Kommunen am Limit – Die Demokratie wohnt nicht im Kanzleramt

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Kommentar von Stefan Groß-Lobkowicz.

achtet, wo die Kameras stehen. Im Bundestag, im Kanzleramt, in den Parteizentralen. Dabei entscheidet sich das Vertrauen in den Staat sehr viel häufiger an Orten, an denen kein Hauptstadtjournalist wartet: im Bürgeramt, in der Schule, im Schwimmbad, auf einer maroden Brücke, bei der Feuerwehr oder in der Frage, ob ein Bauantrag Monate oder Jahre liegen bleibt. Die Finanzkrise der Kommunen ist deshalb kein Nebenthema der Haushaltspolitik. Sie trifft den Staat an seiner sichtbarsten Stelle.

Die Zahlen sind inzwischen so groß, dass die gewohnte Beschwichtigung nicht mehr trägt. Nach Berichten rechnen die Kommunen auch in den kommenden Jahren mit Defiziten um die 30 Milliarden Euro jährlich; schon 2025 lag das Defizit kommunaler Haushalte bei nahezu 32 Milliarden Euro. Solche Summen sind abstrakt, bis man übersetzt, was sie bedeuten. Investitionen werden verschoben, freiwillige Leistungen gekürzt, Gebühren steigen, Personalstellen bleiben unbesetzt. Die Kommune spart nicht an einer Bilanz, sondern an Erfahrung.

Natürlich sind nicht alle Gemeinden gleich betroffen. Es gibt wirtschaftsstarke Städte und Regionen, solide Landkreise, Kommunen mit hohen Gewerbesteuereinnahmen. Doch der strukturelle Druck ist breit. Sozialausgaben wachsen, Personalkosten steigen, Infrastruktur altert, Baupreise bleiben hoch, und Bund sowie Länder beschließen immer wieder Leistungen, deren Durchführung am Ende bei Städten und Gemeinden landet. Das alte politische Ritual lautet dann: Berlin verspricht, die Kommune vollzieht.

Wenn Verantwortung zwischen Ebenen verschwindet

Dieses System ist besonders bequem, weil die politische Verantwortung verschwimmt. Der Bund kann ein neues Recht verkünden, das Land kann die Umsetzung regeln, und der Bürgermeister muss erklären, warum Personal, Räume oder Geld fehlen. Der Bürger unterscheidet in diesem Moment selten zwischen Gesetzgebungskompetenz und kommunalem Haushalt. Er sieht nur, dass der Staat etwas zugesagt hat und vor Ort nicht liefert.

Das ist demokratiepolitisch gefährlich. Vertrauen zerbricht selten an einer einzelnen großen Entscheidung. Es erodiert durch Wiederholung. Wenn die Turnhalle geschlossen bleibt, die Straße nicht saniert wird, der Termin beim Amt erst in Wochen verfügbar ist und die Kita ihre Öffnungszeiten reduzieren muss, entsteht ein Bild politischer Unfähigkeit, selbst wenn für jeden Einzelfall eine plausible Erklärung existiert. Aus vielen plausiblen Erklärungen kann trotzdem ein unplausibler Staat werden.

Die Kommunen fordern deshalb zu Recht eine grundlegende Neuordnung ihrer Finanzierung. Dabei sollte man sich vor der bequemen Lösung hüten, einfach nur mehr Geld aus Berlin zu verteilen. Ein dauerhafter Rettungsschirm ohne Strukturreform schafft neue Abhängigkeit. Städte und Gemeinden brauchen verlässlichere eigene Einnahmen, eine ehrliche Finanzierung übertragener Aufgaben und weniger Programme, bei denen sie zunächst Anträge schreiben müssen, um Geld für Dinge zu bekommen, die ohnehin notwendig sind.

Förderpolitik wird selbst zum Problem

Förderpolitik ist in Deutschland zu einer eigenen Bürokratie geworden. Ein Ministerium stellt Milliarden bereit, die politische Schlagzeile ist gesichert, doch vor Ort fehlen Planer, um die Mittel fristgerecht abzurufen. Kleine Kommunen konkurrieren mit großen Verwaltungen um komplizierte Töpfe. Wer die beste Förderabteilung hat, gewinnt. Das ist kein besonders überzeugendes Prinzip staatlicher Gerechtigkeit.

Auch die kommunale Selbstverwaltung verdient mehr als Sonntagsreden. Wer Bürgermeister und Landräte ständig mit detaillierten Vorgaben versieht, darf sich nicht zugleich auf lokale Verantwortung berufen. Selbstverwaltung bedeutet, Prioritäten setzen zu können. Das schließt Fehlentscheidungen ein. Demokratie besteht nicht darin, jede Gemeinde aus der Ferne gegen jedes Risiko abzusichern.

Das Defizit ist strukturell

Die Dimension der kommunalen Krise lässt sich inzwischen kaum noch mit konjunkturellen Dellen erklären. Die Bertelsmann Stiftung beziffert das Defizit der Kommunen für 2025 auf nahezu 32 Milliarden Euro; die Gesamtverschuldung nähert sich 200 Milliarden. Die kommunalen Spitzenverbände rechnen für 2026 mit 29,7 Milliarden Euro Minus und auch in den Folgejahren mit Fehlbeträgen in ähnlicher Größenordnung. Das ist keine einzelne schlechte Haushaltsrunde, sondern ein strukturelles Auseinanderlaufen von Aufgaben und Einnahmen.

Besonders gefährlich ist die politische Unsichtbarkeit der Ursachen. Im Rathaus landet die Rechnung für Sozialausgaben, Tarifsteigerungen, Betreuung, Infrastruktur und neue gesetzliche Aufgaben. Die Entscheidung darüber wurde jedoch oft in Berlin oder einer Landeshauptstadt getroffen. Der Bürger sieht am Ende die geschlossene Schwimmhalle oder die längere Wartezeit im Bürgeramt und macht verständlicherweise die Kommune verantwortlich. Föderalismus verliert Akzeptanz, wenn Zuständigkeit und Finanzierungsverantwortung dauerhaft auseinanderfallen.

Kommunale Selbstverwaltung ist im Grundgesetz keine folkloristische Zugabe. Sie ist die Ebene, auf der Demokratie konkret wird: Baugebiet, Feuerwehr, Schule, Bibliothek, Straße, Nahverkehr. Werden freiwillige Leistungen immer weiter gekürzt, verengt sich Politik vor Ort auf die Verwaltung gesetzlicher Pflichten. Dann kann ein Stadtrat zwar noch beraten, aber immer weniger gestalten. Der Verlust ist nicht nur kulturell oder sozial, sondern demokratisch. Beteiligung wirkt sinnlos, wenn finanziell ohnehin nichts entschieden werden kann.

Eine Reform muss Aufgaben und Geld zusammenführen

Eine Reform muss deshalb tiefer gehen als ein weiteres zeitlich begrenztes Hilfspaket. Wer eine neue Aufgabe beschließt, muss ihre dauerhafte Finanzierung mitdenken; Soziallasten müssen zwischen Bund, Ländern und Kommunen neu geordnet werden; Investitionen brauchen planbare Mittel statt jährlich neuer Förderanträge mit jeweils eigenen Nachweispflichten. Der Staat begegnet den Bürgern selten als abstrakter Bund. Er begegnet ihnen am Schlagloch, in der Kita, beim Wohngeldantrag und am Busfahrplan. Genau dort entscheidet sich, ob der Satz vom handlungsfähigen Staat geglaubt wird.

Gleichzeitig müssen Kommunen selbst unbequeme Fragen beantworten. Nicht jede Aufgabe kann dauerhaft fortgeführt, nicht jede Infrastruktur an jedem Ort unverändert erhalten werden. Demografischer Wandel und knappe Ressourcen verlangen Kooperation zwischen Gemeinden, gemeinsame Verwaltungen und manchmal auch den Verzicht auf liebgewonnene Doppelstrukturen. Die Forderung nach mehr Geld ersetzt nicht die Pflicht, Ausgaben zu prüfen.

Aber die Reihenfolge muss stimmen. Wer Gemeinden politische Pflichten überträgt, muss ihnen die Mittel geben, diese Pflichten zu erfüllen. Sonst entsteht eine besonders zynische Form des Föderalismus: oben wird entschieden, unten wird gespart, und am Ende wundern sich alle gemeinsam über Politikverdrossenheit.

Die Demokratie wohnt nicht im Kanzleramt, sondern im Rathaus, im Klassenzimmer, im Bus, der pünktlich kommt, und in der Brücke, über die man fahren kann. Wenn diese alltägliche Demokratie verfällt, helfen keine großen Reden über staatliche Handlungsfähigkeit. Dann wird der Mangel selbst zur politischen Botschaft.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2311 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".