Brief an D. – eine späte Liebeserklärung von André Gorz an seine Ehefrau Dorine

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 André und Dorine Gorz – eine innige Liebe über fast 60 Jahre

André Gorz wurde in Wien als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Seinen Geburtsnamen Gerhart Hirsch änderte er im Erwachsenenalter ins das französische André Gorz. Seine Vorfahren waren bunt gemischt: er hatte vier tschechische Großeltern, davon waren zwei jüdisch. Seine Mutter war Österreicherin und katholisch. Die Kindheit verbrachte er in Österreich, dann lebte er in der Schweiz und von 1949 an in Frankreich. Mit 16 Jahren schickte ihn seine kluge und weitsichtige Mutter auf ein Internat in die Schweiz. Dort verbrachte er die Zeit des Naziregimes und des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg begann er ein Chemiestudium in Lausanne. Dort lernte er die aus Schottland stammende Doreen Keir kennen und heiratete sie. 1954 wurde er französischer Staatsbürger und enger Mitarbeiter von Jean-Paul Sartre. Ihn hatte er bereits 1946 in der Schweiz kennengelernt und sie waren lange befreundet. Durch politische Kontroversen wegen der Pariser Protestbewegungen der 80er Jahre kam es zum Bruch dieser langen Beziehung.

André Gorz wurde zu einem der einflussreichsten Gesellschaftstheoretiker, Sozialphilosophen und Wirtschaftswissenschaftler der französischen Nachkriegszeit. Er arbeitete zuerst als Privatsekretär bei einem Diplomaten in Paris, war dann Redakteur, Journalist und Publizist. Mit Jean-Paul Sartre und Simone des Beauvoir war er Redaktionsmitglied der berühmten Zeitschrift „Les Temps Modernes“ und wurde später Mitbegründer und stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Le Nouvel Observateur“.

Seine Ehefrau Dorine (geborene Doreen Keir), die aus Schottland stammte, war eine begabte Intellektuelle, war Journalistin, Lektorin und Theater-Schauspielerin, bis sie schließlich lange Zeit als Leiterin der Rechtsabteilung eines Verlages arbeitete. Anfangs verdiente Dorine überwiegend das Geld für den Lebensunterhalt, während er als „brotloser Philosoph“ noch auf den Erfolg wartete. Von 1964 an gewann er durch seine Schlüsselfunktion im „Le Nouvel Observateur“ an Bekanntheit und politischem Einfluss. Seine sozialphilosophischen Bücher wurden vieldiskutierte Bestseller. In der Pariser Zeit waren André und Dorine Gorz ein prominentes Intellektuellen-Paar, das neben dem mit ihnen befreundeten Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir die damalige geistige Welt von Paris prägte.

In den 70er Jahren wurde Dorine mit einer Rückenmarksentzündung schwer krank. Durch eine Fehlbehandlung hatte sie heftige chronische Schmerzen. Deshalb zogen sich die Pariser Intellektuellen aufs Land zurück, um dort in der Stille und Abgeschiedenheit „resilienter“ leben zu können. Mehr als zwanzig Jahre lebten sie in dem kleinen Dorf Vosnon in der Champagne – etwa 200 Kilometer östlich von Paris.

Im Alter von 83 Jahren schrieb André Gorz noch sein letztes Buch mit dem Titel „Brief an D. Geschichte einer Liebe“ (2007). Es enthält sehr tiefsinnige und emotional anrührende Liebesbekenntnisse des damals 83-jährigen an seine jahrzehntelange Ehefrau. Dieser Brief war ihm ein persönliches und privates Herzensanliegen. Freunde, die diesen Brief gelesen haben, ermunterten oder bedrängten ihn, diesen Liebesbrief in Buchform zu veröffentlichen. Nach langem Hin und Her und mehreren Gesprächen mit der Empfängerin dieses Briefes, seiner geliebten Ehefrau Dorine, stimmte er zu. André Gorz hat diesen Brief in der Zeit vom 21. März bis 6. Juni 2006 geschrieben. Er ist im selben Jahr im französischen Original erschienen. Die deutschsprachige Übersetzung folgte ein Jahr später im Schweizer Rotpunktverlag und umfasst 84 Druckseiten.

„Brief an D. Geschichte einer Liebe“ von André Gorz

Das Buch ist vermutlich der längste Liebesbrief der Literaturgeschichte und wurde über einen Zeitraum von fast drei Monaten geschrieben. Er beginnt mit den Sätzen:

„Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.“

Den prosahaften Schilderungen des Kennenlernens folgen fast philosophisch anmutende Reflexionen über den Sinn und den Bund der Ehe. Der Heiratswunsch von Dorine war wohl klarer und ausgeprägter als jener von André. Bald waren ihr seine Zweifel und seine Ambivalenz zu viel, so dass sie ihn vor die Wahl stellte: Trennung oder Eheschließung. Ihr schlagendes Argument: „Frauen ziehen einen endgültigen Bruch vor.“ Sie gab ihm Bedenkzeit, reiste für einige Wochen nach England und er blieb zurück in Lausanne. Er bangte um ihre Rückkehr und schrieb ihr zärtliche Liebesbriefe nach England. Sie kehrte zu ihm zurück und sie heirateten bald. Es folgten dann Jahrzehnte, die zeigen, wie André und Dorine ihre große Liebe in der Realität des Lebens gestalteten. Die letzten fünfzehn Seiten handeln von den leidvollen Jahrzehnten. In den siebziger Jahren hatte Dorin eine Bandscheibenoperation. Dabei wurde – vermutlich ein Kunstfehler – ein Kontrastmittel verwendet, das schwere Erkrankungen im Rückenmark (Arachnoiditis) auslösen kann. Dorine hatte viele Jahre unerträgliche Schmerzen. Schließlich wurde bei ihr noch Gebärmutterkrebs diagnostiziert und sie wurde erfolgreich operiert. Die Schmerzzustände persistierten und wurden schlimmer. Dann entschieden sich das Ehepaar, nach fast 60 Jahren Ehe gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Auf der letzten Seite des Buches wird dieser Schritt angekündigt.

Im letzten Absatz des Buches heißt es:

„Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einen Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will nicht bei Deiner Einäscherung dabei sein; ich will kein Gefäß mit Deiner Asche bekommen… Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.“

Gemeinsam sterben – der geplante Doppelsuizid von André und Dorine Gorz

Dorine Gorz war lange Zeit unheilbar krank. Sie litt unter einer Rückenmarkserkrankung (Arachnoiditis), die sich nach Operationen zunehmend verschlechterte. Im höheren Lebensalter kam dann noch eine Krebserkrankung hinzu, was die Gesamtlage des Paares deutlich verschlimmerte. Die Todesahnungen, die André Gorz in der ersten Hälfte des Jahres 2006 in seinem letzten Buch „Brief an D.“ beschrieb, bekamen bereits ein Jahr später eine neue Radikaliät. Die Zeit-Redakteurin Elisabeth von Thadden hat das Ehepaar kurz vor ihrem Doppelsuizid in deren Domizil in Vosnon besucht. Dabei sprachen sie auch über die Möglichkeit, gemeinsam aus dem Leben zu gehen, also gemeinsam zu sterben. Sie sprachen auch über den Doppelsuizid des Schriftstellerkollegen Arthur Koestler und seiner Frau Cynthia, die im Jahr 1983 durch einen Doppelsuizid gemeinsam aus dem Leben schieden (ausführliche Darstellung bei Csef 2016). Das Paar war Andrè und Dorine Gorz aus der Pariser Zeit gut bekannt. Beide lebten lange in der Intellektuellen-Szene um Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, zu der auch das Ehepaar Gorz gehörte. Arthur Koestler hatte eine erotische Liaison mit Simone de Beauvoir, weshalb Sartre sehr eifersüchtig war und es zu einem Bruch in der Beziehung von Arthur Koestler und Jean-Paul Sartre kam.

Bei dem Besuch der Zeit-Redakteurin Elisabeth von Thadden sprachen diese und das Ehepaar Gorz ausführlich über den Doppelsuizid des Ehepaares Koestler. Dabei sagte André Gorz zur Journalistin die folgenden Worte:

„Dorine und ich haben miteinander über diesen Selbstmord gesprochen, als wir von ihm erfuhren. Aber das war deren Geschichte, ja deren Kampf. Wir denken beide nicht daran. Wir leben im ewigen Augenblick, die Gegenwart ist uns genug.“ (Elisabeth von Thadden, 28. September 2007)

Bereits einige Wochen nach diesem Besuch siegte wohl die Verzweiflung über die Hoffnung und der Doppelsuizid wurde jetzt reale Möglichkeit. Das Ehepaar Gorz entschied sich, dies in ähnlicher Weise zu tun wie das Ehepaar Koestler. Am 22. September 2007 setzten sie in Vosnon ihr Vorhaben in die Tat um (Literatur zum Doppelsuizid des Paares bei Csef 2022, 2023). Dorine und André Gorz waren beim Doppelsuizid 84 und 83 Jahre alt und hatten 60 Jahre als Ehepaar miteinander verbracht.

Begeisterte Rezeption der Liebeserklärung „Brief an D.“

Das Buch „Brief an D.“ war das letzte Buch zu Lebzeiten von André Gorz und es wurde sein erfolgreichstes. Es wurde bereits in der ursprünglich französischen Ausgabe im Jahr 2006 ein Bestseller. Die deutschsprachige Übersetzung im Schweizer Rotpunktverlag erschien im Jahr 2007 und liegt heute in der 8. Auflage vor. Die Rezeption in der deutschsprachigen literarischen Welt war beeindruckend und einhellig positiv. Elisabeth von Thadden in der „Zeit“, Friederike Reents in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Jürgen Ritte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ lobten dieses Buch in höchsten Tönen.

Elisabeth von Thadden bringt das Wesentliche wie folgt auf den Punkt:

„Denn dieses Buch erzählt auf seinen wenigen Seiten von dem vielleicht begehrtesten aller Güter nicht nur in westlichen Biografien: von der Liebe, die dauerhaft ist. Dem Pakt fürs Leben, der aus Liebe geschlossen wird, von der Ehe also, die die Liebe nicht austreibt, sondern gedeihen lässt.“ (Elisabeth von Thadden, 20. September 2007).

Ähnlich fasziniert äußert sich Friederike Reents in der „FAZ“ mit den folgenden Worten:

„Dass diese Liebe jedoch nicht nur die Triebfeder seines Lebens und Schaffens, sondern das Bindemittel, vielleicht auch das Bindeglied war, das ihn in der Welt hielt, davon zeugt dieses Buch. (…) Aber sie (Anm. Dorine) hat noch vor dem gemeinsamen Ende diesen zarten Liebesbrief erhalten, der deutlich macht, warum die Ehe als ein Bund fürs Leben bezeichnet wird; aber auch, warum der Tod in Verbindung mit geglückter Liebe im Grunde keinen Anlass zur Trauer bietet, nämlich dann, wenn er Anstoß zum Schreiben eines sehr wahrhaftigen Buches über die ‚Geschichte einer Liebe‘ war. Frei nach Goethe: Was im Leben uns geglückt, uns im Briefe hier verzückt.“ (Friederike Reents vom 14. Dezember 2007).

Literatur

Csef, Herbert (2016), Doppelsuizide von Paaren nach langer Ehe. Verzweiflungstaten oder Selbstbestimmung bei unheilbaren Krankheiten?  Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik. Jahrgang 2016, Ausgabe 1, S. 1 – 10

Csef, Herbert (2022), Ein gemeinsamer Tod – der Doppelsuizid von André und Dorine Gorz. Tabularasa Magazin vom 29. Mai 2022

Csef, Herbert (2023), Gemeinsam sterben. Die berühmtesten Doppelsuizide. Gießen: Psychosozial-Verlag

Gorz, André (2017), Brief an D. Geschichte einer Liebe. Rotpunktverlag Zürich, 8. Auflage

Reents, Friederike (2007), Bis dass der Tod euch scheidet. Die Geschichte einer Liebe: André Gorz‘ langer Brief zum langen Abschied. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember 2007.

Von Thadden, Elisabeth (2007), André Gorz: Über den Tod hinaus. Ein Nachruf, nach einem letzten Besuch. Die Zeit vom 28. September 2007.

Von Thadden, Elisabeth (2007), Von Luft und Liebe. Eine letzte Begegnung mit dem alten Ehepaar vor ihrem Tod. Die Zeit vom 20. September 2007

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email: herbert.csef@gmx.de

 

Über Herbert Csef 136 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.