Innerhalb weniger Tage sind mehr als 1.500 Menschen in der spanischen Exklave Ceuta angekommen. Die Unterkünfte sind voll, weitere Gruppen erreichen die Stadt über Land und Meer. Regionalpräsident Juan Jesús Vivas fordert zusätzliche Sicherheitskräfte und den Einsatz des Militärs. Madrid will davon bislang nichts wissen.
Am Strand von Tarajal schwimmen Menschen um den Wellenbrecher, andere gelangen über Grenzanlagen und Straßen in die Stadt. Aufnahmen vom Donnerstag zeigen größere Gruppen, die sich durch Ceuta bewegen. Polizei, Rettungsdienste und die Aufnahmeeinrichtungen stehen seit Tagen unter wachsendem Druck.
Nach Angaben der Behörden kamen binnen ungefähr einer Woche mehr als 1.500 Migranten nach Ceuta, viele von ihnen über das Meer. Die Tagesschau berichtet unter Berufung auf RTVE und die Regionalbehörden von erneut Hunderten Ankünften innerhalb weniger Stunden. T-Online, dpa, Reuters und EFE und melden für Donnerstag ebenfalls einen massiven Andrang. Eine eigene Gesamtzahl legte die spanische Polizei zunächst nicht vor.
Mehr als 1.500 Ankünfte in wenigen Tagen
Die Angaben schwanken, weil sich die Lage laufend verändert. Euronews nennt mehr als 1.500 Ankünfte in den vergangenen Tagen und beschreibt den Donnerstagmorgen als besonders angespannt. Auch WELT berichtet von mehr als 1.500 Menschen und weiteren Ankünften im Tagesverlauf. BILD schildert überfüllte Einrichtungen und Menschen, die im Freien übernachten müssen.
Ceuta hat knapp 85.000 Einwohner. Die Zahl der Neuankömmlinge bringt die Stadt deshalb schnell an Grenzen. Regierungschef Juan Jesús Vivas warnt vor überlasteten Unterkünften. Besonders schwierig ist die Lage bei unbegleiteten Minderjährigen. In Teilen der Stadt schlafen Menschen inzwischen auf Gehwegen oder vor Aufnahmezentren.
Vivas verlangt Soldaten an der Grenze
Vivas fordert von der Zentralregierung zusätzliche Polizeieinheiten und Soldaten für die Grenze zu Marokko. Er spricht von einer Frage der nationalen Sicherheit. Seine Forderung richtet sich direkt an Madrid, denn Ceuta kann über einen solchen Einsatz nicht selbst entscheiden.
Ministerpräsident Pedro Sánchez setzt bislang auf einen anderen Kurs. Nach seiner Darstellung mobilisiert die Regierung zusätzliche Mittel und stimmt sich eng mit Marokko ab. Einen nationalen Notstand nach dem Zivilschutzrecht will Madrid nicht ausrufen. Das Innenministerium verweist darauf, dass Migrationsbewegungen unter diese Regelung nicht fallen.
Spanien und Marokko wollen zugleich die Zusammenarbeit an der Grenze verstärken. Nach einem Bericht von El País sollen auch Rückführungsverfahren für Menschen beschleunigt werden, die irregulär nach Ceuta gelangt sind. Innenminister Fernando Grande-Marlaska kündigte einen Besuch in der Exklave an.
Zwei Tote binnen weniger Stunden
Am Mittwoch fand die Guardia Civil binnen weniger Stunden zwei Leichen. Die Toten waren mutmaßlich beim Versuch gestorben, Ceuta schwimmend zu erreichen. Vivas zufolge wurden in den vergangenen zwölf Monaten rund 60 Leichen mutmaßlicher Migranten geborgen. Der Weg vom marokkanischen Ufer wirkt kurz, doch Strömung, Erschöpfung und schlechte Sicht machen ihn gefährlich.
Ceuta und Melilla sind die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union auf dem afrikanischen Kontinent. Seit Jahren versuchen Migranten aus Marokko, Algerien und Staaten südlich der Sahara über beide Exklaven auf EU-Gebiet zu gelangen. Manche versuchen es über die Grenzanlagen, andere über das Meer.
Ceuta erinnert sich an 2021
Schon im Mai 2021 geriet Ceuta in eine ähnliche Lage. Damals kamen innerhalb kurzer Zeit mehr als 8.000 Menschen aus Marokko in die Exklave. Zwischen Madrid und Rabat tobte zu dieser Zeit ein diplomatischer Streit. Spanien warf Marokko vor, die Kontrollen an der Grenze gelockert zu haben.
Auch jetzt gibt es Spekulationen über die Rolle der marokkanischen Behörden. Belegt ist eine gezielte politische Steuerung bislang nicht. Madrid betont vielmehr, dass Rabat bei der Eindämmung der aktuellen Grenzübertritte mit Spanien zusammenarbeite.
Gerichtsurteil sorgt zusätzlich für Streit
Politisch brisant ist zudem eine Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs. Menschen, die Ceuta schwimmend erreichen, dürfen danach nicht ohne individuelles Verfahren unter Berufung auf die Sonderregeln für die Grenzanlagen unmittelbar zurückgewiesen werden. Die Regierung Ceutas und die konservative Volkspartei PP verlangen deshalb Änderungen am Ausländerrecht.
Dass das Urteil den jüngsten Anstieg der Ankünfte ausgelöst hat, lässt sich nicht belegen. Für die Behörden verändert es allerdings den rechtlichen Rahmen. Entsprechend scharf wird darüber inzwischen gestritten.
In Ceuta zählt derweil vor allem, was sich vor Ort bewältigen lässt. Die Unterkünfte sind überfüllt, weitere Menschen kommen an, Polizei und Hilfsdienste arbeiten unter hoher Belastung. Vivas erhöht deshalb den Druck auf Madrid. Ob Sánchez seinem Ruf nach Soldaten folgt, ist bislang offen.
