Der Doppelsuizid von Paul und Laura Lafargue

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Von allen bekannt gewordenen Doppelsuiziden hat jener von Paul und Laura Lafargue wohl die höchste Beachtung gefunden. Bei der Beerdigung auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise nahmen etwa 15000 Menschen teil. Lenin persönlich hielt eine Grabrede. Das Ehepaar war in Europa berühmt – Paul Lafargue war angesehener Arzt, Schriftsteller und Sozialist, Laura war eine Tochter von Karl Marx.

Kurzes biographisches Porträt 

Paul Lafargue wurde am 15. Januar 1842 in Santiago de Cuba geboren. Seine Vorfahren waren Kreolen und Indianer. Sein Schwiegervater Karl Marx nannte ihn oft wenig schmeichelhaft „Negrillo“, „medizinischen Kreolen“ oder „Abkömmling eines Gorillas“. Der Vater von Paul war Kaffeeplantagenbesitzer und übersiedelte 1981 nach Bordeaux. Paul studierte zuerst Pharmazie und dann Medizin in Paris. Sein Medizinstudium schloss er in London ab. Während seiner Londoner Zeit war er öfter Gast im Haus von Karl Marx und lernte dort dessen Tochter Laura kennen. Karl Marx war sehr ambivalent zu dieser Beziehung, willigte aber schließlich doch in die Heirat ein. Friedrich Engels war Trauzeuge. Das Ehepaar Lafargue  lebte die meiste Zeit in einem Vorort von Paris. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, die jedoch alle drei in jungen Jahren starben, so dass das Paar die meisten Jahre ihres gemeinsamen Ehelebens „kinderlos“ war. Paul Lafargue hat seinen Arztberuf nicht ausgeübt und ging stattdessen in die Politik und betätigte sich als Schriftsteller. Er schloss sich der sozialistischen Bewegung an. Seine Verdienste hierfür wurden von Lenin in der Grabrede ausführlich gewürdigt. Paul Lafargue schrieb viele Bücher zu sozialen Fragen. Am bekanntesten wurde sein Buch „Das Recht auf Faulheit“, in dem er die sklavische Arbeitssucht mancher Menschen anprangerte.

Eifersucht und Skepsis von Karl Marx

Karl Marx war von Anfang an skeptisch und sehr ambivalent zur Ehe seiner Tochter Laura. Bereits vor der Hochzeit, die am 2. April 1868 stattfand, schrieb er am 5. September 1866 an seine Tochter:

„Ehrlich gesagt, ich hab‘ den Jungen gern. Gleichzeitig aber bin ich ziemlich eifersüchtig auf ihn wegen seiner Ansprüche auf meinen alten Geheimsekretär“.

Die Charakterisierung seiner Tochter als „alter Geheimsekretär“ ist sehr vieldeutig und wohl ungewöhnlich.

Karl Marx machte sich aber auch Sorgen um seine Tochter und nahm wohl bei seinem Schwiegersohn etwas Abgründiges oder Bedrohliches wahr. In einem Brief an Friedrich Engels schrieb er bereits vor der Hochzeit, er habe Sorgen wegen der „Gemütsexzesse solcher Kreolen, etwas Furcht, dass der jeune homme (er ist 25 Jahre) sich umbringen würde.“

(Brief von Karl Marx an Friedrich Engels vom 7. August 1866)

Leider hat sich die dunkle Vorahnung von Karl Marx bewahrheitet – und viel schlimmer noch – sein Schwiegersohn hat seine Tochter Laura mit in den Tod genommen. Zum Zeitpunkt des Doppelsuizids war allerdings Karl Marx bereits fast drei Jahrzehnte tot. Ruth Stolz (1969) hat in einer ausführlichen Monographie die ambivalente Beziehung zwischen Karl Marx und seinem Schwiegersohn Paul Lafargue eindrucksvoll analysiert.

Der Doppelsuizid vom 25. November 1911

Am 25. November 1911  fuhren Paul und Laura Lafargue von ihrem Wohnort Draveil, der rund dreißig Kilometer südöstlich von Paris lag, in die Hauptstadt und gingen in die Oper. Sie sollen mit heiterer Stimmung heimgekehrt sein, haben noch ein kleines Abendessen eingenommen und sich dann suizidiert. Als Suizid-Methode wählten sie Zyankali-Spritzen. Die Köchin fand am nächsten Morgen das tote Paar. Paul hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen. Darin betonte er, dass er die Entscheidung für den Suizid schon lange vorher für sich gefällt habe. Er habe sich selbst das Versprechen gegeben, vor der 70. Lebensjahr aus dem Leben zu scheiden.

Der Abschiedsbrief –  „Gesund an Körper und Geist töte ich mich…“

Weder Paul noch Laura Lafargue waren schwer krank. Schwere oder lebensbedrohliche Erkrankungen sind die Hauptursache, wenn Ehepaare nach jahrzehntelanger Ehe gemeinsam aus dem Leben scheiden (Csef 2016). Bei dem Ehepaar Lafargue war es wohl mehr die Antizipation von möglichen unerträglichen Altersfolgen. Inwieweit dem Doppelsuizid ein einvernehmlicher gemeinsamer Suizidpakt vorausging, ist nicht bekannt.

Im Abschiedsbrief von Paul Lafargue sind folgende Worte zu lesen:

„Gesund an Körper und Geist töte ich mich, bevor das erbarmungslose Alter mir nacheinander alle Vergnügen und Freuden des Lebens nimmt, mich meiner physischen und psychischen Kräfte beraubt, meine Energie lähmt, meinen Willen bricht und aus mir eine Last für andere und mich selber macht.“

Literatur:

Bernstein, Eduard, Paul Lafargue. Sozialistische Monatshefte 16 (1912) Heft 1, S. 20 – 24

Csef, Herbert, Doppelsuizide von Paaren nach langer Ehe. Verzweiflungstaten oder Selbstbestimmung bei unheilbaren Krankheiten? Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik (2016), Ausgabe 1, S. 1 – 7

Lafargue, Paul, Das Recht auf Faulheit (1880). Reclam Verlag Ditzingen 2018

Lafargue, Paul, Religion des Kapitals (1896). Dietz Verlag Berlin 1930

Stolz, Ruth, Karl Marx. Wie ich meinen Schwiegersohn erzog. Dietz Verlag Berlin 1969

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Email: herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.