Der Magier vom Vesuv

Das geheimnisvolle Vermächtnis des Prinzen Raimondo de Sangro

Vesuv, Bild von 445693 auf Pixabay

Legenden um Alchemisten und geheimnisvolle Magier, die durch echte oder auch nur durch vorgetäuschte Fähigkeiten ihre Zeitgenossen beeindruckten, gehören zur kulturellen Tradition des Abendlandes.

Am bekanntesten dürften dabei Persönlichkeiten wie Nicolas Flamel, der Graf von Saint German oder auch der Graf von Cagliostro sein. Im Fall von Nicolas Flamel streiten sich Historiker und Philosophen bis heute, ob Flamel tatsächlich je gelebt hat oder ob die Berichte über sein Wirken bloße Allegorien auf die von allen Alchimisten erstrebte Transmutation sind.

Der Graf von Saint Germain war hingegen durchaus eine historische Persönlichkeit, deren Einfluss auf die Politik des 18. Jahrhunderts nicht unterschätzt werden sollte. Bekannt wurde der Graf  jedoch durch seine Erzählungen, die bei den Zuhörern stets den Eindruck erweckten, Saint Germain  habe bereits zu Zeiten des ägyptischen Pharaonenreiches gelebt. Nicht umsonst trug er den Beinamen „der alles weiß und niemals stirbt“. Bereits damit lässt sich die von der Person Saint Germains ausgehende Faszination erklären. Seine Gönner waren der Auffassung, dass der Graf im Besitz eines geheimnisvollen Elixiers sei, das Ewige Jugend garantierte. Da die Umstände seines Todes oder besser Verschwindens ebenfalls sehr mysteriös sind, ist es nicht verwunderlich, dass sich bis heute zahlreiche Legenden um die Person des Grafen ranken. Mancher moderne Autor ist dann auch bereit, seinen Lesern Glauben zu machen, Saint Germain sei ein Zeitreisender oder gar ein außerirdischer Raumfahrer gewesen.

Was den Grafen von Cagliosto betrifft, so sind sich Historiker und Alchimisten inzwischen einig, dass er wohl nur ein findiger und begabter Scharlatan, aber keineswegs ein wirklicher Magier war.

Im Schatten dieser bekannten  Persönlichkeiten  stehen andere Männer, deren Namen nur von wenigen Eingeweihten voller Hochachtung genannt werden. Zu ihnen gehört Raimondo, der Prinz von Sansevero.

Er wurde im Jahr 1710 als Sohn des Herzogs Antonio de Torremaggiore und dessen Gemahlin Cecilia Gaetani dell’Aquila d’Aragona in der Provinz Foggia geboren. Wenige Monate nach seiner Geburt bereits verstarb Raimondos Mutter. Die weitere Erziehung des Prinzen wurde seinem Großvater Paolo anvertraut.

Der „sehr scharfe Geist und die exzessive Schnelligkeit“ des Jungen veranlassten seine Verwandten, ihn nach Rom auf das von Jesuiten geführte Collegio Clementino zu schicken, das für sein hohes Ausbildungsniveau bekannt war.

Dort wurde Raimondo don Carlo Spigola und Domenico Quarteironi unterrichtet. Obwohl er sich bislang keiner strengen Disziplin unterworfen hatte, widmete er sich mit wachem Geist dem Studium der Literatur, der Philosophie und des Rechts ebenso wie der Wappenkunde, der Feuerwehrtechnik, der Hydrostatik und der Alchimie.

Im Jahr 1729 dann  lieferte der Prinz von Sansevero ein erstes Meisterstück seiner Erfindergabe. Im Hof des Kollegiums sollte damals eine Bühne errichtet werden, die jedoch gleich nach dem Schluss der Aufführung wieder verschwinden musste, um Platz zu schaffen für die nachfolgenden Manöver der Kavallerie. Nachdem die Zeichnungen der renommiertesten Ingenieure jener Zeit begutachtet hatte, wurde der Entwurf des jungen Raimondo de Sangro ausgewählt. Seine Konstruktion war so beschaffen, dass die Bühne innerhalb weniger Minuten mit Hilfe von einigen Seilzügen wie ein Buch geöffnet und wieder geschlossen werden konnte.

Noch während des Studiums starb Raimondos Großvater, so dass der Prinz bereits in jungen Jahren zum Oberhaupt einer der mächtigsten neapolitanischen Familien wurde. Nach der Rückkehr aus Rom heiratete er seine Cousine Carlotta Gaetani dell’Aquila d’Aragona.

 Im gleichen Jahr bestieg Karl von Bourbone den neapolitanischen Königsthron. Als der neue Herrscher von den Leistungen des jungen Prinzen erfuhr, berief er ihn als Kammerherrn an seinen Hof. Später dann wurde Raimondo de Sangro zum Ritter vom Orden des Heiligen Jannuarius ernannt, womit der Koenig seinem Kammerherrn erneut Anerkennung zollte.

In jenen Jahren studierte der Prinz von Sansevero viel und intensiv. Wie groß sein Wissensdrang war, lässt sich daran ermessen, dass er von Papst Clemens XII. die Erlaubnis erwirkte, auch die von der katholischen Kirche verboten Bücher lesen zu dürfen.

Sehr zahlreich waren im Lauf der Zeit auch die von ihm gemachten Erfindungen. Nur einige davon sollen hier erwähnt werden. So konstruierte Raimondo ein besonderes Gewehr. Diese Arkebuse konnte aus nur einem Lauf sowohl mit Schwarzpulver als auch mit Druckluft feuern. Das Gewehr war vor allem bei Jägern und Scharfschützen sehr beliebt. Der Prinz entwickelt ebenfalls ein hydraulisches Getriebe, mit dem Wasser in jede beliebige Höhe gepumpt werden konnte. Auch ein besonders leichtes Feldgeschütz, dass sich durch eine überdurchschnittliche Reichweite auszeichnete, gehörte zu den Erfindungen des Adligen. Außerdem arbeitete Raimondo Jahre lang an einem „Grossen Wörterbuch der Kriegskunst“ und verfasste ein „nützliches Handbuch für Militärübungen der Infanterie“. Dieses Werk erlangte eine große Bedeutung für die Militärs jener Epoche und trug ihm schließlich sogar ein Lob Koenigs Friedrichs II. von Preußen ein  Aufgrund seiner Leistungen wurde der Prinz von Sansevero als Esercitato in die Accademia della Crusca berufen. Militärisch zeichnete er sich vor allem durch seine Tapferkeit und taktisches Geschick in der Schlacht von Velletri (1744) gegen die Österreicher aus.

Nach seiner Zeit beim Militär widmete Raimondo einen Grossteil seiner Kräfte wissenschaftlichen Interessen. So gelang ihm die Erfindung eines hauchdünnen, wasserdichten Stoffes, der die Eigenschaften der modernen Plastikfolie vorwegnahm. Eine nach seinen Plänen gebaute Kutsche war in der Lage, sowohl auf dem Land als auch auf dem Wasser zu fahren. Raimondos bedeutendste Erfindung aber war zweifellos jene „Ewige Lampe“, die er häufig in seiner Korrespondenz mit anderen Gelehrten erwähnte. De Sangro beherrschte darüber hinaus mehrere alte Sprachen, darunter Hebräisch, Altgriechisch und Sanskrit. Seine besondere Leidenschaft aber galt der Drucktechnik. So erfand Raimondo eine Druckerpresse, die mehrere Farben in einem einzigen Vorgang zu drucken vermochte. Das war zu jener Zeit eine wahrhaft revolutionäre Neuerung. In seiner eignen Druckerei produzierte der Prinz von Sansevero den „Apologetischen Brief“. Doch damit war der kühne Forscher eindeutig zu weit gegangen. Die katholische Kirche verurteilte diese Publikation als herätisch und äußerst gefährlich. Der „Apologetische Brief“ wurde eingestampft. Sein Verfasser geriet noch mehr unter Druck, als bekannt wurde, dass Raimondo de Sangro als Großmeister einer neapolitanischen Freimaurerloge vorstand. zu der zahlreiche bedeutende Adlige und Buerger der Stadt zählten. Nun ließen die Jesuiten ihren Zögling fallen, und der Papst verkündete den Bann gegen den Prinzen von Sanservero. Obwohl Benedikt XIV. schließlich die Exkommunikation zurücknahm, zog sich Raimondo enttäuscht aus dem öffentlichen Leben zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 1771 widmete er sich ausschließlich  Forschungen und Laborstudien.

Der Nachwelt hat Raimondo de Sangro ein künstlerisch vollendetes Vermächtnis hinterlassen – die Kapelle von Sansevero in Neapel. Die Ausgestaltung dieses Gotteshauses hatte er sich in seinen letzten Lebensjahren zur Aufgabe gemacht. Ihren Ursprung verdankt die Kapelle von Sansevero einer Marienerscheinung. Ende des 16. Jahrhunderst soll ein zu Unrecht Gefangener in der Nähe des Palastes de Sangro die Muttergottes gesehen haben. Er nahm dies als Zeichen seiner baldigen Errettung und gelobte, eine silberne Tafel zu stiften, falls er freigesprochen werden sollte. Als der Mann dann tatsächlich kurze Zeit später aus dem Gefängnis entlassen wurde, erfüllte er seinen Schwur. Das Silberne Abbild der Jungfrau Maria wurde bald zu einem regelrechten Wallfahrtsort, vor allem, nachdem Giovan Francesco Paolo de Sangro dort als Dank für seine Genesung von schwerer Krankheit im Jahr 1590 eine kleine Kapelle errichten ließ. Sein Sohn Alessandro dann verwandelte dann diese Kapelle in eine echte Pilgerstätte, in der auch einige Grabdenkmäler seiner Ahnen Platz finde sollten. Aus jener Kapelle schuf Raimondo de Sangro ein einzigartiges Kunstwerk, das von seiner Magie im Lauf der Jahrunderte nichts eingebüsst hat. Der Prinz übertrug seine außergewöhnliche Fantasie, seinen Erfindergeist und seine Schöpferkraft auf die stilistischen Elemente des Gotteshauses. So entstand ein ganz besonderes Denkmal, das Zeugnis ablegt von den Höhen der Kreativität, zu denen der menschliche Geist sich aufzuschwingen vermag. Die zahlreichen, aus feinstem Marmor mit kaum glaublicher Liebe zum Detail  gefertigten Statuen und die reichen Malereien in der Kapelle schaffen eine magische Atmosphäre, die nicht zu unserer Welt zu gehören scheint. Die Kunstwerke der Kapelle von Sansevero sind ein eigenes Buch wert, so dass an dieser Stelle nur die wichtigsten erwähnt werden sollen. Der „Verschleierte Christus“ ist weltweit eines der eindrucksvollsten Werke der Bildhauerkunst. So schrieb der Künstler Antonio Canova, dass „er zehn Jahre seines Lebens gegeben hätte, um der Schöpfer dieses Werkes zu sein“. Das Werk ist datiert und signiert von Sammartino, dessen moderne Sensibilität sich in der Darstellung des Körpers ausprägt, indem der weiche Schleier den leblosen, fragmentiert erscheinenden Körper erbarmungsvoll umhüllt. In diesen Körper gravieren die Falten des Schleiers, krampfhaft und gequält, ein umso tieferes Leiden ein, so dass die barmherzige Bedeckung die Glieder erst recht nackt und ausgesetzt erscheinen lässt, und die Umrisse des zerstörten Körpers noch härter und unerbittlicher wirken. Diese genaue und intensive Arbeit Sammartinos hat nichts übrig für eine kanonisierte stilistische Ausdrucksweise. Dies zeigt sich auch darin, dass der Künstler den Saum des Schweißtuches „bestickt“ und den Passionswerkzeugen außergewöhnlich große Aufmerksamkeit widmet. Die Kunst von Sammartino löst sich auf in einer dramatischen Beschwörung, dem Ausgangs- und Endpunkt einer Recherche, die keinerlei Bedeutung mehr für sich selbst hat, in dem Moment, da Christus zum Symbol des Schicksals und der Befreiung der gesamten Menschheit wird.

In Anbetracht der künstlerischen Vollendung von Sammartinos Werk verwundert es nicht, dass nach der Legende Raimondo de Sangro selbst ein Tuch aus feinstem Musselin mit einer geheimnisvollen Flüssigkeit getränkt und über den aus Marmor gemeißelten Körper Christi geworfen haben soll, wo das Tuch zu Stein erstarrte. Nur so vermochte man sich die überaus realistische Darstellung des „Verschleierten Christus“ zu erklären. Analysen des Materials haben aber inzwischen ergeben, dass Schleier und Körper aus dem gleichen Marmor hergestellt wurden.

Von gleicher künstlerischer Qualität wie der „Verschleierte Christus“ ist die Statue der „Keuschheit“, welche Raimondo de Sangro zum Gedenken an seine viel zu früh verstorbene Mutter Cecilia Gaetani dell’Aquila d’Aragona errichten lies. Dieses Werk wurde durch den Bildhauer Corradini realisiert, der zu jener Zeit bereits mehrere verschleierte Figuren geschaffen hatte. Hier aber sollte er eine ungeahnte Perfektion beim Modellieren des Schleiers erreichen, der auf dem Körper der Frau mit Eleganz und zugleich Natürlichkeit liegt. Es ist, als ob der Duft des Räucherwerks dazu beiträgt, diese bloß gefühlte Schicht, verflochten mit einem Rosenzweig, feucht und unglaublich eng auf der Haut liegen zu lassen. Der in die Ferne schweifende Blick, der Lebensstock und der zerbrochene Grabstein symbolisieren eine zu früh geendete Existenz und offenbaren den noch fühlbaren Schmerz des Sohnes, der auf diese Weise nicht nur das Bild seiner Mutter, sondern vor allem deren Tugenden überliefern wollte. Am Relief unter der Statue ist die Episode des Evangeliums Noli me tangere verewigt – die bildliche Darstellung der schmerzlichen und endgültigen Unmöglichkeit jeglicher menschlicher Berührung.

In zwei unterschiedlichen Skulpturen gelang es zwei verschiedenen Bildhauern, Verschleierungen künstlerisch vollendet darzustellen. Diese Tatsache ist ans sich unglaublich, und verleiht der Volksüberlieferung, nach welcher es Raimondo de Sangro war, der mit einer speziellen Substanz Stoffe versteinern ließ, und so den Effekt der Schleier erzeugte, ein wenig mehr Glaubwürdigkeit. Der Bildhauer Queirolo hat mit der „Enttäuschung“ eine weitere Skulpturengruppe geschaffen, die ihresgleichen sucht. Hier befreit sich ein Mann aus den weltlichen Verstrickungen, die durch ein täuschend echt dargestelltes Netz symbolisiert werden. Dieses Werk widmete Raimondo de Sangro seinem Vater, der nach dem frühen Tod seiner Frau ein abenteuerliches Leben führte, sich aber in den letzten Jahren in die Ruhe einer priesterlichen Existenz zurückzog. Queirolo bewies vor allem bei der Darstellung des Netzes außerordentliche künstlerische Fähigkeiten. Noch heute erzählt man sich, dass der Künstler die Skulptur selbst mit Bimsstein polieren musste, da seine Handwerker sich weigerten, das empfindliche Netz  zu berühren, aus Angst, es könne bei der Arbeit zerbrechen. Ein kleiner Genius hilft de Sangro, sich aus den Verstrickungen zu befreien. Auf seiner Stirn trägt er eine Flamme -Zeichen des menschlichen Geistes und des religiösen Eifers. Zu seinen Füssen befindet sich die Erdkugel als Darstellung der betrügerischen Leidenschaften. Außerdem liegt da ein geöffnetes Buch – die Bibel, welche christlichen Freimaurern auch als Symbol des „Grossen Lichtes“ gilt. Am Sockel der Skulptur zeigt ein fein ausgeführtes Relief jene Szene aus den Evangelien, in der Christus einem Blinden das Augenlicht wieder gibt. Diese Allegorie beweist deutlich den Willen Raimondos, seinen Vater zu erlösen.

Das wirkliche Geheimnis von Sansevero, das einen Einblick in die Fähigkeiten Raimondos als Alchemist vermittelt, erschließt sich jedoch nur demjenigen, der es wagt, in die Krypta der Kapelle hinab zu steigen. In dem ovalen Raum stehen heute zwei große Ausstellungsschränke. In jedem befindet sich das Skelett eines Erwachsenen – eines Mannes und einer Frau. Doch dies allein ist nicht das eigentlich Erschreckende. Wie von Wurzeln einer menschlichen Alraune werden die bleichen Knochen durch die versteinerten Arterien, Venen und Kapillaren des Blutkreislaufes umschlungen. Das Gewebe, und bei dem männlichen Skelett auch ein Teil der Fußknochen, ist offensichtlich entfernt worden, während bei beiden Skeletten der komplette Blutkreislauf nach mehr als zweihundert Jahren noch immer perfekt erhalten ist. Die Präperierung dieser geheimnisvollen Ausstellungsobjeke erfolgte unter der persönlichen Anleitung von Raimondo de Sangro durch den Arzt Giuseppe Salerno aus Palermo. Es ist bis heute jedoch nicht bekannt, mit welchen chemischen Mitteln und welchen Prozeduren dieses erstaunliche Ergebnis erreicht werden konnte. Eine Chronik des 18. Jahrhunderts benennt die beiden Skelette zwar als „anatomische Maschinen“, doch ist dies keineswegs korrekt, da es sich nicht um Modelle, sondern eindeutig um menschliche Skelette mit auf rätselhafte Weise versteinerten Blutkreisläufen handelt. So berichtet auch die Volkstradition, dass die beiden Skelette die Körper von zwei Personen aus der Dienerschaft des Prinzen gewesen seien, denen Raimondo de Sangro eine mysteriöse Flüssigkeit injizierte, die schließlich zur Verhärtung der Venen und Arterien führte. Sollte die Legende zutreffen, so muss den Opfern dieses Experimentes die Injektion bei lebendigem Leib verabfolgt worden sein, denn nur ein funktionierender Blutkreislauf konnte dafür sorgen, dass sich jenes Mittel, das zur Versteinerung der Blutgefässe führte, überall im Körper verteilte. Für die These, dass dieses Experiment von Raimondo de Sangro und dem Arzt Giuseppe Salerno tatsächlich unternommen wurde, sprich auch die Tatsache, dass bei der Rekonstruktion der Kapelle in den achtziger Jahren in der Krypta Teile einer Laborausrüstung aufgefunden worden sind. Diese Gerätschaften gehörten zweifellos in zum Besitz des Prinzen von Sansevero. Abgesehen von der Legende ist bis heute nicht mit Sicherheit festgestellt worden, welche Methode bei der Präparation der Skelette zur Anwendung kam. Erstaunlich ist vor allem, das der Blutkreislauf mit einer derartigen Präzision wiedergegeben ist, ohne dass zur damaligen Zeit die Anatomiekenntnisse so weit fortgeschritten waren.  Hier lohnt es sich in der Tat, noch einmal über die vielseitige Persönlichkeit des Raimondo de Sangro nachzudenken – über seinen Genius als Erfinder, den Umfang seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse, und vor allem natürlich über seine Fähigkeiten als Alchemist. Selbst wenn der Prinz von Sansevero Auftraggeber eines solchen makaberen Experiments gewesen sein sollte, vermag dieser Umstand letztlich nicht seine Verdienste als Forscher und Wissenschaftler zu trüben. Ohnehin sind Raimondo de Sangros Leben und Werk bis heute sicher nicht ohne Grund von Legenden umgeben. Es fällt schwer, die genauen Umrisse seiner vielseitigen Tätigkeit zu begrenzen.

So steht das Leben des Prinzen von Sansevero im vollkommenen Gegensatz zu dem anderer Alchemisten, die nach dem Stein der Weisen, dem Ewigen Leben oder der Kunst des Goldmachens trachteten. Raimondo de Sangro war ein bedeutender Vertreter des aufgeklärten neapolitanischen Adels. Er hatte vor der Zeit wahrgenommen, wie sehr und in welcher Weise die Geschichte sich entwickeln würde. So nahm er entscheidend Anteil an jener Erneuerung, die in seiner Zeit stattfand, deren endgültige Realisierung jedoch erst die nächste Generation erleben sollte. Mit der Kapelle von Sansevero setzte Raimondo de Sangro dem menschlichen Geist und seiner Schöpferkraft ein dauerhaftes Denkmal.

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Verwendete Literatur

Caracciola, Cesare d’Engenio, Napoli Sacra, Napoli, 1624

Macci, Fazio, Museum der Kapelle Sansevero, Alos, Napoli, 2001

Origlia, Gian Giuseppe, Istoria dello Studio di Napoli, Napoli, 1754

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Über Thomas Ritter 58 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.