Wenn Sabine Holbrook auf die Rennstrecke fährt, spürt man sofort: Hier sitzt jemand, für den Motorradfahren mehr ist als ein Hobby. Die Schweizerin aus Trasadingen hat sich mit über 200 km/h in eine Welt gewagt, die lange fast ausschließlich Männern gehörte – und sich dort ihren Platz erkämpft. Bemerkenswert dabei: Ihre Karriere begann spät. Erst mit Anfang 30 stieg Sabine Holbrook zum ersten Mal auf eine Rennmaschine, nachdem sie den „Motorrad-Virus“ bei einem Sicherheitstraining auf der Rennstrecke gepackt hatte. Was folgte, war ein rasanter Aufstieg: Starts in der Superbike-Klasse der FIM European Alpe Adria Road Racing Championship, Rennen im spanischen Copa España und im Yamaha R6 Cup auf Strecken wie Valencia, Jerez, Aragón, Navarra und Barcelona, dazu Partnerschaften mit BMW Motorrad Schweiz, TAG Heuer und weiteren Marken.

Doch Holbrooks Weg war nie nur eine Erfolgsgeschichte. 2015 stürzte sie beim Qualifying auf dem Hungaroring schwer und zog sich komplizierte Verletzungen an der rechten Hand zu, die monatelange Reha und mehrere Operationen nötig machten. Wenige Jahre später verlor sie ihren Lebenspartner Ruedi, der sie als Mechaniker, Teamchef und engster Vertrauter durch ihre gesamte Karriere begleitet hatte, an eine Krebserkrankung. Dass sie nach solchen Einschnitten immer wieder zurück auf die Strecke fand, sagt viel über die Frau, die von sich selbst sagt, Mut bedeute vor allem: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Bereitschaft, nach einem Rückschlag um erneut zu kämpfen.
Heute ist Sabine Holbrook nicht nur aktive Rennfahrerin, sondern auch Unternehmerin, Markenbotschafterin und zweifache Mutter, die sich mit eigenen Fahrtrainings – darunter Angebote exklusiv für Frauen – dafür einsetzt, mehr Frauen für den Motorsport zu begeistern. Im Interview spricht sie über ihre Leidenschaft für den Rennsport, den oft mühsamen Weg zu Sponsoren und Kooperationspartnern, ihre Rolle als Mutter im Hochleistungssport, die schwersten Momente ihrer Karriere – und darüber, was sich für Frauen im Motorsport noch ändern muss.
Markus Hofmann: Du bist erst relativ spät zum Motorradrennsport gekommen – was hat dich damals so gepackt, dass du beschlossen hast, es ernsthaft anzugehen?
Sabine Holbrook: Ich bin tatsächlich erst viel zu spät zum Motorradrennsport gekommen, eigentlich in einem Alter, in dem andere schon an den Ruhestand denken. Was mich damals sofort gepackt hat, war die Kombination aus Geschwindigkeit, Präzision und Adrenalin. Im Rennen musst du in jeder Sekunde komplett fokussiert sein und gleichzeitig ein sehr gutes Gefühl für das Motorrad sowie einen klaren Plan für das Rennen haben. Genau diese Mischung hat mich fasziniert. Ich habe auch sehr schnell gemerkt, dass ich eine gewisse Begabung habe und ein sehr gutes Gefühl für das Motorrad mitbringe. Das hat mich zusätzlich motiviert, weil ich trotz meines späten Einstiegs und ohne jegliche Grundlagen oder Ausbildung schnell sehr gut war.
Als ich dann gesagt habe, dass ich professionell Motorrad fahren möchte, wurde ich regelrecht ausgelacht. Aber genau das hat mich noch mehr angetrieben. Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, auch wenn der Weg ungewöhnlich ist. Dazu kam, dass ich gemerkt habe, wie viel man in diesem Sport mit Disziplin, Training und Willensstärke erreichen kann. Es war nie nur ein Hobby, sondern etwas, das mich wirklich gefordert und gleichzeitig begeistert hat. Irgendwann war für mich klar: Ich will das nicht nur ausprobieren, ich will es ernsthaft und professionell machen.

MH: Was macht für dich den besonderen Reiz am Rennfahren aus, auch nach all den Jahren im Sattel?
SH: Für mich liegt der besondere Reiz am Rennfahren bis heute in der einzigartigen Mischung aus Präzision, Fokus, körperlicher Belastung und der perfekten Abstimmung des Motorrads. Was mich auch nach all den Jahren fasziniert, ist, dass sich der Sport so stark verändert hat. Der Fahrstil ist heute viel körperlich anspruchsvoller, die Technik deutlich komplexer geworden.
Das Zusammenspiel mit dem Team ist enorm wichtig, und auch die Abstimmung des Motorrads auf elektronischer und fahrwerkstechnischer Ebene muss perfekt passen. Meine Aussagen als Fahrerin müssen sehr präzise sein, und ich muss Runde für Runde absolut genau im Zehntelbereich fahren, damit die Daten überhaupt richtig ausgewertet werden können.
Auch körperlich muss ich mich in der Vorbereitung viel mehr einsetzen, um heute mit den jungen Profi-Fahrern mithalten zu können. Sie trainieren täglich auf dem Motorrad und machen am Abend oft noch eine zusätzliche Sporteinheit. Genau deshalb kann man sich nie auf dem Erreichten ausruhen. Ich muss ständig dazulernen, an mir arbeiten und versuchen, immer noch ein bisschen besser zu werden. Jeder Lauf ist eine neue Herausforderung, bei der es darauf ankommt, in Sekundenbruchteilen die richtigen Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig vollkommen im Moment zu sein.

MH: Wie sieht ein typischer Vorbereitungsprozess für dich aus, bevor du an den Start gehst – mental wie körperlich?
SH: Ein typischer Vorbereitungsprozess beginnt für mich schon lange vor dem Rennstart. Ich schaue mir die Rennstrecke vorab per Video an und präge mir alles genau ein. Vor Ort mache ich mir dann Notizen, und wir stimmen das Motorrad Schritt für Schritt ab.
Jeden Morgen, auch vor dem Rennen, habe ich eine feste Aufwärmroutine, mit der ich meinen Körper und auch meinen Fokus vorbereite. Zusätzlich visualisiere ich im Kopf die gefahrenen Runden — das ist für mich fast genauso effektiv wie tatsächliches Fahren.
Gerade vor dem Rennstart ist das besonders wichtig, weil wir kein Warm-up mehr fahren und Körper und Kopf direkt auf die Geschwindigkeit von teilweise fast 300 km/h kommen müssen. In der letzten halben Stunde vor dem Start höre ich oft noch Musik mit einer hohen Frequenz, damit sich mein Gehirn schon auf die Leistung und die hohe Intensität einstellt, die gleich gefordert ist.
MH: Motorsport ist teuer – wie gehst du die Suche nach Sponsoren und Partnern konkret an, und was macht für dich eine gute Partnerschaft aus?
SH: Ich gehe die Sponsorensuche sehr gezielt an. Dabei achte ich darauf, welche Unternehmen zu meinem sportlichen Weg, meiner Zielgruppe und meinen Werten passen, und entwickle dafür passende Konzepte für eine langfristige Zusammenarbeit. Mir geht es nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern um echte Partnerschaften, die für beide Seiten Mehrwert schaffen.
Ich kann Sponsoren eine authentische und glaubwürdige Präsenz im Motorsport bieten. Durch meine persönliche Lebensgeschichte, meine unternehmerische Erfahrung, meine Familie und meine sportlichen Erfolge vereine ich Eigenschaften, die eine hohe Identifikation ermöglichen und Unternehmen eine starke Leitbild- und Vorbildfunktion eröffnen können. Genau darin liegt für viele Partner ein Mehrwert, der über klassische Sponsoringleistungen hinausgeht.
Wichtig sind mir dabei vor allem Vertrauen, Ehrlichkeit und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Unternehmen, die eine glaubwürdige und langfristige Zusammenarbeit suchen, können sich jederzeit gerne direkt bei mir melden.

MH: Mit welchem Argument würdest du potenzielle Sponsoren überzeugen, die noch unsicher sind, ob sie in eine Rennfahrerin investieren sollen?
SH: Wer in mich investiert, investiert in eine erfolgreiche Pionierin im Motorsport. Über viele Jahre habe ich mich in einem anspruchsvollen, männerdominierten Umfeld behauptet und gezeigt, dass sich Familie, Beruf und sportlicher Erfolg miteinander verbinden lassen. Wer seine Ziele unbeirrbar und mit echter Leidenschaft verfolgt, erreicht Grosses. Genau das macht mich als Sportlerin, Unternehmerin und Mensch besonders und für Unternehmen attraktiv. Ich kämpfe immer.
MH: Gibt es Kooperationen, auf die du besonders stolz bist, und warum passen sie so gut zu dir?
SH: Aktuell werde ich vor allem von Unternehmen unterstützt, die mir mit Material, Produkten und praktischem Support zur Seite stehen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn im Motorsport ist genau diese Unterstützung ein wichtiger Teil des Erfolgs.
Besonders wertvoll sind für mich Kooperationen, die auf Vertrauen, gemeinsamen Werten und echter Identifikation basieren. Partnerschaften passen dann besonders gut zu mir, wenn sie meine Disziplin, meinen sportlichen Weg und meine Entwicklung als Rennfahrerin unterstützen.
In der Vergangenheit durfte ich bereits größere Partnerschaften und Markenbotschafter-Rollen erleben, die mir auch finanziell eine stabilere Basis für meinen Sport ermöglicht haben. Genau an diesen Punkt möchte ich wieder anknüpfen: mit professionellen Kooperationen, die Leistung, Sichtbarkeit, Authentizität und eine gemeinsame Geschichte verbinden.
Für neue Sponsoren bietet eine Zusammenarbeit die Möglichkeit, Teil eines ambitionierten Motorsportprojekts zu werden und gemeinsam langfristig etwas Starkes aufzubauen.
MH: Du bist Mutter von zwei Kindern und gleichzeitig Hochleistungssportlerin – wie bringst du Rennsport und Familienleben unter einen Hut?
SH: Ich bringe Rennsport und Familienleben mit viel Disziplin und Leidenschaft unter einen Hut. Früher war das organisatorisch oft eine Herausforderung und brauchte viel Flexibilität, aber genau das hat mich geprägt und gestärkt.
Meine Familie war immer eine grosse Motivation, und meine Kinder sind heute erwachsen und bis heute grosse Fans. Es ist mir sehr wichtig, sie stolz zu machen und ein Vorbild für sie zu sein. Das gibt mir Kraft und Antrieb, im Sport immer wieder alles zu geben.
MH: Was sagen deine Kinder dazu, dass ihre Mutter mit über 200 km/h unterwegs ist? Begleiten sie dich manchmal an die Rennstrecke?
SH: Meine Kinder sind heute selbstständig und nicht mehr so oft an der Rennstrecke dabei wie früher. Trotzdem freuen sie sich sehr über meine Erfolge und sind stolz, wenn ich wieder auf dem Podest stehe. Manchmal fahren wir auch gemeinsam auf der Kart Strecke mit kleinen Motorrädern – das sind dann besondere gemeinsame Momente.
MH: Nach deinem schweren Sturz und dem Verlust deines Lebenspartners Ruedi, der dich als Mechaniker und engster Vertrauter über Jahre begleitet hat – was hat dir in dieser Zeit geholfen, wieder Kraft zu finden und zurück auf die Strecke zu kommen?
SH: Nach dem Sturz war meine Haltung von Anfang an klar positiv und sehr stark: Ich wollte nur eines, so schnell wie möglich wieder Motorrad Rennen fahren. Im Spital habe ich mich voll auf die Lösungen konzentriert und mit dem Chirurgenteam alles darangesetzt, damit ich meine Hand so schnell wie möglich wieder benutzen kann. Es gab keinen Platz für negative Gedanken — nur den Willen, nach vorne zu schauen und den klaren Wunsch zurückzukommen nach neun Monaten.Nach dem Verlust von Ruedi haben mir vor allem meine Familie, meine innere Stärke und der Wille geholfen, nicht alles zu verlieren. Mir war bewusst, dass ich ein neues Leben aufbauen muss — und zwar im Moment ohne Motorsport, weil mir dafür die finanziellen Mittel und die Strukturen fehlen. Es war wichtig, trotz des Schmerzes hier zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und Schritt für Schritt einen neuen Weg zu finden. Gleichzeitig hat mich immer der Gedanke getragen, irgendwann wieder zu meinem Sport zurückkommen zu können. Das war nicht einfach, aber genau dieser Gedanke hat mir geholfen, wieder Kraft zu finden.

MH: Wie hat dich diese Zeit als Mensch und als Sportlerin verändert?
SH: Diese Zeit hat mich als Mensch und als Sportlerin sehr verändert. Ich musste viel tragen und aus dem Nichts Neues aufbauen. Dabei habe ich gelernt, dass man selbst dann, wenn man denkt, alles sei vorbei, mit Mut, Durchhaltevermögen und Willenskraft etwas Neues schaffen kann und mit Kraft vorangehen muss, ohne aufzugeben.
Vor allem hat sie mir gezeigt, wie wichtig es ist, auch für die Familie ein Vorbild zu sein. Und sie hat mir die Kraft gegeben, schlussendlich wieder den Weg zurück zum Motorsport zu finden.
MH: Du fährst regelmäßig Rennen in Spanien, unter anderem im Copa España – was macht diese Strecken und diese Meisterschaft für dich besonders?
SH: Spanien ist die Talentschmiede des Motorradrennsports. Allein in der MotoGP-Weltmeisterschaft fahren 26 spanische Fahrer in allen Klassen, dazu kommen die vielen Grand-Prix-Strecken sowie die unglaubliche Begeisterung für den Motorradrennsport, die das Land prägt.
Der Copa España ist für mich weit mehr als nur eine Meisterschaft. Er steht für Rennen auf sehr hohem Niveau, mit hoher Leistungsdichte und vielen jungen Talenten, die ihn als Sprungbrett nutzen. Daher muss ich mich als Fahrerin ständig weiterentwickeln. Genau diese Mischung aus Qualität, Konkurrenz und Leistungsdichte macht ihn für mich so interessant.
MH: Der Motorsport ist nach wie vor eine von Männern dominierte Domäne. Was hat sich aus deiner Sicht in den letzten Jahren für Frauen im Motorsport verändert – und wo siehst du noch den größten Nachholbedarf?
SH: Der Motorsport hat sich grundlegend verändert im Vergleich zu der Zeit, als ich angefangen habe. Damals war ich eine absolute Ausnahme. Teilweise wurde ich sogar gefragt, ob ich die Startnummer für meinen Mann abhole oder ob ich das Grid Girl sei — niemand ging einfach davon aus, dass ich selbst die Rennfahrerin bin. Es wurde auch gern gewettet, welcher Mann langsamer sei, und der Verlierer musste abends am Tisch eine Schürze tragen.
Heute ist das zum Glück anders. Es gibt viele junge Mädchen, die genauso früh anfangen wie die Jungs in den Nachwuchsschulen und ihren Weg bis nach oben machen. Wenn Mädchen den Wunsch und den Willen haben, steht ihnen nichts im Weg — und das ist fantastisch. Es gibt inzwischen unglaublich gute Fahrerinnen in unserem Sport. Ich starte immer gemeinsam mit Männern, da es keine eigenen Frauen-Starterfelder gibt. Aus meiner Sicht wäre eine separate Wertung für Frauen sinnvoll, weil sie für mehr Vergleichbarkeit sorgen und die Leistungen besser sichtbar machen würde.
MH: Du bietest mittlerweile auch eigene Fahrtrainings speziell für Frauen an – was möchtest du damit erreichen, und was rätst du Frauen, die selbst in den Motorsport einsteigen wollen?
SH: Mit meinen Fahrtrainings für Frauen möchte ich vor allem Mut machen und zeigen, dass auch Frauen auf der Rennstrecke ihren Platz haben. Mir ist wichtig, eine Umgebung zu schaffen, in der man sich sicher fühlt, Vertrauen aufbauen kann und ernst genommen wird. Viele Frauen haben Talent und Leidenschaft, brauchen aber manchmal einfach den richtigen Einstieg und jemanden, der sie auf diesem Weg stärkt.
Mein Rat ist ganz klar: nicht zögern, sondern losgehen. Wer den Wunsch hat, auf der Rennstrecke zu fahren, soll sich nicht einschüchtern lassen. Mit Willen, Disziplin und Begeisterung kann man sehr viel erreichen — und genau das möchte ich weitergeben.
Autor und Interview: Markus Hofmann
Fotos: Johnatan Jiménez Vazquez
