Jessica Morgan übernimmt eine der mächtigsten Kunstinstitutionen der Welt

Tate muss wieder Museum sein

London, Tate modern, Galerie, Quelle: HeikoAL, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig.

Jessica Morgan übernimmt eine der mächtigsten Kunstinstitutionen der Welt. Tate ist zugleich erfolgreich, finanziell angespannt und orientierungssuchend. Die neue Direktorin sollte nicht mit noch mehr Größe antworten, sondern mit einer klareren Vorstellung davon, was ein Museum zeigen soll.

Die Tate ist ein Museumsverbund, der so erfolgreich war, dass er an seinem eigenen Erfolg schwer trägt. Tate Modern wurde zum Symbol einer neuen Museumsära: groß, populär, international, architektonisch spektakulär. Nun übernimmt Jessica Morgan die Leitung. Der Guardian beschreibt sie als „agent of change“, die für den Wechsel von der New Yorker Dia Art Foundation sogar ein deutlich niedrigeres Gehalt akzeptiert. Die Personalie wurde nicht nur im Guardian diskutiert. The Art Newspaper stellt Morgans institutionelle Erfahrung heraus; die Financial Times fragt bereits, welche programmatische Handschrift von ihr zu erwarten ist.

Größe ist kein kuratorisches Konzept

Morgan erbt vier Standorte, finanzielle Engpässe, schwankende Besucherzahlen und eine Institution, über deren Richtung seit Jahren gestritten wird. Ein Kommentar im Guardian fordert einen radikalen Umbau und wirft der Tate vor, sich in übergroßen Strukturen, modischen Ausstellungen und institutioneller Selbstbeschäftigung zu verlieren.

Solche Kritik ist schnell formuliert. Die Tate muss zugleich Millionen Besucher bedienen, internationale Leihgaben finanzieren, Sammlungen pflegen, Forschung leisten und Eintrittsbarrieren niedrig halten. Ein Museum dieser Größe kann nicht wie eine kleine Kunsthalle geführt werden.

Trotzdem steckt in der Kritik ein ernstes Problem. Je größer ein Museum wird, desto leichter beginnt es, Aufmerksamkeit mit Qualität zu verwechseln. Blockbuster-Ausstellungen sichern Einnahmen und Reichweite. Sie können großartig sein. Wenn sie jedoch die Sammlung in den Hintergrund drängen, verliert das Museum seinen eigentlichen langfristigen Vorteil.

Das Depot ist kein Friedhof

Eine Leserreaktion im Guardian brachte den Vorwurf auf einen einfachen Punkt: Zeigt mehr Kunst. In Tate Modern gebe es große Flächen, während erhebliche Teile der Sammlung im Depot liegen. Natürlich kann kein Museum alles gleichzeitig ausstellen. Konservatorische Gründe, Raum, Kontext und kuratorische Entscheidungen setzen Grenzen.

Aber die Frage ist berechtigt. Der Ausbau von Museumsflächen wurde oft mit der Möglichkeit begründet, mehr Sammlung zu zeigen. Wenn anschließend große Bereiche für Events, Gastronomie, Installationen oder wechselnde Sonderausstellungen genutzt werden, entsteht ein Widerspruch zwischen Baugeschichte und Programm.

Die neue Direktorin muss deshalb nicht nur Geld beschaffen, sondern eine Antwort auf die alte Museumsfrage geben: Was ist der Kern? Die Guardian-Redaktion verweist auf Besucherzahlen, Streiks, Budgetdruck und gleichzeitig sehr erfolgreiche Ausstellungen. Krise und Erfolg existieren offenbar nebeneinander.

Ein Museum braucht ein Gedächtnis

Die Tate sollte nicht nostalgisch werden. Moderne und zeitgenössische Kunst verändern sich, neue Medien und Künstler verlangen neue Formen der Präsentation. Doch jede Institution, die ständig „neu“ sein will, riskiert Gedächtnisverlust.

Maria Balshaw führte die Tate durch Pandemie, finanzielle Instabilität und wechselnde politische Rahmenbedingungen; der Guardian erinnerte bei ihrer Rücktrittsankündigung an diese schwierige Amtszeit. Morgan beginnt unter anderen Bedingungen, aber mit derselben strukturellen Aufgabe: Sie muss eine riesige Institution beweglich halten.

Vielleicht liegt die Lösung nicht in der nächsten großen Vision. Vielleicht braucht Tate zunächst etwas Unmodisches: klarere Sammlungsräume, weniger kuratorisches Vokabular, mehr Kunst an den Wänden und eine verständliche Begründung dafür, weshalb bestimmte Werke nebeneinander hängen.

Museen sind keine Freizeitparks, aber sie konkurrieren um Zeit. Sie sind keine Universitäten, aber sie produzieren Wissen. Sie sind keine Märkte, aber sie prägen Preise und Karrieren. Diese Mehrfachrolle lässt sich nicht auflösen.

Jessica Morgan wird nicht daran gemessen werden, ob Tate überall gleichzeitig präsent ist. Interessanter wird, ob Besucher nach einem Rundgang wieder stärker wissen, was sie gesehen haben.

Das Publikum ist nicht nur eine Kennzahl

Große Häuser haben sich daran gewöhnt, Besucherzahlen wie Unternehmenskennzahlen zu behandeln. Das ist verständlich, weil öffentliche Geldgeber und Sponsoren Reichweite sehen wollen. Doch eine Million Besuche können sehr unterschiedliche kulturelle Erfahrungen bedeuten. Ein Museum, das Menschen durch spektakuläre Räume schleust, ist nicht automatisch erfolgreicher als eines, in dem weniger Besucher länger bleiben und wiederkommen.

Morgan könnte deshalb eine Debatte anstoßen, die über Tate hinausgeht. Welche Kennzahlen beschreiben ein gutes Museum überhaupt? Zahl der Besucher, Anteil junger Menschen, Verweildauer, Wiederholungsbesuche, Nutzung der Sammlung, Forschung, Schulprogramme, digitale Reichweite? Keine einzelne Zahl reicht. Wer dennoch nur eine Zahl politisch prominent macht, wird Programme auf diese Zahl optimieren. Das ist die stille Gefahr des Blockbusters. Er ist nicht schlecht, weil viele kommen. Er wird problematisch, wenn das Museum vergisst, was jenseits der Schlange vor dem Eingang ebenfalls zählt.

Die Sammlung könnte dabei zum stärksten Gegenmittel gegen kurzfristige Moden werden. Sie erlaubt Vergleiche über Jahrzehnte, macht Brüche sichtbar und korrigiert den Eindruck, Gegenwartskunst beginne immer mit dem neuesten Diskurs. Wer regelmäßig durch eine gut gehängte Sammlung geht, entdeckt Zusammenhänge, die eine einzelne Sonderausstellung kaum herstellen kann. Tate besitzt diesen Schatz bereits. Die strategische Frage lautet deshalb: Was braucht die Institution noch – und was kann sie mit dem Vorhandenen besser machen?

Besucher sind klüger als die Marketingabteilung

Große Museen haben sich daran gewöhnt, Besucherzahlen wie Einschaltquoten zu behandeln. Ein Rekord gilt als Erfolg, eine schlecht besuchte Ausstellung schnell als Problem. Diese Logik ist nachvollziehbar, weil öffentliche Häuser Rechenschaft über Geld und Reichweite ablegen müssen. Sie kann aber dazu führen, dass Programmplanung immer stärker auf bekannte Namen, fotogene Installationen und kalkulierbare Blockbuster setzt. Das Museum wird dann vorsichtiger, gerade obwohl sein kultureller Auftrag eigentlich Risiko erlauben sollte.

Tate besitzt einen Vorteil, den kommerzielle Erlebnisanbieter nicht haben: Zeit. Eine Sammlung muss nicht jede Saison neu erfunden werden. Ein Besucher kann zu demselben Werk zurückkehren, Jahrzehnte miteinander vergleichen und Künstler entdecken, die keinen internationalen Markenwert besitzen. Diese Langsamkeit ist im digitalen Aufmerksamkeitsbetrieb kein Mangel, sondern eine seltene Qualität. Sie sollte stärker zum Ausgangspunkt des Programms werden.

Populäre Ausstellungen müssen deshalb nicht verschwinden. Ein volles Haus kann neue Besucher gewinnen und Einnahmen schaffen, die andere Projekte ermöglichen. Problematisch wird es erst, wenn die populäre Ausstellung den Maßstab für alles andere setzt. Eine Institution wie Tate sollte auch zeigen dürfen, was sperrig, historisch kompliziert oder zunächst wenig verkäuflich ist. Wer nur das präsentiert, was das Publikum bereits kennt, verwechselt Nachfrage mit Bildung.

Jessica Morgan übernimmt daher keine leere Bühne, sondern eine Institution mit widersprüchlichen Erwartungen. Sie soll Besucher zurückholen, Finanzen stabilisieren, eine globale Sammlung pflegen, britische Kunst zeigen, Gegenwart erklären und zugleich jede gesellschaftliche Debatte spiegeln. Das ist zu viel für eine einzige Programmatik. Vielleicht wäre eine kluge Reduktion die mutigere Strategie: mehr Vertrauen in Kunstwerke, weniger Zwang zur permanenten Selbstkommentierung. Ein Museum muss nicht zu jeder Nachricht eine Position ausstellen. Manchmal besteht seine öffentliche Aufgabe darin, etwas länger anzusehen, als der Nachrichtenzyklus erlaubt.