Stadtmission Berlin – Anlaufstelle für Ausgestoßene

Wo auch Katholiken mitarbeiten. Foto: Benedikt Vallendar

Vor 150 Jahren wurde in Berlin mit Gründung der evangelischen „Stadtmission“ begonnen. Ein Ort, an dem sich Angehörige verschiedener Konfessionen um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern. Von Benedikt Vallendar.

In der Hauptstadt ist sie längst ein „Markenzeichen“. Denn wenn immer Menschen in Not sind, heißt es schnell: „Ruf mal bei der Stadtmission an“. Womit vor 150 Jahren eine Erfolgsgeschichte begann, die bis heute anhält; und zeigt, was es heißt, wenn sich Menschen unterschiedlicher Konfessionen unter einem Dach für andere engagieren.

Das „Dach“, das ist von jeher die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg, die zusammen mit dem Erzbistum Berlin ein wichtiges Rückgrat sozialer Verantwortung in den neuen Bundesbildern bildet, auch wenn die Mitgliederzahlen seit Jahren rückläufig sind, was dem „Angebot Kirche“ offenbar keinen Schaden zugefügt hat.

Sozialer Hotspot Berlin

Geboren wurde die Idee christlich motivierter Hilfe und Mission in Berlin aus einer Notsituation. Nach Gründung des deutschen Bismarck-Reiches 1871 entwickelte sich der neue Staat rasch zur Wirtschaftsmacht mit Berlin als pulsierender Hauptstadt. Wobei die Schattenseiten nicht lange auf sich warten ließen. „Da mit den Massen, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin strömten, Wohnungsnot, Kriminalität und Gewalt schon bald zum Alltag gehörten“, sagt der Historiker Volker Fadinger von der FU Berlin. Derweil sich das junge deutsche Reich der Welt rund ums Brandenburger Tor und den Alexanderplatz von seiner schönen, besseren Seite zeigte. Woran sich bis heute wenig geändert hat.

Ein Obdachlosr aus Rumänien, Foto: Benedikt Vallendar

Warmes Essen und rezeptfreie Salben

Damals wie heute sind Menschen auf die Berliner Stadtmission angewiesen. So wie Marek, der mit seinem Kumpel Kevin an diesem kühlen Herbsttag im Foyer der Notunterkunft in der Lehrter Straße sitzt. Der 47-jährige Malergeselle war einst der „Liebe wegen“ aus dem Ruhrgebiet in den Osten gegangen, sagt er. Die Liebe ist gegangen. Geblieben sind Schulden und das Gefühl, in der großen Stadt verloren zu sein. „Bei der Stadtmission gibt es warme Mahlzeiten, Tee und manchmal auch rezeptfreie Salben gegen meinen chronischen Hautausschlag“, sagt er. Inzwischen sei er dort Dauergast, lebe in den Tag hinein und froh, wenn er mal jemanden zum Reden habe. Oder auch mal was Neues zum Anziehen kriege.

Vor allem Bettwäsche, Kinderkleidung und Handtücher seien gefragt, heißt es bei den Mitarbeitern der Kleiderkammer, darunter Freiwillige und junge Leute, Studenten und Praktikanten. In Notfällen fahren sie raus und versorgen Bedürftige vor Ort. Alte, Kranke und jene, die nicht die Kraft haben, den Weg in eine der vielen Niederlassungen zu finden. Die kleinen blauen Kältebusse der Berliner Stadtmission, die in den kalten Monaten durch die Stadt fahren, haben sich längst ins kollektive Bewusstsein der Stadtgesellschaft gebrannt; sie bringen Menschen ins Warme, leisten erste Hilfe oder lindern mit heißen Getränken das Leid jener, die sich längst aufgegeben haben. Wie viele Menschen in Berlin alljährlich auf der Straße sterben, ist ein gut gehütetes Geheimnis, zu dem sich die Senatsverwaltung offiziell nicht äußern möchte.

Helferin am PC, Foto: Benedikt Vallendar

Gutscheine für den Discounter

Marek wohnt in einem Heim für Wohnungslose, sagt er. Eine eigene Bleibe könne er sich nicht leisten. Und dass ihm das Amt „zu stressig“ sei. Marek meint das Jobcenter. Als Alleinstehender hätte er Anspruch auf eine maximal 50 Quadratmeter große Wohnung. Doch sei dafür auch Eigeninitiative gefragt, heißt es beim Jobcenter in Neukölln, das für Marek zuständig ist. „Die wollen von mir mindestens vier Bewerbungen im Monat, und dann soll ich noch jeden Job annehmen, Zeitungen austragen oder irgendwo am Band stehen, nee Danke“, entrüstet sich der Endvierziger. Ein-Euro-Jobs habe Marek auch schon gemacht, sagt er, aber nicht lange. Das Amt zahle ihm das Zimmer und helfe bei Einkäufen im Discounter. „Würde ich einen Minijob annehmen, gingen 270 Euro davon ans Amt“. Da lohne es sich doch gar nicht zu arbeiten, fügt sein Kumpel Kevin hinzu. Bei einer Recyclingfirma sei er mal gewesen, sagt Marek, bis auch dort „Schluss“ gewesen sei.

Das Problem: In Berlin wird einfache Arbeit oft schlecht bezahlt, derweil die Mieten steigen und steigen. Und das nicht nur in exklusiven Lagen wie Mitte, Dahlem oder Zehlendorf, sondern auch in jenen Vierteln, die früher als soziale Brennpunkte galten. Neukölln, früher Problemkiez mit hohem Ausländeranteil, ist heute gefragter denn je. Kaltmieten von über 19 Euro sind dort längst keine Seltenheit mehr. Nach unbestätigten Zahlen ist die Zahl der Wohnungslosen in Berlin bis Ende 2025 wieder auf über Zehntausend gestiegen. Nachdem sie Mitte der neunziger Jahre mal kurzzeitig auf unter Fünftausend gesunken war. Und woran sich unschwer erkennen lässt, dass die Arbeit der Berliner Stadtmission gefragt ist wie eh und je.

Durch Trägheit in die Armut?

Allerdings: „Wir können Probleme oft nur lindern und nicht immer lösen“, sagt ein Ehrenamtler. Es klingt ernüchternd, wie der junge Mann das so sagt. Man dürfe auch nicht immer der „Gesellschaft“ die Schuld an den Zuständen geben, fügt seine junge Kollegin hinzu, die in der Lehrter Straße die Notunterkunft betreut, wo es heute gespendeten Joghurt und Kuchen einer Großbäckerei gibt. Obdachlosigkeit habe meist vielfältige Ursachen, sagt die junge Frau. Manchmal Schicksalsschläge, doch viel öfter Trägheit und die Unfähigkeit, Lebenskrisen zu meistern und sich selbst zu helfen. Überhöhter Alkoholkonsum setzte manchmal eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende folgelogisch ein Leben auf der Straße stehe. Situationen, in denen die Berliner Stadtmission Menschen zur Seite stehen will, auch wenn ihr das nicht immer gelingt, was ebenfalls Teil der Wahrheit ist.

Wachsende Stadt – wachsende Not

Offiziellen Schätzungen zufolge wächst die Hauptstadt jährlich um mehrere Tausend Neubürger, darunter auch Flüchtlinge und Menschen ohne Papiere. Viele stammen aus Osteuropa, oft bereit für vier oder fünf Euro zu arbeiten, gesetzlicher Mindestlohn hin oder her. Was sich dann auch auf dem städtischen Wohnungsmarkt zeigt. Die hohe Nachfrage korrespondiere schon lange nicht mehr mit den Löhnen, heißt es bei der Stadtmission. Und wann die oft angekündigten Programme des Berliner Senats zur Verbesserung der Wohnsituation kommen, bleibe offen. Alle gierten zurzeit nach Geld, sagt Marek. Und auch aus seiner Notunterkunft sollen angeblich bald Eigentumswohnungen werden, habe er von Mitbewohnern gehört. Doch sei das bislang nur ein Gerücht.

Über Benedikt Vallendar 106 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem neusprachlichen Gymnasium in Sachsen-Anhalt.