Artgerecht. 13 Thesen zur Zukunft des Homo Sapiens – Keine Angst vor unserer eigenen Natur – „Der Apfel der Erkenntnis soll nun endlich mit Genuss gegessen werden“

Quelle: pixabay, Flyfishinghut

Einer Evolutionsgeschichte von fünf Millionen Jahren stehen nur wenige Jahrhunderte technologischer Zivilisation gegenüber, welche die menschliche Natur entscheidend verändert hat und immer noch verändert… nicht immer zum Guten. Fast ein Viertel der Menschen in den westlichen Industrienationen sind nach Schätzungen psychisch krank. Hinzu kommen die klassischen Zivilisationskrankheiten wie Typ 2-Diabetes, Bluthochdruck, Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall und viele weitere Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen, die durch einen „ungesunden“ Lebensstil befördert werden. Von zunehmender Demenz und Alzheimer ganz zu schweigen.

Jeder der sich nur ein bisschen für gesellschaftliche Entwicklungen interessiert, verspürt ein zunehmendes Unbehagen, einhergehend mit einem Machtlos-Sein. Denn der Mensch lebt schon lange nicht mehr artgerecht. „Wir stecken heute mitten in einer multiplen, kulturellen Krise und merken auf die eine oder andere Art wohl fast alle, dass wir so, wie wir jetzt leben, noch nicht einmal unseren ureigenen Bedürfnissen gerecht werden. Schlaf, Bewegung, Ernährung, Partnerschaft, Familie, Beruf und Finanzen, unsere Umwelt, das soziale Miteinander bis hin zu Krieg und Frieden – irgendwo hakt es immer.“, schreibt Dr. Markus Strauß, einer der bekanntesten Experten für essbare Wildpflanzen und Selbstversorgung, zutreffend im Vorwort seines Buches.

Strauß nennt in seinem Buch sogar einen anderen, äußerst provokativen Slogan. Er spricht von „artgerechter Menschenhaltung“, in Anlehnung an die „artgerechte Tierhaltung“, die allerorts längst eingemahnt wird. Der Ausdruck provoziert und weckt Assoziationen zu den fatalen biopolitischen Experimenten der jüngeren Vergangenheit. Aber die 13 Thesen und auch Lösungsansätze, die Dr. Markus Strauß in seinem Buch aufstellt und aufzeigt, gehen in eine ganz andere Richtung, als die verabscheuungswürdigen Machenschaften vor rund 80 Jahren. Strauß plädiert für eine Rückbesinnung auf die wahre Natur und die wesentlichen Bedürfnisse des Menschen.

Er zeigt in seinem Buch 13 Ansätze auf, die jetzt nicht wirklich neu und revolutionär zu nennen sind, aber dennoch als hochaktuell eingestuft werden können. Denn jeder mit einigermaßen wachem Geist, hat bestimmt schon mehr als einmal das Tun und Machen unserer Spezies hinterfragt, entlarvt oder gar beim eigenen „an die Nase Fassen“ entdeckt, dass da irgendetwas ganz gewaltig aus dem Ruder zu laufen droht. Oft genug bleibt bei solchen Introspektiven ein Gefühl der Sinnlosigkeit zurück, weil man die eigene Leistung nicht mehr als einen Beitrag zu einem Systemganzen zu bewerten weiß.

Diese Thesen, die uns alle zu mehr psychischen und körperlichen Wohlbefinden führen könnten, wirft Dr. Markus Strauß nicht einfach so in den Raum, sondern er analysiert sie als Teil eines Ganzen. Dazu unternimmt der Autor in jedem Kapitel einen Streifzug in die Vergangenheit, um das Dilemma vom Ansatz her zu erklären und die zuweilen fatale Entwicklung bis ins Jetzt zu veranschaulichen. Er appelliert an das Bewahrenswerte unseres evolutionären Erbes und zeigt Perspektiven für die (Weiter‑)Entwicklung des Menschen auf. Dabei geht es nicht darum, unsere menschliche Natur zu ändern, sondern uns mit ihr zu arrangieren.

Im Buch wird unseren Ernährungsgewohnheiten und hier ganz speziell der „Zuckerbombenindustrie“ auf den Zahn gefühlt oder aber unserem lebenswichtigsten Elixier – dem Wasser – „unter die Quelle geschaut“. Strauß untersucht den Raubbau an unseren Böden sowie unserem heimischen Wald oder er greift das Thema der allumfassenden „echten Tierliebe“ auf, die sich nicht ausschließlich auf unsere eigenen Haustiere beschränken sollte. Er analysiert natürlich auch unser eigenes Miteinander. Strauß ruft zu mehr Polarität auf, anstatt Männer und Frauen in noch mehr Gendermodifizierung zu verstricken. „Herzensbildung statt Geschlechterkampf“ – so sein Credo. Unseren Kindern wiederum wünscht er mehr liebevolle Unterstützung statt zunehmender Dressur. Natürlich darf auch unser zunehmend gehetztes Wesen nicht außen vorgelassen werden. Zeit ist in allem Munde, vor allem die fehlende. Der Autor plädiert für mehr Mut zum natürlichen Rhythmus und nicht zur Unterwerfung des derzeit dominanten linearen Modus. Er analysiert das menschliche Bewegungsverhalten oder den monetären Geist in Form des Geldes, um schlussendlich ein Bild der Gesellschaft der Zukunft zu entwerfen.

„Wir sollten nicht uns an die Zivilisation, sondern die Zivilisation an uns anpassen, sie so gestalten, dass sie unseren in Äonen geformten Bedürfnissen als Lebewesen gerecht wird. Zivilisation ist nicht als Gegenteil unserer Natur zu begreifen.“, äußerte einmal der Wiener Evolutions- und Kognitionsforscher Prof. Dr. Franz M. Wuketits in einem Interview. Dies kann auch als Leitgedanke über dem Buch von Dr. Markus Strauß stehen. Interessant, tiefgreifend und in einigen Ansätzen durchaus auch mach- und lebbar, erschließen sich seine Zeilen trotz all ihrer Komplexität und regen zum Nach-und Umdenken an. An einer gesamtgesellschaftlichen Umsetzung dürfen dennoch Zweifel aufkommen. Zu tief sind die versumpften Strukturen in Politik, Wirtschaft und globaler Abhängigkeit.

 

Dr. Markus Strauß

Artgerecht. 13 Thesen zur Zukunft des Homo Sapiens

Franckh Kosmos Verlag, Stuttgart (12. April 2018)
320 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3440159701
ISBN-13: 978-3440159705

Preis: 24,00 EURO

 

 

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.