Sueton hält in seiner Caesar-Biografie eine Beobachtung fest: Von allen Ehrungen, die Senat und Volk dem Diktator zugestanden, habe keine ihn so gefreut wie das Recht, dauerhaft den Lorbeerkranz zu tragen. Der Grund war weder militärisch noch sakral. Caesar hatte eine Glatze.
Am Anfang der abendländischen Glatzengeschichte steht damit ausgerechnet jene Frisur, die heute Combover heißt. Der Mann, der Gallien unterwarf, ließ sich vom Senat eine Kopfbedeckung genehmigen.
Spät dran war er ohnehin. Der Papyrus Ebers, um 1550 v. Chr. in Ägypten niedergeschrieben, führt längst Rezepturen gegen Haarausfall: Fette von Löwe, Nilpferd, Krokodil, Kater, Schlange und Steinbock, sorgfältig gemischt und offenbar mit einiger Hoffnung aufgetragen.
Hippokrates, selbst betroffen, notierte etwas später eine Beobachtung von bemerkenswerter Schärfe: Eunuchen bekommen keine Glatze. Die Schlüsse, die er daraus zog, waren falsch, der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Haarverlust aber war damit zweieinhalb Jahrtausende vor der Entdeckung des Dihydrotestosterons im Kern richtig beschrieben. Die Fachsprache dankt es ihm bis heute mit dem Ausdruck Calvities hippocratica.
Dasselbe Bild, umgekehrtes Vorzeichen
Im Mittelalter rasierten sich Mönche freiwillig, was die Natur anderen aufzwang. Die Tonsur machte den kahlen Schädel zum Zeichen des Verzichts auf genau die Eitelkeit, gegen die Caesar seinen Lorbeer aufgeboten hatte. Wer die Haare verlor, hatte ein Problem; wer sie hergab, hatte eine Haltung.
Dann kam Versailles. Ludwig XIII. begann in den 1620er Jahren, sein schütteres Haar durch Kunsthaar zu ergänzen, und ließ 1634 die ersten Perückenmacherstellen in Paris einrichten. Sein Sohn erkrankte 1658 im Feldlager bei Calais an Typhus und verlor mit zwanzig Jahren die Haare, auf die er ausgesprochen stolz gewesen war. Ludwig XIV. löste das Problem nicht diskret, sondern maximal. Die Perücke wuchs, türmte sich, wog schließlich bis zu einem Kilogramm und bescherte dem König Kopfschmerzen, über die er sich regelmäßig beklagte.
Turkish Hairlines
Anlagebedingter Haarausfall betrifft nach Angaben des Nationalen Gesundheitsportals bis zu siebzig Prozent der Männer und vierzig Prozent der Frauen und gilt in Deutschland ausdrücklich nicht als Krankheit. Die Kasse zahlt also nichts.
„Turkish Hairlines“ begann als Meme über Flugzeuge voller Männer mit Kopfverband und beschreibt inzwischen einen Reiseverkehr, den Schätzungen auf mehrere Hunderttausend bis über eine Million Eingriffe pro Jahr taxieren. Der alte Reiseführersatz „Was muss man in Istanbul gesehen haben?“ hat Konkurrenz bekommen von der Suchanfrage Türkei Haartransplantation, und am Bosporus ist der Kopfverband ungefähr so auffällig wie ein Rollkoffer am Hauptbahnhof.
Der schönste Umstand an der Sache steht in keinem Prospekt: Eine Transplantation vermehrt kein einziges Haar. Sie ordnet um. Der amerikanische Dermatologe Norman Orentreich beschrieb 1959 das Prinzip der „donor dominance“: Die Follikel am Hinterkopf sind gegen Dihydrotestosteron unempfindlich und bleiben es auch, wenn man sie nach vorn versetzt. Der Hinterkopf ist der Steinbruch, und er ist endlich. Was aussieht wie ein Sieg über die Natur, ist eine Umverteilung innerhalb desselben Kopfes.
Neue Technologie
An der UCLA entstand ein Molekül namens PP405, das keine Hormone blockiert, sondern einen Stoffwechselschalter in ruhenden Haarfollikel-Stammzellen umlegt; die Ausgründung Pelage Pharmaceuticals meldete 2025 positive Ergebnisse der Phase 2a und kündigte Phase 3 an. Man sollte vorsichtig bleiben: Das Haarklonen wird seit den neunziger Jahren angekündigt, zuverlässig in fünf Jahren. Aber falls irgendwann eine Tube leistet, wofür man heute nach Istanbul fliegt, dann ergeht es den Kliniken am Bosporus wie den Perückenmachern von Paris.
Manche Dinge ändern sich nie
Man kann in all dem den Beleg für eine besonders oberflächliche Epoche sehen. Überzeugend ist das nicht. Die Ägypter rührten Krokodilfett an, Caesar mobilisierte den Senat, Ludwig XIV. beschäftigte eine ganze Zunft, und im 19. Jahrhundert kaufte man Tinkturen aus Alkohol und Hoffnung. Neu ist nicht die Eitelkeit, neu ist ihre Erfolgsquote. Zum ersten Mal in dreieinhalbtausend Jahren funktioniert das Mittel.
Vielleicht ist genau das die Pointe. Solange Haarausfall unabänderlich war, mussten Kulturen ihn deuten: als Alter, als Weisheit, als Verzicht, als Preis der Männlichkeit. Deutungen sind das, was man produziert, wenn man nichts ändern kann. Wo eine Hohlnadel genügt, verschwindet der Bedarf an Bedeutung, und die Glatze wird von einem Zeichen zu einem Zustand, den man beibehält oder eben nicht. Ob man das als Befreiung liest oder als kleinen Verlust, hängt vermutlich vom eigenen Haaransatz ab. Caesar hätte den Flug gebucht.
