An der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen wird die Schulleitung ausgetauscht. Nach Reizgasattacken, Fehlalarmen, Polizeieinsätzen und massiven Konflikten im Kollegium übernimmt das Land stärker die Verantwortung. Lehrkräfte berichten weiter von täglicher Gewalt.
Eine Woche nach Beginn des neuen Schuljahres zieht Rheinland-Pfalz an der Karolina-Burger-Realschule plus Konsequenzen. Bildungsministerium und Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion kündigten am Montag den Austausch der Schulleitung an. Tagesschau.de/SWR berichtet von einem chaotischen Schulstart und von Lehrkräften, die aus Protest nicht zum Dienst erschienen beziehungsweise krankgeschrieben waren.
Die Probleme sind nicht neu. Amokalarme, Reizgasattacken und falsche Feueralarme hatten die Schule bereits im vergangenen Schuljahr immer wieder beschäftigt. Zeitweise war die Polizei täglich auf dem Gelände oder im Gebäude. Nach einer intensiven Begleitung im Frühjahr 2026 beruhigte sich die Lage nach Angaben des Landes zwar, eine dauerhafte personelle Stabilisierung gelang jedoch nicht.
Deshalb soll die Schule nun neu aufgestellt werden. Das Ministerium spricht von engmaschiger Begleitung, verbindlichen Supervisions- und Unterstützungsangeboten sowie organisatorischen Maßnahmen. Die personellen Gespräche waren zum Zeitpunkt der Bekanntgabe noch nicht abgeschlossen.
Lehrkräfte berichten weiter von Gewalt im Alltag
Der SWR sprach zum Schuljahresbeginn mit mehreren Lehrkräften, die anonym bleiben wollten. Ihre Beschreibungen zeichnen ein Bild von häufigen Beleidigungen, Schlägereien, Vandalismus und Regelverstößen. Erst am vergangenen Freitag habe es erneut einen falschen Feueralarm gegeben; die Feuerwehr rückte an.
Nach Aussage einer Lehrkraft finden im Durchschnitt bis zu sieben Klassenkonferenzen pro Woche statt. Dort beraten Fachlehrer, Eltern, Schulelternbeirat und Sozialarbeit über zeitweilige Schulausschlüsse. Die Lehrer schildern zugleich, dass solche Maßnahmen bei einzelnen gewalttätigen Schülern kaum Wirkung zeigten.
Die Unzufriedenheit richtet sich nicht nur auf das Verhalten von Schülern, sondern auch auf die bisherige Führung und die Schulaufsicht. Einige Lehrkräfte erklärten im SWR-Interview, sie wollten der Schule fernbleiben, solange aus ihrer Sicht weder bei der Leitung noch bei der Unterstützung durch die Behörden grundlegende Veränderungen erfolgten.
Über die Zahl der Fehlenden gibt es unterschiedliche Angaben. Der SWR berichtete, am Montag der zweiten Schulwoche seien 17 von insgesamt 54 Lehrkräften krankgemeldet gewesen; zum Schulbeginn hätten sich zeitweise bis zu 15 an einem Tag krankgemeldet.
Eine WELT/dpa-Meldung nennt unter Berufung auf die Schulaufsicht zum Schuljahresbeginn 18 Krankmeldungen bei insgesamt 56 Lehrkräften. Die Abweichung zeigt, dass die Zahlen offenbar aus unterschiedlichen Ständen beziehungsweise Bezugsgrößen stammen. Sicher ist: Ein ungewöhnlich großer Teil des Kollegiums fehlte zeitweise.
Von Reizgas bis zur Messerattacke
Die Vorgeschichte erklärt, weshalb das Land nun von einem Neustart spricht. Im Januar war nach WELT-Angaben an drei Tagen hintereinander Reizgas in der Schule versprüht worden. Im Oktober des Vorjahres hatte es einen größeren Polizeieinsatz gegeben. Im Mai 2025 soll eine Schülerin eine Lehrerin mit einem Messer attackiert haben.
Die Schule stand auch wegen interner Konflikte unter Druck. Gegen den bisherigen Leiter waren Dienstaufsichtsbeschwerden erhoben worden. Zwei langjährige Vollzeitkräfte wurden von der Schulaufsicht an andere Schulen versetzt. Lehrkräfte bezeichneten dies gegenüber dem SWR als „Zwangsversetzung“ und vermuteten einen Zusammenhang mit Beschwerden gegen die Schulleitung. Die ADD weist diese Bezeichnung und die entsprechende Darstellung zurück.
Gerade an dieser Stelle muss zwischen den Aussagen der Beteiligten unterschieden werden. Dass Versetzungen stattfanden, ist berichtet. Die Motive, die einzelne Lehrkräfte dahinter vermuten, sind ihre Einschätzung. Die Schulaufsicht widerspricht dem Vorwurf. Die aktuelle Neuaufstellung der Leitung ist dagegen offiziell bestätigt.
Das Land übernimmt stärker die Verantwortung
Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig erklärte, das Land dürfe Konflikte nicht länger nur verwalten. Ziel müsse sein, die Konfliktlagen aufzulösen und den Blick wieder auf Bildung, pädagogische Arbeit und verlässliche Zusammenarbeit zu richten. Der Führungswechsel ist Teil dieses Maßnahmenpakets.
Die Karolina-Burger-Realschule plus liegt in Ludwigshafen, der zweitgrößten Stadt Rheinland-Pfalz. Ihre Schwierigkeiten haben über Monate regionale und bundesweite Aufmerksamkeit ausgelöst, weil hier mehrere Probleme gleichzeitig auftreten: Gewaltvorfälle, wiederkehrende Fehlalarme, Polizeipräsenz, hohe Belastung des Kollegiums und ein offener Konflikt um Führung und Aufsicht.
Der Austausch einer Schulleitung löst diese Probleme nicht automatisch. Das behaupten auch die Behörden nicht. Deshalb ist die angekündigte engmaschige Begleitung entscheidend: Supervision, organisatorische Veränderungen und klare Verantwortlichkeiten sollen verhindern, dass die Schule nach dem personellen Wechsel in dieselben Konflikte zurückfällt.
Für die Schüler beginnt das neue Schuljahr damit unter außergewöhnlichen Bedingungen. Ein Teil des Kollegiums fehlt, die Leitung wird neu geordnet, und die Schulaufsicht greift stärker ein als bisher. Gleichzeitig berichten Lehrkräfte, dass Gewalt und Regelverstöße weiterhin zum Alltag gehören.
WELT hatte bereits im Januar unter Berufung auf Polizeidaten über 121 Vorfälle im Zusammenhang mit der Schule in den Jahren 2022 bis 2024 berichtet; 118 davon führten demnach zu Strafanzeigen. Diese ältere Bilanz erklärt, weshalb die Ereignisse des neuen Schuljahres nicht als plötzliche Einzelkrise wahrgenommen werden.
Schon 2018 hatte ein möglicher bewaffneter Jugendlicher einen Großeinsatz ausgelöst. Ende 2025 geriet die Schule nach einem falschen Amokalarm erneut bundesweit in die Schlagzeilen. Anfang 2026 folgte eine Serie von Reizgas-Vorfällen. SWR berichtete damals über drei Vorfälle innerhalb weniger Tage und über mehrere tatverdächtige Schüler.
Als Reaktion darauf erhöhte die Polizei über Wochen ihre Präsenz. Der aktuelle Führungswechsel folgt also auf eine Kette von Sicherheits- und Organisationsmaßnahmen, die jeweils einzelne Situationen beruhigten, aber nach Einschätzung des Landes keine dauerhaft tragfähige Struktur herstellten. Genau darauf bezieht sich die Formulierung des Ministeriums, die intensive Begleitung habe nicht zu der notwendigen personellen Stabilisierung geführt.
Auch bei den Krankmeldungen ist diese Vorgeschichte wichtig. Die hohen Fehlzahlen sind nicht nur ein statistisches Problem für den Stundenplan, sondern Teil eines offenen Vertrauenskonflikts zwischen Teilen des Kollegiums, bisheriger Leitung und Aufsicht. Dass die Behörden nun sowohl die Führung verändern als auch Supervision und organisatorische Hilfen verbindlicher machen wollen, zielt ausdrücklich auf beide Ebenen: Sicherheit im Schulalltag und Zusammenarbeit im Kollegium.
Ob der Neustart gelingt, lässt sich am 18. August noch nicht beurteilen. Fest steht nur, dass das Land nach Monaten intensiver Begleitung die bisherige Struktur nicht mehr für ausreichend hält. Der Wechsel an der Spitze ist deshalb keine symbolische Personalie, sondern die sichtbarste Konsequenz aus einer Krise, die längst weit über einzelne Vorfälle hinausgeht.
