Samuel T. Huntington, ehedem einer von Fukuyamas akademischen Lehrern, hielt das liberale Konzept seines Schülers vom „Ende der Geschichte“ für untauglich. Über längere Zeit hin wechselten Huntington und Fukuyama kein Wort mehr.
Im Sommer 1989, noch vor dem Mauerfall, veröffentlichte der damals in einem Planungsstab des State Department tätige Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einen Aufsatz mit dem Titel „The End of History“ in der neokonservativen Zeitschrift The National Interest. Aufsehen erregte er sodann 1992 mit dem gleichnamigen Buch. Er konstatierte, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion das im Westen entstandene System des Liberalismus, gegründet auf Rechtsstaat, demokratische Verfahren und Kapitalismus, sich weltweit durchgesetzt habe, so dass die Weltgeschichte eine Art Endzustand erreicht habe.
Mit dieser These wurde Fukuyama als geistiger Nachfahre Hegels eingeordnet. Gleichsam als Antithese zu Fukuyama erschien 1996 das Buch des Harvard-Historikers Samuel T. Huntington mit Titel „The Clash of Civilizations“. In der liberal-progressiv gestimmten scientific communitysowie in der Medienwelt wurde Huntington als Widerpart Fukuyamas wahrgenommen und ob seiner Zweifel an einem friedvollen Miteinander der Kulturen skandalisiert. Umgekehrt sahen sich Kritiker Fukuyamas durch die Kriege der neunziger Jahre im zerfallenen Jugoslawien bestätigt. Auch Huntington, ehedem einer von Fukuyamas akademischen Lehrern, hielt das liberale Konzept seines Schülers vom „Ende der Geschichte“ für untauglich. Über längere Zeit hin wechselten Huntington und Fukuyama kein Wort mehr.
Der Titel von Fukuyamas jüngstem Buch lässt eine Revision seiner früheren These erwarten. Nichts dergleichen. Wohl spricht er im Vorwort von der – mit der Finanzkrise von 2008 einsetzenden, von autoritären Staatsführern wie Trump und Putin, von Populisten und Extremisten rechts wie links forcierten „Krise des Liberalismus“. Er betont jedoch, dass er unter dem Eindruck des siegreichen Westens das „Ende der Geschichte“ von Alexandre Kojève übernommen habe, der sich wiederum auf Hegels – im Horizont von 1806 entstandene – Geschichtsdeutung bezog.
Das vorliegende Buch, besteht – inklusive Vor- und Nachwort – aus 37 teilweise autobigraphischen Kurzessays. Fukuyamas Großvater, einem Geschlecht von Samurais entstammend, spielte – nach Studienaufenthalt in Berlin und Vorlesungen von Werner Sombart – als Agrarökonom und Mitgründer der ökonomischen Fakultät der Universität Kyoto eine Rolle bei der Modernisierung Japans. Die Familie der (anderen ?) Großmutter war noch in Japan zum Christentum konvertiert. Fukuyamas Vater, Theologe und Soziologe avancierte in den nationalen Vorstand der theologisch und politisch progressiven United Church of Christ. Im Gegensatz zu Sohn Francis blieb er zeitlebens ein überzeugter amerikanischer liberal und Pazifist.
Historisch erhellend sind Episoden aus der Vita des lebensfrohen Onkels Hiroo. Er gehörte zu den Nisei, den im II. Weltkrieg internierten japanischen Amerikanern. Anders als jene Freiwillige, die die – nach Meldung aus den Lagern – in geschlossener Einheit in Italien kämpften, landete Hiroo als Dolmetscher in Chongqing, dem Rückzugsort Chiang Kai-sheks. Dort freundete er sich mit Sun Yat-sens Witwe Soong Ching-ling an. Später fungierte Madame Sun Yat-sen, die mittlere von drei christlichen Schwestern, als Aushängeschild in Maos Volksrepublik. Die jüngste der drei machte sich als glühend antikommunistische Madame Chiang Kai-shek einen Namen. Nach Kriegsende kam Hiroo als Besatzungssoldat nach Berlin, wo er seine deutsche Frau kennenlernte.
Unter dem Eindruck des – in mörderisches Chaos mündenden – zweiten Irakkriegs trennte sich Fukuyama vom Lager der Neokonservativen. Als „realistischer Wilsonianer“ verortet er seine heutige Position zwischen den harten Realisten und den historisch kurzatmigen neocons. Das seit 250 Jahren bestehenden Modellbild der USA vor Augen, sieht er Gefahren für die liberale Demokratie in den autoritären Bewegungen, im technologischen Wandel, im staatsfeindlichen Neoliberalismus sowie in der „linken“ Identitätspolitik.
Eine Revision früherer Thesen liegt Fukuyama fern. Vielmehr sieht er vor allem in Lateinamerika – das entsprechende Kapitel ist übertitelt mit „Canción para mi América“ – die Demokratie voranschreiten. Selbst das wahabitische Saudi-Arabien bewege sich unter Mohammad bin Salman in liberale Richtung. Aus derlei Perspektive kann der Autor die blutigen Flecken auf dem Gewand des saudischen Kronprinzen übersehen. Zuletzt bekräftigt er seine Kritik an Huntington. Dieser habe in seiner Topologie der Kulturen die selbst in der konfuzianischen Weltregion bestehenden Unterschiede nicht gesehen.
Wohl erkennt Fukuyama die „Krise des Liberalismus“, einsetzend mit der Finanzkrise von 2008, heute forciert von Figuren wie Trump und Putin, von Populisten und Extremisten. Er habe, inspiriert von Kojève, ehedem schon betont, dassdie Geschichte in der Phase weltpolitischer US-Hegemonie nur eine „Ruhepause“ eingelegt habe. Das „Ende der Geschichte“ habe er mit „der letzte Mensch“ – Nietzsches Spottfigur der Saturiertheit – verknüpft, also auf die dem Versprechen von Wohlstand, Freiheit und Gleichheit innewohnende Gefahr geistiger Verflachung verwiesen undschon damals geschrieben: „Das Ende der Geschichte wird ein sehr trauriges sein.“
Von Geschichtspessimismus in seinem Buch gleichwohl nichts zu spüren, allenfalls gedämpfter Optimismus. Das seit 250 Jahren bestehenden Modell der USA vor Augen, sieht Fukuyama Gefahren für die liberale Demokratie in den autoritären Bewegungen, im technologischen Wandel, im staatsfeindlichen Neoliberalismus sowie in der „linken“ Identitätspolitik. Die Zukunft der liberalen Demokratie sei nur gewährleistet, wenn sie außer auf Rationalität auch auf thymos,dem in Platons „Politeia“ benannten Streben nach Anerkennung, beruhe.
Das Buch, angereichert mit Anekdoten aus dem akademischen Leben, enthält kaum schwere Kost. Störend wirken Übersetzungsfehler: Eine „Priesterschule“ wird man an der Divinity School der Universität Chicago nicht finden. Im Deutschen zieht man gemeinsam handelnd nicht an einem Seil, sondern an einem Strang.
Francis Fukuyama: Der letzte Mensch.Wohin steuert die Welt?, Hamburg (Hoffmann & Campe), 2026, 288 Seiten, 26 €.
Der Text ist die leicht veränderte Version meiner in Cicero, Nr. 09/Sepember 2026, erschienenen Buchbesprechung.
