„Luxusboys“ ist Wut – aber keine Analyse
Der harte Ton vieler Fans ist nach dem dritten enttäuschenden WM-Turnier in Folge nachvollziehbar. Trotzdem führt die moralische Anklage gegen angeblich satte Profis in die falsche Richtung. Spieler wie Musiala, Wirtz, Havertz oder Kimmich sind nicht deshalb gescheitert, weil sie zu viel verdienen. Sie scheiterten, weil ihre Aufgaben nicht präzise genug ineinandergriffen, weil die Mannschaft zu selten gemeinsam Druck entwickelte und weil sie in schwierigen Phasen weder spielerische noch körperliche Dominanz ausstrahlte.
Jürgen Klinsmann formulierte die sportliche Kritik drastisch, aber konkreter: Die DFB-Elf sei „zu weich“ gewesen und nicht fähig zu leiden. Gemeint war nicht nostalgische Härte um ihrer selbst willen. Auf höchstem Niveau geht es um Zweikampfstärke, Gegenpressing, Laufbereitschaft, Konzentration und die Fähigkeit, nach Rückschlägen sofort wieder Kontrolle zu gewinnen. Genau darin war Weltmeister Spanien überlegen: klare Abstände, automatisierte Dreiecke, Ruhe am Ball und eine Defensive, die das gesamte Turnier fast nichts zuließ.
Was Jürgen Klopp anders machen muss
Jürgen Klopp steht kurz vor dem Bundestraineramt, offiziell abgeschlossen ist der Wechsel jedoch noch nicht. Er bestätigte eine Einigung mit Red Bull, wies aber ausdrücklich darauf hin, dass die Entscheidung des DFB und seiner Gremien noch aussteht. Nach aktuellem Plan soll die Vorstellung in den kommenden Tagen erfolgen. Schon vor der Unterschrift hat Klopp einen wichtigen Unterschied zu Nagelsmann erkennen lassen: Er will die Erwartungen zunächst auf ein erfüllbares Maß zurückführen.
Klopp sagte, man müsse „Erwartungshaltungen kreieren, die man erfüllen kann“. Das klingt unspektakulär, ist aber der erste notwendige Schritt. Deutschland muss aufhören, den vierten Stern als Beweis einer dauerhaft bestehenden Weltklasse zu behandeln. Ein Neuaufbau beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme.
Erstens: eine feste Achse. Klopp muss Torwart, Innenverteidigung, zentrale Mittelfeldrollen und Sturmzentrum früh definieren. Ein Nationalteam hat wenig Trainingszeit. Deshalb sind Wiedererkennbarkeit und klare Zuständigkeiten wichtiger als ständige Überraschungen.
Zweitens: die besten Spieler auf ihren besten Positionen. Musiala und Wirtz dürfen nicht gleichzeitig in denselben Räumen verschwinden. Kimmich muss dort eingesetzt werden, wo sein Einfluss am größten ist. Havertz braucht eine eindeutige Aufgabe. Nicht die Zahl der Stars entscheidet, sondern ihr Zusammenspiel.
Drittens: Verteidigung als Mannschaftsaufgabe. Deutschland muss wieder Spiele kontrollieren können, ohne bei jedem Tempoangriff offen zu sein. Dazu gehören kompakte Abstände, konsequentes Gegenpressing und ein Mittelfeld, das Zweikämpfe nicht nur begleitet, sondern gewinnt.
Viertens: weniger öffentliche Überhöhung. Klopp lebt von Emotion, doch seine größten Erfolge in Dortmund und Liverpool entstanden aus klaren Prozessen. Die Nationalmannschaft braucht keine neue Titelparole, sondern überprüfbare Fortschritte: stabilere Abläufe, weniger Gegentore, mehr Chancen aus dem Spiel und eine belastbare Hierarchie.
Fünftens: eine deutsche Identität statt einer Kopie. Philipp Lahm fordert einen klaren Plan und eine wiedererkennbare Spielidee. Er warnt zu Recht davor, Spanien einfach nachzuahmen. Deutschland braucht technische Qualität, Tempo und Mut – aber ebenso jene Verbindlichkeit, die aus elf Einzelspielern eine Turniermannschaft macht.
Klopps Name ist keine Reparaturgarantie
Jürgen Klopp kann der Mannschaft Energie, Klarheit und Glaubwürdigkeit geben. Er kann Rollen festlegen, Konkurrenz neu ordnen und die Öffentlichkeit hinter einem Neuaufbau versammeln. Aber auch er kann fehlende Weltklasse auf einzelnen Positionen nicht herbeireden. Der deutsche Fußball hat ein Ausbildungs-, Struktur- und Führungsproblem, das weit über die A-Nationalmannschaft hinausgeht.
Die wichtigste Lehre aus dieser WM lautet deshalb nicht, dass Deutschland wieder mehr Pathos brauche. Es braucht weniger Selbsttäuschung. Der viermalige Weltmeister ist derzeit keine Spitzenmannschaft. Das frühe Aus gegen Paraguay, die fehlende defensive Stabilität und Rang zwölf in der Weltrangliste sind dafür klare Belege. Klopp kann den Weg zurück beginnen. Er wird ihn aber nur schaffen, wenn der DFB endlich aufhört, einzelne Siege mit einer Trendwende zu verwechseln.
Quellen
- FIFA – Deutschland gegen Paraguay, offizielles Spielergebnis
- ZDFheute – Analyse des deutschen WM-Aus
- Süddeutsche Zeitung – Spielbericht und Kommentar zum Paraguay-Aus
- Süddeutsche Zeitung – Analyse der deutschen Offensive
- Süddeutsche Zeitung – Nagelsmanns Auftritt nach dem Ausscheiden
- Tagesspiegel – Zehn Gründe für das frühe Scheitern
- Tagesspiegel – Kommentar zum Auftreten nach dem WM-Aus
- WELT – Analyse der Fehler Nagelsmanns
- BILD – Thomas Müllers Kritik an der Rollenverteilung
- Sportschau – Spielbericht mit Leistungsdaten zu Deniz Undav
- WELT – Klinsmanns Kritik an der körperlichen und mentalen Härte
- Süddeutsche Zeitung – Philipp Lahms Forderung nach Identität
- Sportschau – aktueller Stand der Gespräche mit Jürgen Klopp
- WELT – Klopps Plan und realistische Erwartungshaltung
- BILD – neue FIFA-Weltrangliste
- t-online – deutsche WM-Serie ohne Zu-null-Spiel
- DFB – Nagelsmanns eigene Analyse nach dem Paraguay-Spiel
