Zwischen Lebensgier und Todessehnsucht. Zum 50. Todestag von Tove Ditlevsen

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Tove Ditlevsen (1917 – 1976) starb am 7. März 1976 in Kopenhagen durch einen Suizid. In Dänemark wird sie als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des Landes im 20. Jahrhundert gewürdigt. Ihre Werke sind Pflichtlektüre in dänischen Schulen. In Deutschland erschienen erste Übersetzungen in deutscher Sprache im Jahr 1980 im Suhrkamp Verlag. Ihr bekanntestes Werk, die „Kopenhagen-Trilogie“ publizierte 2021 der Berliner Aufbau-Verlag. In diesem Verlag sind auch in den Folgejahren deutsche Übersetzungen ihrer Werke erschienen, zuletzt der Gedichtband „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will“ im Jahr 2026.

In den zahlreichen Erinnerungen zu dem 50. Todestag der bedeutenden dänischen Schriftstellerin wurde wiederholt die Verkettung der traumatischen Erlebnisse in ihrem fast 60 Jahre dauernden Leben dargestellt. Ihr Biograf Jens Andersen (2023) sah in ihrer Lebensgeschichte lange und tiefe Spuren von traumatischen Ereignissen. An den multiplen Traumatisierungen besteht in der Fachliteratur kein Zweifel. Deshalb stellt sich die Frage: Konnte Tove Ditlevsen durch ihre Literatur, durch ihr Schreiben ihre vielfältigen Traumata konstruktiv verarbeiten oder vielleicht sogar bewältigen? Schließlich endete ihr Leben nach drei erfolglosen Suizidversuchen doch im Suizid.

Eine Kindheit wie ein Sarg

Im ersten Band ihrer „Kopenhagen-Trilogie“ beschrieb Tove Ditlevsen ihre Kindheit als „lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann.“  In ihrem autobiographischen dreibändigen Roman schildert sie ihre unglückliche und belastete Kindheit. Ihre Eltern waren arme Arbeiter, der Vater war oft arbeitslos, die Wohn- und Lebensverhältnisse waren eng und prekär. Ihre Mutter erlebte sie als gefühlskalt und wenig einfühlsam. Geborgenheit und Liebe konnte sie ihrer Tochter nicht vermitteln. Ihre Kindheitserinnerungen weisen auf multiple Entwicklungstrauma oder Bindungstrauma hin. Diese sind nicht durch einzelne prägnante traumatische Ereignisse gekennzeichnet, sondern es ist ein langer traumatisch wirkender Entwicklungsprozess. Traumapsychologen sprechen in diesem Kontext von sequenzieller Traumatisierung oder von kumulativen Traumata (Csef 2024). Die Befreiung aus dem „Sarg“ der Kindheit versuchte siemit ihrer Volljährigkeit und der Flucht in die erste Ehe. Doch diese Befreiungsversuche scheiterten ebenso wie die vier Ehen, die sie einging.

Traumatisierungen in den vier Ehen bis zum Suizid

Alle ihre vier Ehen waren für sie unbefriedigend und scheiterten. Die ersten beiden Ehen hatten jeweils nur eine Dauer von etwa zwei Jahren. Der erste Ehemann Viggo Möller war mehr als doppelt so alt wie sie selbst. Die dritte und vierte Ehe waren besonders destruktiv und würden heute als „toxische Partnerbeziehungen“ bezeichnet werden. Der dritte Ehemann Carl Ryberg war Arzt, psychisch krank und sadistisch. Er zwang sie zu Abtreibungen, spritzte ihr wiederholt Opiate und machte sie dadurch drogenabhängig. Er hat sich nach der Trennung suizidiert. Die vierte Ehe mit dem Chefredakteur Victor Andreasen dauerte immerhin 22 Jahre, war aber ebenfalls sehr destruktiv. Es gab viel Streit und erhebliche Partnerschaftsgewalt. Diese „Ehehölle“ beschrieb Tove Ditlevsen in ihrem Roman „VilhelmsZimmer“, der im Jahr 1975, also kurz vor ihrem Suizid, in Dänemark erschien. Deutsche Übersetzungen dieses Romans erfolgten 1981 im Suhrkamp-Verlag und im Jahr 2024 im Aufbau-Verlag. Während der vierten Ehe kam es zu zahlreichen und langen Psychiatrie-Aufenthalten.

Unter dem Aspekt der Traumatisierung gab es bei Tove Ditlevsen ein langes Entwicklungstrauma in der Kindheit. Zwischendurch kam es zu Stabilisierungen durch zwei „harmlose Ehepartner“ und schriftstellerische Erfolge. In ihrem 28. Lebensjahr begann die dritte Ehe und von 1951 bis 1973 die vierte Ehe. In diesen beiden sehr destruktiven Paarbeziehungen gab es eine lange Kette schwerwiegender Traumatisierungen: durch den ärztlichen Ehemann induzierte Opiatabhängigkeit, erzwungene Schwangerschaftsabbrüche, erhebliche Partnerschaftsgewalt und zahlreiche Psychiatrie-Aufenthalte.

In dieser Verstrickung durch Traumatisierungen war Tove Ditlevsen nicht nur ein passives Opfer – sie war Mitakteurin in den destruktiven Entwicklungen durch sexuelle Affären, Eifersucht und ihre Mitgestaltung der Drogenabhängigkeit. Auch bei den unerwünschten Schwangerschaften war sie ja erheblich mitbeteiligt.

Psychiatrie-Aufenthalte und Suizid-Motivation

Bereits nach wenigen Monaten ihrer ersten Ehe begann sie im Jahr 1941 eine sexuelle Affäre mit dem Künstler Piet Hein. Durch die hierdurch ausgelöste Ehekrise erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Ihr doppelt so alter Ehemann brachte sie in eine Nervenheilanstalt, von der sie nicht mehr zu ihm zurückkehrte, sondern sich auf Rat ihres behandelnden Psychiaters von ihrem Mann trennte. Durch den dritten Ehemann entwickelte sie erhebliche Alkohol- und Drogenprobleme. Während ihrer 22 Jahre dauernden vierten Ehe nahmen die psychischen Krisen und die Psychiatrieaufenthalte zu.

Der Suizid von Tove Ditlevsen geschah im Jahr 1976. Damals war die Diagnose „Trauma“ oder „Posttraumatische Belastungsstörung“ nicht bekannt. Ihr hätte vermutlich eine Traumatherapie am besten geholfen. Diese gab es damals aber noch nicht. Folglich wurde sie mit anderen Diagnosen und wenig hilfreichen Medikamenten behandelt (Csef 2026). Vermutlich gab es zeittypische Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. Nach eigenen Recherchen gibt es bislang keine veröffentlichte Darstellung der psychiatrischen Krankengeschichte von Tove Ditlevsen, die Auskunft über die Chronologie der zahlreichen Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, über die Diagnosen und die Behandlungsmethoden gibt. Ohne diese Informationen bleiben Aussagen über ihre psychischen Erkrankungen und ihre Suizid-Motivation sehr spekulativ (Csef 2022). Ihr Roman „Gesichter“ beschreibt am deutlichsten die Symptome ihrer psychischen Erkrankungen und ihre Erlebnisse in Psychiatrischen Kliniken.

Die Abwärtsspirale ihrer stürmischen vierten Ehe drehte sich immer schneller nach unten. Die Psychiatrische Klinik wurde für sie immer mehr zum Zufluchtsort. Dort konnte sie am besten ihre Werke schreiben und fühlte sich dort wohler als im zerrissenen und destruktiven Eheleben draußen. Ende 1971 kam es zur Trennung von Victor Andreasen, im Januar 1973 zur Scheidung. Ein Jahr später machte sie einen Suizidversuch, der scheiterte und sie wieder in die Psychiatrie brachte. Dort schrieb sie 1975 noch den Roman „Vilhelms Zimmer“ – eine „Abrechnung“ mit ihrem vierten Ehemann, in dem sie alle Bösartigkeiten und Abgründe dieser Ehehölle ungeschminkt beschrieb. Dieser Roman sollte ihr letzter bleiben. Ein Jahr nach seinem Erscheinen vollendete sie einen weiteren Suizidversuch im März 1976. Sie suizidierte sich in der Wohnung einer Freundin mit einer Überdosis von Schlaftabletten. In einem Abschiedsbrief schrieb sie: „Es gibt mehr Grund zur Trauer über mein Leben als über meinen Tod.“

Zwischen Lebensgier und Todessehnsucht

Die fast sechs Jahrzehnte ihres Lebens waren eine permanente Fluktuation zwischen Lebenswillen und Todeswunsch. Bereits in der Sarg-Metapher ihrer Kindheit klingt die Melodie des Todes an. Trotz aller Widerfahrnisse, Schicksalsschläge und Traumatisierungen rappelte sie sich immer wieder auf. Bereits als Jugendliche schrieb sie Gedichte und verfolgte konsequent diese kreative Aktivität trotz der Ablehnung ihres Schreibens durch die Eltern. Nach dem Auszug aus dem Elternhaus fand sie mit großer Intuition und Geschick Eingang in die Lebenswelt der Künstler, Akademiker und Erfolgreichen. Sie war sehr erlebnishungrig, neugierig und kontaktfreudig. Dabei hatte sie ein gutes Gespür für Menschen, die für sie hilfreich sein könnten. Mit 20 Jahren veröffentlichte sie mit Hilfe ihres späteren Ehemannes erste Gedichte. Dieser war Zeitungsredakteur und Versicherungskaufmann. Sie heiratete diesen Viggo Möller mit 23 Jahren und zog vom Armenviertel in eine große und luxuriöse Wohnung. Der zweite Ehemann war Politikstudent, der dritte war Arzt und der vierte war Beamter und Chefredakteur. Mit ihm war sie 22 Jahre verheiratet und genoss die Vorzüge eines „gehobenen Lebensstandards“. Zusätzlich hatte sie zahlreiche sexuelle Affären mit Künstlern wie Piet Hein. Tove Ditlevsen wurde durch ihre frühen Erfolge bald zu einer bekannten und angesehenen Schriftstellerin. Über sie gibt es mehrere Biografien. Die in deutscher Übersetzung vorliegende Biografie von Jens Andersen (2023) charakterisiert Tove Ditlevsen als eine widersprüchliche Diva, die den frühen Ruhm auskostete, den Luxus genoss und gerne durch anstößige, anzügliche oder unschickliche Äußerungen andere provozierte. Der Biograf zitiert eine Aussage, die sie in jungen Jahren gemacht haben soll. Auf die Frage, was sie vom Leben will, habe sie gesagt: „Macht, Berühmtheit und viel Geld. Ich würde gern berühmt werden. Ich mag es, wenn die Leute mich erkennen und sagen: Das ist ja Tove Ditlevsen!“

Sie war also eine erfolgreiche „Aufsteigerin“, die esvom Armenviertel in die Luxusvilla schaffte und zusätzlich mit literarischem Erfolg gekrönt war. Der Preis für diesen Aufstieg war hoch. Sie wollte zu schnell zu viel („Lebensgier“) und gefährdete selbst ihre Erfolgsgeschichte durch autodestruktive Eskapaden: sexuelle Affären, Abtreibungen, vier gescheiterte Ehen und Scheidungen, exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum und zahlreiche Psychiatrieaufenthalte. Als letzten Ausweg aus dieser Misere wählte sie schließlich den Suizid.

Literatur

Andersen, Jens, Tove Ditlevsen. Ihr Leben. Aufbau Verlag, Berlin 2023

Csef, Herbert, Suizid im 21. Jahrhundert. Neue Phänomene einer existentiellen Herausforderung. Roderer Verlag, Regensburg 2022

Csef, Herbert, Trauma und Resilienz in der Psychoanalyse. Psychosozial Verlag, Gießen 2024

Csef, Herbert, Von sexueller Gewalt zum Suizid. Das Trauma berühmter Schriftstellerinnen wie Tove Ditlevsen oder Brigitte Schwaiger. Tabularasa-Magazin vom 13. Januar 2026

Ditlevsen, Tove, Kopenhagen-Trilogie. Teil 1 Kindheit, Teil 2 Jugend, Teil 3 Abhängigkeit. Aufbau Verlag, Berlin 2021

Ditlevsen, Tove, Gesichter. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2022

Ditlevsen, Tove, Vilhelms Zimmer. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2024

Ditlevsen, Tove, „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will.“ Gedichte. Aufbau Verlag, Berlin 2026

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email: herbert.csef@gmx.de

Über Herbert Csef 172 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.