Deutschland importiert weniger Rohöl und muss dafür erheblich mehr bezahlen. Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres ist die Rechnung um 5,4 Milliarden Euro gestiegen. Was zunächst nach einem Problem der Mineralölwirtschaft aussieht, erreicht inzwischen die Industrie, den Transportsektor und die privaten Haushalte. Die Bundesregierung steht damit erneut vor einer Entwicklung, die den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung empfindlich stören kann.
Deutschland hat in den ersten acht Monaten dieses Jahres 49,1 Millionen Tonnen Rohöl aus dem Ausland bezogen. Das waren 300.000 Tonnen weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, also ein Rückgang um gerade einmal 0,6 Prozent. Bezahlt hat die deutsche Wirtschaft dafür allerdings 30 Milliarden Euro, nachdem es ein Jahr zuvor noch 24,6 Milliarden Euro gewesen waren. Die Einfuhrrechnung ist damit um 21,7 Prozent gestiegen, obwohl die importierte Menge leicht zurückging. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte diese Zahlen am 20. Oktober und lieferte damit eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn eine Volkswirtschaft ihren Energiebedarf auf internationalen Märkten decken muss, deren Preise durch politische und militärische Konflikte erheblich beeinflusst werden.
Der rechnerische Durchschnittspreis einer importierten Tonne Rohöl stieg damit von knapp 498 Euro auf rund 611 Euro. Das zusätzliche Geld fließt zunächst an die ausländischen Lieferanten und steht den einkaufenden Unternehmen nicht mehr für andere Zwecke zur Verfügung. Wie stark sich dadurch die wirtschaftliche Aktivität im Inland verändert, hängt unter anderem davon ab, ob die höheren Kosten weitergegeben werden können und wie Verbraucher und Unternehmen darauf reagieren.
Die Importrechnung ist allerdings nur ein Teil einer wesentlich größeren Entwicklung. Ebenfalls am 20. Oktober teilte das Statistische Bundesamt mit, dass die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im September um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen seien, der stärkste Anstieg seit März 2023. Energie verteuerte sich auf dieser Produktionsstufe um 14,9 Prozent, Mineralölerzeugnisse sogar um 51,3 Prozent. Leichtes Heizöl kostete auf der Erzeugerstufe 91,8 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, Kraftstoffe waren um 48,6 Prozent teurer.
Die Nachrichtenagentur „Reuters“ berichtete über die Zahlen und verwies darauf, dass der Preisanstieg stärker ausfiel als von Ökonomen erwartet. Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Bank Bethmann, hielt dem Bericht zufolge eine weitere Beschleunigung der jährlichen Erzeugerpreisinflation für möglich.
Für die Bundesregierung kommt diese Entwicklung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Konjunktur sollte wieder anziehen, Investitionen sollten erleichtert werden, und aus der wirtschaftlichen Stagnation der vergangenen Jahre sollte allmählich eine Erholung entstehen. Nun müssen Unternehmen erneut mit höheren Kosten kalkulieren, während die Kaufkraft vieler Verbraucher durch steigende Preise belastet wird.
Warum ein Ölpreisschock auch Unternehmen trifft, die kaum Öl verbrauchen
Es gehört zu den Besonderheiten einer modernen Industriegesellschaft, dass sich höhere Energiepreise längst nicht auf die unmittelbaren Verbraucher von Öl, Gas oder Strom beschränken. Die Kosten wandern durch Produktions- und Lieferketten, wobei sie an unterschiedlichen Stellen auftauchen und sich mitunter erst nach Monaten in den Preisen fertiger Produkte niederschlagen.
Das lässt sich an den Vorleistungsgütern erkennen, deren Erzeugerpreise im September um 6,4 Prozent gestiegen sind. Metalle verteuerten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 14 Prozent, Kupfer und Halbzeug daraus um 31,4 Prozent und chemische Grundstoffe um 11,3 Prozent. Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen kosteten 8,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Für einen Maschinenbauer, der Kupferleitungen, Stahlkomponenten und elektronische Bauteile verarbeitet, können solche Veränderungen erhebliche Auswirkungen haben, obwohl sein eigener direkter Energieverbrauch im Verhältnis zum Materialeinsatz vergleichsweise gering sein mag. Werden die Vorprodukte teurer, steigt der finanzielle Aufwand für die Herstellung seiner Maschinen. Kann er die Kosten nicht vollständig an seine Kunden weitergeben, verringert sich die Marge, aus der unter anderem Investitionen und unternehmerische Risiken finanziert werden müssen.
Die wirtschaftliche Belastung hängt freilich erheblich von der Stellung eines Unternehmens innerhalb seiner Lieferkette ab. Ein großer internationaler Konzern kann teilweise andere Einkaufsmöglichkeiten nutzen und Kosten über zahlreiche Produktionsstandorte verteilen, während ein kleinerer Zulieferer häufig stärker von einzelnen Auftraggebern und langfristigen Vereinbarungen abhängig ist.
Dass die Entwicklung nicht in sämtlichen Industriezweigen gleich verläuft, zeigen wiederum andere Zahlen derselben Statistik. Während Metalle und chemische Grundstoffe erheblich teurer wurden, gingen die Erzeugerpreise für Verbrauchsgüter um 1,8 Prozent zurück. Bei Nahrungsmitteln betrug der Rückgang sogar 4,1 Prozent. Butter war auf der Erzeugerstufe 34,8 Prozent günstiger als im September 2025, Schweinefleisch 13,9 Prozent und Rindfleisch 9,9 Prozent. Pflanzliche Öle verteuerten sich dagegen um 14,5 Prozent.
Die deutsche Wirtschaft erlebt also keinen gleichmäßigen Preisanstieg, der sämtliche Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen trifft. Vielmehr verschieben sich die Preisverhältnisse zwischen verschiedenen Gütern, wodurch Gewinner und Verlierer entstehen können, deren wirtschaftliche Situation sich aus einem allgemeinen Inflationswert allein kaum ablesen lässt.
Für die öffentliche Debatte ist diese Unterscheidung wichtig. Wenn etwa von einer Entlastung der Wirtschaft bei den Energiekosten gesprochen wird, stellt sich zunächst die Frage, welche Branchen tatsächlich betroffen sind, wie groß der Anteil der Energiekosten an ihren gesamten Ausgaben ausfällt und welche Möglichkeiten sie besitzen, auf höhere Preise zu reagieren.
An der Tankstelle ist die Teuerung längst angekommen
Während die Folgen höherer industrieller Vorleistungskosten häufig erst mit Verzögerung sichtbar werden, haben die Verbraucher die Verteuerung von Mineralölprodukten bereits unmittelbar erlebt. Die Inflationsrate stieg im September nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 3,3 Prozent, nachdem sie im August noch 2,9 Prozent betragen hatte. Kraftstoffe waren im Jahresvergleich um 37,1 Prozent teurer, leichtes Heizöl sogar um 74,9 Prozent.
Allerdings zeigt auch diese Statistik erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Energieträgern. Strom kostete private Haushalte durchschnittlich 5,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, Erdgas war um 2,8 Prozent günstiger. Die Entwicklung der Haushaltsenergie folgte damit keineswegs denselben Preisbewegungen wie jene von Benzin oder Heizöl.
Für die Politik macht das die Aufgabe schwierig, weil eine allgemeine Entlastung bei den Energiekosten verschiedene Haushalte höchst unterschiedlich erreichen würde. Wer täglich mit dem Auto zur Arbeit fährt und seine Wohnung mit Öl heizt, spürt die Preissteigerungen besonders deutlich. Ein Haushalt ohne Auto und mit einem längerfristig günstigen Stromvertrag erlebt dagegen möglicherweise eine ganz andere Entwicklung.
Eine Senkung von Steuern auf Kraftstoffe könnte Autofahrer unmittelbar entlasten, würde aber zugleich die staatlichen Einnahmen vermindern. Sollten diese Mittel an anderer Stelle benötigt werden, müsste der Bund entsprechende Ausgaben reduzieren, andere Einnahmequellen erschließen oder zusätzliche Kredite aufnehmen. Auch eine staatliche Entlastung der Industrie verursacht finanzielle Verpflichtungen, deren wirtschaftlicher Nutzen davon abhängt, ob damit tatsächlich Investitionen und Produktionskapazitäten gesichert werden.
Der Effekt höherer Energiepreise endet zudem nicht beim verfügbaren Einkommen. Wenn Verbraucher einen größeren Teil ihres Budgets für Kraftstoffe oder Heizung ausgeben müssen, kann weniger Geld für andere Waren und Dienstleistungen übrig bleiben. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet dies möglicherweise eine geringere Nachfrage, obwohl sie selbst nicht zu den energieintensiven Betrieben gehören.
Der höhere Ölpreis wirkt damit über mehrere Kanäle auf die wirtschaftliche Entwicklung: über Produktionskosten, Transportkosten, die Kaufkraft der Haushalte und die Erwartungen der Unternehmen.
Die Bundesregierung kann die Rechnung beeinflussen, aber nicht den Weltmarkt
Den Ausgangspunkt der aktuellen Preissteigerungen verortet das Statistische Bundesamt vor allem in den Auswirkungen der Kriegshandlungen im Iran und im Nahen Osten auf die internationalen Energiemärkte. Die deutsche Politik kann diese Konflikte nicht allein beenden und die Weltmarktpreise für Rohöl auch nicht nach nationalen Bedürfnissen festsetzen. Sie kann lediglich versuchen, die wirtschaftlichen Folgen abzufedern und die Abhängigkeit von besonders anfälligen Lieferbeziehungen zu begrenzen.
Damit rücken erneut Fragen in den Mittelpunkt, die Deutschland bereits während früherer Energiekrisen beschäftigt haben: Wie breit sollten die Bezugsquellen aufgestellt sein, welche Infrastruktur wird benötigt, um auf veränderte Lieferbedingungen reagieren zu können, und wie viel Versorgungssicherheit lässt sich wirtschaftlich sinnvoll organisieren?
Die Antworten hängen wesentlich davon ab, über welchen Zeitraum die Kosten betrachtet werden. Eine zusätzliche Infrastruktur kann zunächst teuer erscheinen, aber unter bestimmten Bedingungen die Abhängigkeit von einzelnen Lieferwegen reduzieren. Ein staatlicher Zuschuss wiederum mag kurzfristig helfen, verändert jedoch nicht automatisch die strukturellen Produktionskosten, wenn dieselben internationalen Preisrisiken bestehen bleiben.
Die Europäische Zentralbank sieht die europäische Wirtschaft nach einem am 21. Oktober von „Reuters“ aufgegriffenen Bericht trotz des Energieschocks widerstandsfähiger als zunächst erwartet. Nach Einschätzung ihrer Ökonomen haben unter anderem eine geringere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und zusätzliche wirtschaftliche Impulse aus Technologieinvestitionen dazu beigetragen. Allerdings verwiesen sie zugleich auf die Unsicherheit der weiteren Entwicklung.
Für Deutschland bedeutet dies, dass der aktuelle Preisanstieg nicht zwangsläufig dieselben wirtschaftlichen Folgen haben muss wie frühere Energieschocks. Die Zusammensetzung der Energieversorgung hat sich verändert, ebenso wie der Einsatz unterschiedlicher Technologien in der Produktion. Wie stark die Unternehmen tatsächlich belastet werden, muss daher anhand ihrer heutigen Kostenstrukturen beurteilt werden, statt lediglich die Erfahrungen früherer Krisen fortzuschreiben.
Die jüngsten Rohölimportzahlen zeigen dennoch, dass die deutsche Wirtschaft weiterhin erhebliche Mengen eines Energieträgers benötigt, dessen Preis stark von internationalen Entwicklungen abhängt. In den ersten acht Monaten des Jahres waren es 49,1 Millionen Tonnen, fast genauso viel wie ein Jahr zuvor.
Für die Unternehmen, die das Öl einkaufen, bleibt vor allem eine finanzielle Differenz: 5,4 Milliarden Euro höhere Importkosten für eine geringfügig kleinere Menge. Das Geld steht nun auf ihren Rechnungen. Ob und wie viel davon schließlich bei den Verbrauchern ankommt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
