Alte bayerische Ortsansichten – real und ideal gesehen: Das Bayerische Nationalmuseum zeigt ausgewählte Stücke aus seiner Veduten-Sammlung

Das Rotelbuch des Klosters Seeon aus dem Jahr 1636 hat das Bayerische Nationalmuseum 1887 erworben. Foto: Hans Gärtner

Studienausstellungen wie die zum komplexen Thema „StadtLandschaft“ haben es an sich, dass sie auf engem Raum ein ausgeklügeltes Konzept präsentieren, das gemeinhin nicht jedermann auf Anhieb anspricht. Den Vorteil des Exklusiven kann eine speziell interessierte Besucherschaft nützen, die sich gerne auf ein nicht alltägliches Thema einlässt. In diesem Fall heißt es: historische Ansichten Bayerns, wissenschaftlich Veduten genannt.

Das sind, wie die Ausstellungsmacher erklären, „wirklichkeitsgetreue Darstellungen von Städten, Landschaften oder Baugruppen“. Sind sie in der Tat realistisch? Oder spielt da nicht gleichzeitig etwas „Ideales“ hinein? Schließlich sind da vielfach Künstlerinnen und Künstler am Werk gewesen, die nicht nur abbildeten, was sie mit den Augen wahrnahmen, sondern in die sie gleichzeitig auch ihre Empfindungen einbrachten. Das Spannungsfeld liegt also gewissermaßen zwischen Wirklichkeit und Schönheit einer Stadt, eines Gebäudekomplexes, eines Staßenzuges oder einer Landschaft.

Zu sehen ist im Obergeschoss des Bayerischen Nationalmuseums eine kleine, mit Bedacht zusammengestellte Auswahl aus dem museumseigenen Bestand an nicht weniger als 13 000 Druckgrafiken, Aquarellen und Zeichnungen aus dem 16. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei kommen alte Ansichten aus bayerischen Großstädten wie München, Nürnberg und Augsburg, auch solche aus Niederbayern ebenso zum Zuge wie kleinere, geradezu unbekannte Örtlichkeiten wie beispielsweise das Alte Schloss zu Natternberg an der Donau bei Deggendorf oder das im Chiemgau liegende Kloster Seeon.

Auf drei besonders interessante Gegenstände soll hier exemplarisch eingegangen werden. Da fällt eine gut 300 Jahre alte Spenden-Sammelbüchse aus Eisenblech ins Auge. Mit Ölfarbe bemalt, zeigt sie frontseitig eine hübsche Ansicht der Münchner Mariensäule, die damals auf dem Schrannenplatz stand. Dieser sei, so betont der Kurator, ein Ort regelmäßiger Andachten gewesen. Macht man sich die Mühe, um das seltene Objekt einmal herumzugehen, sind da etliche marianische und andere christliche Symbole zu sehen. – Das erwähnte Schloss Natternberg malte Carl August Lebschée (1800 – 1877) im Jahr 1865. Es stand, wenn man Lebschée glauben darf, auf einem karstigen hoch aufragenden, kaum bewachsenen, jedenfalls malerisch gelegenen hoch aufragenden Felsen. Wie man da wohl hoch gekommen war? Weder Pfade noch eine befahrbare Straße sind auf der reizvollen Grafik auszumachen.

Eines der interessantesten Exponate ist zweifellos das Rotelbuch des Klosters Seeon. Es entstand entweder in Bayern oder Österreich und ist genau 390 Jahre alt. Erworben im Jahr 1887, gibt das mit Gouache bemalte Rotelbuch aus Pergament, Papier, Leder und Seide eine perspektivische Ansicht des Seeoner Klosters wieder. Ein Künstlername ist nicht genannt. „Im Vordergrund“, so wird erklärt, „steht die allgemeine Wiedererkennbarkeit, nicht die topographische Korrektheit in jedem Detail“.

Zur dieser Studienausstellung, die bis 14. Februar 2027 von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr besucht werden kann, hat Museums-Chef Frank Matthias Kammel die mit zahlreichen Abbildungen versehene Publikation „StadtLandschaft. Bayern in historischen Ansichten“ mit eigenen und Texten von Kurator Sybe Wartena u. a. vorgelegt (12 Euro). Zur  Konservierung und Erschließung der BNM-Grafiksammlung tragen bei: die Ernst von Siemens-Kunst-, die Bauer`sche Barock- und die Eleonora Schamberger Stiftung.

Über Hans Gärtner 560 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.