Am 5. Oktober 2026 wurde der Schriftstellerin Shida Bazyar der Deutsche Buchpreis für den besten Roman des Jahres verliehen. Viele in dem Roman beschriebene Lücken sind „Erinnerungslücken“. Die beschriebenen Menschen können oder wollen sich an unangenehme Ereignisse der Vergangenheit nicht erinnern. Es geht um die „braune Vergangenheit“ und die mörderische Geschichte eines kleinen Ortes im Hunsrück während der Nazi-Zeit. In der Gegenwart beherbergt dieser Ort Flüchtlinge oder Migranten, die vor Gewalt oder Morddrohungen fliehen mussten. Ein gewaltiger Spannungsboden verbindet diese beiden antagonistischen Pole. Das Trauma und die verdrängte oder virulente Erinnerung ziehen sich wie ein roter Faden durch mehrere Generationen, die in diesem Ort im Hunsrück leben. Die transgenerationale Weitergabe des Traumas, die bereits jahrzehntelang Traumaforscher bewegt, wird in diesem Roman sehr empathisch und wirkungsvoll reinszeniert.
Kurzes biografisches Porträt von Shida Bazyar
Shida Bazyar wurde im Jahr 1988 in den kleinen Ort Hermeskeil in der Nähe von Trier geboren. Ihre Eltern waren persische politische Aktivisten, die wegen der Islamischen Revolution im Iran fliehen mussten. Sie fanden eine Unterkunft in Hermeskeil im Hunsrück. Ihr jüngstes Kind Shida wurde ein Jahr nach ihrer Flucht in Deutschland geboren. Shida Bazyar studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitete mehrere Jahre als Bildungsreferentin und schrieb nebenher als Autorin. Von der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt sie ein Studien-Stipendium. Im Jahr 2016 erschien ihr Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“, für den sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis und den Uwe-Johnson-Förderpreis erhielt. Acht Jahre nach Erscheinen dieses Erfolgsromans kam die englische Übersetzung auf die Shortlist des renommierten International Booker Prize. Im Jahr 2026 präsentierte sie die Laudatio für Uwe Timm, als dieser den Goethe-Preis 2026 erhielt. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises wenige Monate später ist die vorläufige Krönung dieser Erfolgsserie.
Inhalt des Romans
Der Roman erzählt die Geschichte des Dorfes Heimesbach im Hunsrück über fast einhundert Jahre. Er beginnt um 1920 und endet etwa 2010. Der 500 Seiten lange Roman macht viele Zeitsprünge und bewegt sich nicht chronologisch durch die Zeit. Dieses Springen zwischen den Zeiten wird durch einen genialen erzählerischen Trick ermöglicht: die Ich-Erzählerin ist tot und hat selbst einige Jahre in dem Dorf gelegt. Nun schwebt sie als Geist über dem Dorf, sieht alles, blickt hinter die Fassaden und ist allwissend. Dieser Geist kennt vor allem auch die Lücken und was sich hinter diesen verbirgt. Die Hauptpersonen des Buches sind die Bewohner dieses Dorfes, überwiegend deutschstämmige „Arier“ und einige jüdische Kaufleute. Die Juden wurdenwährend der Nazi-Zeit alle deportiert oder ermordet. Heimesbuch war ein Vorzeige-Nazi-Dorf, wie esHeinz Ganz-Ohlig in seinem Buch als „Gaumusterdorf“ beschrieben hat (Ganz-Ohlig 2018). Es hatte bereits 1926 eine NSDAP-Ortsgruppe und rühmte sich, besonders frühzeitig „judenfrei“ gewesen zu sein. Die Besitztümer der ermordeten Juden fielen als Beute an die „verdienten“ Nazis des Ortes Heimesbuch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sich niemand erinnern, was mit den Juden geschah und wer sich was als Beute angeeignet hat. Das kollektive Vergessen und Verdrängen, das Nicht-wahrhaben-wollen von Schuld und Verantwortung durchzieht mehrere Generationen der Dorfbewohner.
Neben den Verstrickungen der Nazi-Vergangenheit tauchen in der Gegenwart zwei iranische Flüchtlingsfamilien auf, die in Heimesbach Schutz und Geborgenheit suchten. Hierin liegt ein autobiografischer Bezug zur Autorin selbst, die in einem vergleichbaren Dorf im Hunsrück (in Hermeskeil) geboren und aufgewachsen ist und deren Eltern geflüchtete Iraner sind.
Immer diese Lücken…
Lücken auszuhalten ist für manche Menschen schwer. Sie können Lücken nicht ertragen. Der Schriftsteller Joachim Meyerhoff schrieb darüber sein Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“(Meyerhoff 2015). In diesem autobiografischen Roman sind es die Lücken zwischen den sinnentleerten Ritualen. Die Lücke steht oft auch für das Unerledigte, das Verdrängte oder das Peinliche und Schambesetzte, das nicht erinnert werden darf.Im Roman von Shida Bazyar sind die Lücken überwiegend „Erinnerungslücken“. Es ist das kollektive Vergessen und Verdrängen. Die Mauer des Schweigens und tiefsitzende Schuld- und Schamgefühle verhindern, dass zur Sprache kommen kann, was wirklich war. Die ganze Wahrheit kennt in dem Roman nur die Ich-Erzählerin – und die ist tot und ein Geist.
Eine andere sehr gravierende Dimension der „Lücken“ sind die Lücken, die die ermordeten und deportierten Juden hinterlassen haben. Früh schon war Heimesbach „judenfrei“. Alle waren verschwunden, wurden tot oder entschwanden im Rauch eines Krematoriums in einem Konzentrationslager. Shida Bazyar erinnert an der Holocaust-Überlebenden Heinz Kahn, der sagte: „Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg auch eine Menge Ehrungen bekommen, und er ist trotzdem vergast worden“. Die Lücken der verschwundenen Juden sind ein Mahnruf an die tiefste Wunde der Nazi-Verbrechen: die Vernichtung der Juden. Lange Zeit wurde in Heimesbach versucht, alles verschwinden zu lassen, was an die Juden-Morde erinnern könnte, ähnlich wie Mörder das Blut des Opfers abwischen und Spuren vernichten, die sie überführen könnte. Doch tief im Unbewussten bleibt das schlechte Gewissen.
Das Trauma, die Erinnerung und die Verdrängung. Die transgenerationale Weitergabe des Traumas
Die im Roman angesprochenen Traumata sind sehr komplex miteinander verwoben. Bei den Juden-Morden sind die Täter-Opfer-Rollen klar und deutlich: die Juden waren die Opfer, die Nazis die Täter. Bei den Dorfbewohnern von Heimesbuch gibt es zur Nazi-Vergangenheit eine komplexere Verstrickung. Hier vermischen sich Täter- und Opfer-Rollen. Der jahrelange Nazi-begeisterte Vater war 15 Jahre später an der Ostfront und kehrte kriegstraumatisiert zurück. Wegen seiner bleibenden Verletzungsfolgen erlebt er sich als „Kriegskrüppel“, ist reizbar, meist schlecht gelaunt, trinkt viel und wird in der Familie gewalttätig gegen Frau und Kinder. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Viele Familien haben Angehörige auf den Schlachtfeldern verloren und manche Ortsbewohner von Heimesbach, die an der Front als Soldat waren, sind als Kriegstraumatisierte zurückgekehrt. Auch hier gab es „Lücken“ in Form von Verlusten: Nazibegeisterte Frauen wurden zu Kriegerwitwen, Kinder verloren ihren Vater und wurden zu Waisen, Kriegskinder erlebten belastet ihre Kindheit in Kriegswirren. Auch darüber konnte in den Familien nicht offen gesprochen werden. Es dauerte Jahrzehnte nach Kriegsende, bis in Deutschland die Traumaforschung die Vielfalt der Traumatisierten analysierte. Neuere Erkenntnisse belegen die Weitergabe von Traumata an die nächsten Generationen, die in der Psychologie als Transgenerationale Traumatransmission definiert werden (Csef 2024).
Shida Bazyar fächert diese vielfältigen Verstrickungen über mehrere Generationen hinweg sehr geschickt auf. Die Dorfbewohner von Heimesbach sind auch im 21. Jahrhundert im Bann der Traumatisierungen, die sie selbst, ihre Angehörigen oder ihre Nachbarn betreffen. Wer hat schon vor Shida Bazyar einen vergleichbaren Roman geschrieben? Das Besondere ihres Romans ist, wie sie über fast hundert Jahre mehrere Generationen des Dorfes Heimesbach beschreibt, die unter dem Unbewältigten und Verdrängten der Vergangenheit leiden, nicht darüber sprechen können und diese Schatten der Vergangenheit weitergeben.
Hohe Aktualität und politische Brisanz des Romans
Bei der Preisverleihung vermittelte Shida Bazyar inihren Dankesworten eine beklemmende Stimmung. Sie sagte, sie könne sich nicht über den Preis für einen Roman freuen, der von Menschen erzählt, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Es gibt viele sehr gute Romane über die Gewalt und Schrecken des Holocaust oder Romane von KZ-Überlebenden. Die „Zeitsprünge“ von Shida Bazyar jedoch gehen bis ins 21. Jahrhundert und sie beschreibt höchst aktuelle Phänomene der Gegenwart. Im Roman sind es die Dorfbewohner von Heimesbach, die auch 2010 die Schatten der Nazi-Vergangenheit noch nicht bewältigt haben. Es sind auch die beiden iranischen Flüchtlingsfamilien, die in Heimesbach Schutz und Hilfe suchen. Damit verknüpft die Autorin zwei höchst brisante politische Themen: die aktuelle Migrationspolitik der Bundesregierung und den Aufschwung der rechtsradikalen Partei AfD, die massiv gegen Migranten vorgehen möchte. Die AfD spricht von der geplanten „Remigration“ – sie will Migranten „verschwinden lassen“ – aber wie? Remigration statt Deportation? „An ihrer Sprache werdet Ihr sie erkennen!“ Die Autorin sieht aktuell diese Gefahr. Bei der Preisverleihung sagt sie am Schluss ihrer Rede: „Ich möchte darauf hinweisen, dass es im Moment keine Minderheit in Deutschland gibt, die keinen Grund zur Sorge hat.“
Der Literaturkritiker Richard Kämmerlings schrieb nach der Preisverleihung in der „Welt“ einen Kommentar zur Buchpreis-Verleihung. Er gab ihm den Titel: „Dass dieser Roman so aktuell wirkt, ist wahrlich kein Grund zur Freude.“
Literatur
Bazyar, Shida, Nachts ist es leise in Teheran. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
Bazyar, Shide, Die Lücken. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026
Csef, Herbert, Trauma und Resilienz in der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2024
Ganz-Ohlig, Heinz, Juden im Gaumusterdorf. Paulinus-Verlag, Trier 2018
Kämmerlings, Richard, Dass dieser Roman so aktuell wirkt, ist wahrlich kein Grund zur Freude. Die Welt vom 6. Oktober 2026
Meyerhoff, Joachim, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
Korrespondenzadresse:
Professor Dr. med. Herbert Csef
Email: herbert.csef@gmx.de
