Den posthumen Jubilar Michel Foucault (1926-1984) mit dem Prädikat „Machtphilosoph“ zu bedenken wäre eine -zumindest im deutschen Sprachraum- durchaus pejorative Simplifizierung. Der Begriff der Macht ist negativ konnotiert, doch Foucault war gerade bestrebt, ihn durch eine Theorie der Macht- und Diskursnetze zu kritisieren und ersetzen. Sein Ziel ist eine Lebenskunst, die befähigt, sich blindem Gehorsam zu verweigern: Sie soll Repression und stigmatisierender Ausgrenzung nicht nur politische Kämpfe entgegen setzen, sondern auch neue, phantasievolle Lebensweisen. Parallelen dazu finden sich in der politischen Theologie von Dorothee Sölle.
Die helfende Hand des Humanismus ist nicht immer so selbstlos, wie sie sich präsentiert. Wer von einer vorgegebenen Norm abweicht, sieht sich flugs im Würgegriff übermächtiger Institutionen. Kirche, Medizin und Justiz sind humanistischen Werten verpflichtet -aber findet sich in ihnen nicht auch das Patriarchat, nebst ökonomischen und politischen Machtansprüchen?
Die Psychologie nimmt sich der frühe Foucault stellvertretend für alle modernen Wissenschaften vom Menschen vor. Ihre Ideologie ist der Humanismus, in welchem Foucault hinter dem „guten Willen“ Kants den „Willen zur Macht“ Nietzsches sichtbar macht: Zugriffe der Human-Wissenschaften zielen in ihren Ursprüngen auf jene Individuen, deren Verhalten vom Durchschnitt oder von der geforderten Norm abweicht. Eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie könnten eine Rolle bei seiner kritischen Haltung gespielt haben.
Im Jahr 1961 erlangte Michel Foucault seinen Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, welches eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft schreibt und ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern einbrachte. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ macht ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen.
Netze, Maschinen und Identitäten
Der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt warnt bezüglich dieser Bestrebungen Foucaults, den Herrschenden ihre Machtmittel zu entziehen, vor drohenden Zusammenrottungen und tribalistischen Clanordnungen im Spiel der Identitäten. Man könnte in einigen übertriebenen Auswüchsen heutiger Cancel-Culture seine Mahnungen bestätigt sehen. Burckhardt müht sich in seiner Philosophie der Maschine seit Jahrzehnten ab, die okzidentale Wissenschaft der Maschinen auch auf die christlich-kirchliche Ideengeschichte zurückzuführen. Üblicherweise macht die Ideengeschichte hier einen Sprung von den antiken Griechen direkt zur Renaissance.
Burckhardt jedoch sieht über den Marienglauben und die Scholastik bis zum Abbé Nollet eine Entwicklung christlicher Transzendenz in maschinellen Räderwerken, die Technik und Naturwissenschaft erst den Weg ebnete. Abbé Nollet, der Mitte des 18.Jahrhunderts 600 Mönche verdrahtete und ihnen einen gemeinsamen elektrischen Schock versetzte, ist für Burckhardt der Erfinder eines „Internet avant la lettre“. Seine Theorie bedient sich, aller Kritik zum Trotz, des zentralen Begriffes des Dispositivs, den er Foucaults Schriften entnimmt. Im Dispositiv verbinden sich Ideen- und Sozialgeschichte mit Diskursen und Technologien, aber eben auch mit Machtnetzen.
Gefängnisrevolten und Panoptismus
Foucault ist 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt. 1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik an Kirche, Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte. Ziel der panoptischen Disziplinierung ist vor allem die Erzwingung von Gehorsam, einer zur Tugend erklärten Eigenschaft, die auch dem Christen zugeschrieben wird. Jedoch nicht alle Theologen folgen dieser Linie. Die Hamburger Professorin für Evangelische Theologie Dorothee Sölle wendet sich in ihrer Schrift „Phantasie und Gehorsam“ ausdrücklich gegen diese Lesart der christlichen Botschaft. Durch sein Vertrauen in Gottes Gnade ist das an Christus glaubende Ich von seinen Ängsten befreit und „…kann seine Aufgabe nun nicht mehr im Erfüllen bestimmter Vorschriften sehen, seine christliche Ethik nicht mehr auf Gehorsam gründen, weil die Aufgabe nun Weltveränderung ist, die die Tugend der Phantasie braucht.“ Michel Foucault, dem es an Phantasie nicht mangelte, wollte Weltverbesserern mit seinen Ideen einen Werkzeugkasten für die Verwirklichung solcher Phantasien bereitstellen.
Netzphilosoph der Diskurse
Der Netzphilosoph Michel Foucault begann nicht erst mit seiner Theorie der Machtnetze in Netzstrukturen zu denken, wie das jüngst erst entdeckte Buch von 1966, „Der Diskurs der Philosophie“, bereits zeigt: Schon seine Diskursanalyse und Archäologie zielten auf das „Netz des philosophischen Diskurses“ als Teil eines Diskursuniversums.
Die Kultur sei ein Netz von Beziehungen, das Sprechakte und Diskurse, aber auch Objekte, Materialien und Institutionen zu einem Diskurs-Archiv verbindet. Der „fröhliche Positivist“ nahm lockere 50 Jahre den heute postulierten „material turn“ der Geisteswissenschaften vorweg. Alphabete, Bibliotheken, Buchdruck schufen demnach neue Netzwerke der Zirkulation der Diskurse, die sich, wie der 1966 von Foucault verfasste Text bereits andeutete, in Daten-, Computer- und Kommunikationsnetzen fortsetzen würden. Dies könnte, neben seiner Nähe zu den Befreiungskämpfen sexueller Minderheiten und anderer Ausgegrenzter, auch ein Grund sein, „Warum der Philosoph der Macht plötzlich wieder wie ein Zeitgenosse klingt“.
Fazit: Foucault wurde in Deutschland lange verfemt, Habermas persönlich hatte ihn als Postmodernen zur philosophischen Persona non grata erklärt. Das änderte sich erst nach der Jahrtausendwende -heute gilt er als einer der wichtigsten Denker des 20.Jahrhunderts. Sein Denken basiert auf Machtnetzen, die Computernetze einschließen, sein Begriff des Panoptismus ist weiterhin einschlägig für die Kritik an Architekturen der Überwachung. Seine Philosophie der Lebenskunst liefert Anregungen, der Kontrolle individuellen oder solidarischen und phantasievollen Widerstand entgegen zu setzen: Gleichgültig, ob die Zugriffe der Herrschaft sich autoritär Zensur, Verbot und Zwang bedienen oder ob sie im neoliberalen Gewandt sich als Verlockung und „Nudging“ in unsere vorgeblich freie Subjektkonstituierung einzuschleichen trachten.
Quellen
Barth, Thomas: Thomas Barth: Blick, Diskurs und Macht: Michael Foucault und das Medien-Dispositiv. In: MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 22 (2005) Nr. 1, S. 8–14 https://d-nb.info/1234840685/34
Barth, Thomas: Netzphilosoph Foucault, 15.Juni 2015, https://netzphilosophie.org/netzphilosoph-michel-foucault/
Burckhardt, Martin: Philosophie der Maschine, Matthes & Seitz, Berlin 2018 (zu Abbé Nollet vgl. S.210 ff.; vgl. Burckhardts YouTube-Podcast exnihilo – Ludic Philosophy: Philosophie der Maschine, Folge: „Abgesang der Postmoderne“)
Foucault, Michel: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp, Berlin 2024 (unveröff. Or. 1966)
Sölle, Dorothee: Phantasie und Gehorsam. Überlegungen zu einer künftigen christlichen Ethik, Kreuz-Verlag, Stuttgart 1968 (vgl. S.66 f.)
