„Ein alter Freund in seinem Haus“ – Russland feierte mit Schröder

Gerhard Schröder feiert den Geburtstag des russischen Präsidenten Putin. Foto Kreml

Was berichteten russische Medien über Gerhard Schröder. Sein Besuch wurde gut vorbereitet. Betont wird seine Bedeutung als Freund des Landes. Demnach könne Schröder als Vermittler der Europäischen Union im Konflikt mit der Ukraine wirken. Im gesamten Kontext sollte die diesbezügliche Empörung in Deutschland reduziert werden. Von Johannes Schütz

Der Geburtstag von Putin gilt in Russland als ein nationaler Festtag, ausführlich berichten die staatlichen Medien über die Gestaltung des Ehrentags. Im Jahr der Krim-Annektion 2014 verbrachte Putin seinen 7. Oktober in der sibirischen Taiga, mehr als 300 Kilometer entfernt von der nächsten Siedlung, so teilte sein Pressesprecher Dmitri Peskow damals mit, der russische Präsident sei an jenem Tag rund 9 Kilometer durch die Berge gewandert.

2025 zelebrierte Putin den Tag in seinem Heimatort Sankt Petersburg, seine Gäste waren Verteidigungsminister Andrej Belousow, der Direktor des Geheimdienstes FSB General Bortnikow und Generalstabschef Valerij Gerasimow. Putin brachte gemeinsam mit ihnen Blumen zum Sarg von Zar Peter dem Großen in der Peter-und-Paul-Kathedrale.

Jetzt war Gerhard Schröder ein Gast am 74. Geburtstag von Putin. Es waren nur wenige Gäste, die von Putin in diesem Jahr zur trauten Feier eingeladen wurden, wie sein Pressesprecher Peskow erklärte:

„Nur ganz wenige Menschen, wirklich nur ganz wenige. Ich möchte Sie daran erinnern, dass Putin an seinem Geburtstag fast ein Dutzend internationale Telefongespräche geführt hat. Und erst am Abend konnten seine Familie, seine Angehörigen und Freunde ihm zum Geburtstag gratulieren“.
(„Песков: с Путиным день рождения отмечали совсем немного людей“ [Nur ganz wenige Menschen feierten mit Putin seinen Geburtstag], Известия, 11. 10. 2026, https://tass.ru/politika/28203207]

Шрёдер an der Seite von Putin

Von dieser Geburtstagsfeier wurden nur zwei Fotos veröffentlicht, beide Bilder zeigen einen gerührten Putin mit einem beglückten Schröder. Am folgenden Tag fuhr Putin nach Turkmenistan, wo ihn Kinder des Landes am Flughafen um 18.06 russischer Zeit scheu begrüßten. Erst danach brachten die Mitarbeiter von Putins Abteilung für Public Relations die Fotos mit Schröder in die Öffentlichkeit, um 19.45, in den Social Media, auf Telegram, mit dem Kanal news_kremlin (https://t.me/news_kremlin/8147#).  Schon zwei Minuten  später, um 19.47, erschien darüber ein Bericht in der russischen Nachrichtenagentur TASS:

„Der Präsident lud seinen alten Freund in sein Haus ein [старого друга к себе домой]. Schröder war während der Feierlichkeiten zu Putins Geburtstag an der Seite des Staatsoberhaupts. Der feste Händedruck zwischen Putin und Schröder vor einem russischen Ofen ist auf den vom Kreml veröffentlichten Bildern festgehalten“.
(„Путин в день рождения принял дома Шрёдера“ [Putin empfing Schröder an seinem Geburtstag in seinem Haus], ТАСС, 8. 10. 2026,  https://tass.ru/politika/28195871)

Schon um 20.34 gab es erste Berichte vom Treffen Putins mit dem Präsidenten von Turkmenistan. Offensichtlich sollten die Bilder mit Schröder erst veröffentlicht werden, nachdem Putin außer Landes gebracht wurde. Damit wurde in der subtilen Sprache der russischen Codes vermittelt, dass er für heikle Fragen nicht mehr erreichbar sei.

Freund Schröder als Überraschungsgast

Putin wäre überrascht worden, mit dem Besuch von Schröder, so wird von seinem Pressesprecher Peskow betont und in den russischen Medien geschrieben. „Ich habe überhaupt nicht verstanden, was vor sich geht“ [„Я, говорит, вообще не понял, что происходит“], so wird dazu Putin zitiert.
(„Песков: для Путина визит Шрёдера в Москву стал неожиданностью“ [Peskow: Für Putin war Schröders Besuch in Moskau eine Überraschung], ТАСС, 11. 10. 2026, https://tass.ru/politika/28203255)

Doch der Besuch von Schröder wurde gut vorbereitet. In der Tageszeitung Moskowski Komsomolez erschien bereits am 3. Oktober ein Panegyrikos auf Schröder. „Где тонко, там Шрёдер“, der Titel bringt eine Allusion auf ein populäres Sprichwort der Russen, für die deutsche Übersetzung müsste man dafür wohl wählen: „Wo ein Wille, da Schröder“.  Stärker gebunden an den Kontext der russischen Sprache wäre die Übersetzung eher, ausgehend von der russischen Vorlage, „Где тонко, там и рвётся“, wo heikle Diplomatie, dort Schröder.

Moskowski Komsomolez  betonte, dass Schröder seit Jahrzehnten Zugang zu den höchsten russischen Kreisen findet und sein Telefonbuch mit Nummern aus Moskau „mehr wert sein könnte als ein ganzes Beraterteam„. Seine persönlichen Kontakte zu Präsident Putin hätte Schröder nie abgebrochen und der Kreml betrachte den früheren deutschen Kanzler als einen der wenigen europäischen Politiker mit dem noch eine aufrechte Kommunikation bestünde (немногих европейских политиков, сохранивших канал общения с Москвой).
(„Германия — Где тонко, там Шрёдер“, Московский комсомолец, 3. 10. 2026, www.mknews.de/politics/2026/10/03/germaniya-gde-tonko-tam-shryoder.html)

Russland will Schröder als Vermittler

In den Berichten der TASS wurde betont, dass Schröder ein Mann sei, dem Russland vertrauen könne und der als Vermittler Europas bei der Beilegung des Ukraine-Konflikts wirken könnte. Es wurde erklärt, dass dies die Ansicht von Putin sei, der seine Freundschaft mit Schröder pflegte, auch unabhängig von politischen Funktionen.

Für eine solche Aufgabe wurde Schröder bereits im Juni vom Kreml in Stellung gebracht. Juri Uschakow, der Berater des russischen Präsidenten, berichtete damals von einem vertraulichen Gespräch von Putin mit Schröder, das direkt im Kreml organisiert wurde:
„Das Gespräch war freundschaftlich, es fand unter vier Augen statt“ [в формате тет-а-тет, один на один].
(Михаил Верный, „Встреча в Кремле: Путин и Шредер провели секретные переговоры тет-а-тет“, Московский комсомолец, 5. 6. 2026, www.mk.ru/politics/2026/06/05/vstrecha-v-kremle-putin-i-shreder-proveli-sekretnye-peregovory-tetatet.html)

Amerikaner gratulierten Putin mit Respekt

Während in Deutschland die Empörung über die mögliche Vermittlung von Schröder heftig ausbrach, zeigten die amerikanischen Unterhändler und US-Präsident Trump offen ihre freundschaftlichen Gefühle und ihre Wertschätzung für den russischen Präsidenten Putin.

Davon berichtete Juri Uschakow ausführlich in einer Pressekonferenz. Demnach führten Putin und Trump ein „freundschaftliches Telefonat“, das eineinhalb Stunden dauerte. US-Präsident Trump gratulierte dem russischen Präsidenten „sofort herzlich zum Geburtstag, wünschte ihm  viel Erfolg und Wohlergehen“.

Die Staatschefs der beiden Weltmächte erörterten breit die Vorbereitung groß angelegter wirtschaftlicher Initiativen, darunter mögliche Lieferungen russischer Erdölprodukte auf den amerikanischen Markt. Dabei machte Putin unmissverständlich deutlich, dass die Position Russlands hinsichtlich der Ziele und Aufgaben der militärischen Sonderoperation unverändert blieben.

Laut Uschakow wollte keiner der beiden zuerst das Gespräch beenden. Dazu stellte ein Journalist die Frage: „Wer legte schließlich auf, wenn beide es nicht wollten?“. Die Antwort von Uschakow lautete: „Gleichzeitig aufgelegt, gleichzeitig“ [Одновременно положили, одновременно].

Uschakow wollte auch Einblick geben, wie das Telefonat der beiden Präsidenten vorbereitet wurde. Es wurde am 7. Oktober mit Steve Witkoff, dem Sonderbeauftragten des US-Präsidenten vereinbart. Demnach bat Witkoff darum, dem russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin herzliche Glückwünsche des US-Präsidenten Donald Trump zu übermitteln. Witkoff bat auch darum, seine eigenen Wünsche an Präsident Putin zu bestellen, den er aufrichtig respektiert und auf ein baldiges Treffen hofft [искренне уважает и надеется на скорую встречу].
(„Комментарий помощника Президента России Юрия Ушакова по итогам телефонного разговора Владимира Путина с Президентом США Дональдом Трампом [Juri Uschakow zu den Ergebnissen des Telefongesprächs zwischen Wladimir Putin und dem US-Präsidenten Donald Trump], kremlin, 9. 10. 2026, http://www.kremlin.ru/events/president/news/80961)

Schröder als Sonderbeauftragter denkbar

Die Berichte aus Russland lassen erkennen, dass im Hintergrund diplomatische Bemühungen gegeben sein dürften, Gerhard Schröder als Vermittler im Konflikt mit Russland einzuschalten. Selbstverständlich könnten Putin und friedliche Politiker des Kreml dafür Schröder auch auf der russischen Seite in die Verhandlungen einbringen. Er könnte, gemeinsam mit einem Russen wie Kirill Dmitrijew, dem Leiter des Russian Direct Investment Fund, als Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten eingesetzt werden, wie Witkoff und Kushner vom amerikanischen Präsidenten.

Aber könnte Schröder grundsätzlich auch von der Europäischen Union beauftragt werden? Im gesamten Kontext betrachtet, sollte der diesbezügliche Widerstand reduziert werden. Allerdings unter einer Voraussetzung. Schröder müsste dafür die Position der Europäischen Union deutlich repräsentieren.

Gerhard Schröder mit Putin bei einem Besuch in Russland im Juli 2004.Foto Kreml
Über Johannes Schütz 136 Artikel
Johannes Schütz ist Medienwissenschafter und Publizist. Veröffentlichungen u. a. Tabula Rasa Magazin, The European, Huffington Post, FAZ, Der Standard (Album), Die Presse (Spectrum), Medienfachzeitschrift Extradienst. Projektleiter bei der Konzeption des Community TV Wien, das seit 2005 auf Sendung ist. Projektleiter für ein Twin-City-TV Wien-Bratislava in Kooperation mit dem Institut für Journalistik der Universität Bratislava. War Lehrbeauftragter an der Universitat Wien (Forschungsgebiete: Bibliographie, Recherchetechniken, Medienkompetenz, Community-TV). Schreibt jetzt insbesondere über die Verletzung von Grundrechten. Homepage: www.journalist.tel