Das Schuljahr beginnt mit einer Rechnung aus der Vergangenheit

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Rekord-Schülerzahlen und hunderte unbesetzte Lehrerstellen zeigen, wie lange Deutschland den absehbaren Bildungsengpass unterschätzt hat.

Eine Lücke, die niemand überraschen kann

Am Montagmorgen beginnt der Unterricht, und schon die nackten Zahlen wirken wie ein Kommentar zur Bildungspolitik der vergangenen Jahre. In Berlin und Brandenburg sind zum Start des Schuljahres rund 800 Lehrerstellen unbesetzt. Gleichzeitig sitzen dort so viele Kinder und Jugendliche in den Schulen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Tagesschau berichtet von fast 405.000 schulpflichtigen Kindern in Berlin und mehr als 324.000 in Brandenburg. Die WELT nennt zusätzlich den Berliner Schulplatzmangel: Trotz Neubauten fehlen weiterhin zehntausende Plätze.

Das Erstaunliche an dieser Lage ist nicht, dass sie schwierig ist. Erstaunlich ist, wie wenig überraschend sie kommt. Schülerzahlen entstehen nicht über Nacht. Kinder, die heute in die siebte Klasse gehen, waren vor zwölf Jahren geboren. Lehramtsstudiengänge dauern Jahre. Pensionierungswellen lassen sich ziemlich genau berechnen. Trotzdem diskutiert Bildungspolitik oft so, als sei der Lehrermangel ein plötzliches Naturereignis. Brandenburgs Bildungsminister spricht vom schwierigsten Schuljahr überhaupt. Das mag stimmen. Nur ist es eben auch das Ergebnis vieler Haushaltsentscheidungen, Studienplatzkapazitäten, Teilzeitregeln und verschleppter Bauvorhaben.

Die unmittelbaren Antworten klingen inzwischen nach Notbetrieb. Förderstunden können reduziert, Arbeitsgemeinschaften ausgesetzt, Stundentafeln in Teilen gelockert werden. Brandenburg will Teilzeitkräfte um zusätzliche Stunden bitten und die Pflichtstundenzahl ausweiten. RBB/Tagesschau beschreibt diese Maßnahmen ziemlich nüchtern. Sie helfen vielleicht, das Schuljahr organisatorisch über die Runden zu bringen. Eine Bildungsoffensive sind sie nicht.

Der Seiteneinstieg ist keine Personalstrategie

Natürlich muss ein Staat pragmatisch reagieren, wenn ausgebildete Lehrkräfte fehlen. Studierende, Seiteneinsteiger und andere Professionen können Schulen entlasten und neue Erfahrungen einbringen. Problematisch wird es erst, wenn das Provisorium zur Personalplanung wird. Dann gewinnt die Statistik kurzfristig, während die Qualität langfristig verliert.

Unterricht besteht nicht allein aus Fachwissen. Eine gute Lehrkraft muss Stoff strukturieren, Leistungen diagnostizieren, Konflikte moderieren, Eltern beraten und eine Klasse führen können, in der sehr unterschiedliche Voraussetzungen zusammenkommen. Wer Seiteneinsteiger einstellt, muss deshalb in Qualifizierung investieren. Wer Referendare schneller in Schulen bringt, darf deren Ausbildung nicht verkürzen, bis sie nur noch eine formale Durchgangsstation ist. Und wer ältere Lehrer um zusätzliche Stunden bittet, sollte nicht gleichzeitig so tun, als lasse sich Erschöpfung per Rundschreiben abschaffen.

Besonders aufschlussreich ist, dass der Mangel regional sehr verschieden ausfällt. In attraktiven Großstadtlagen findet sich eher Personal als in ländlichen Regionen, an Gymnasien leichter als in manchen beruflichen Schulen oder Förderschulen. Diese Unterschiede verlangen keine neue bundesweite Sonntagsrede, sondern sehr konkrete Anreize: bezahlbares Wohnen, schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, verlässliche Entlastung bei Verwaltungsaufgaben und bessere Bedingungen für Schulen in schwieriger Lage. Dass Berlin einen flexiblen Masterstudiengang plant, der Studium und Anstellung verbindet, ist immerhin ein Versuch, die starre Ausbildung an die Realität anzupassen. Tagesschau dokumentiert, dass der Mangel kein Berliner Sonderfall ist.

Nicht jede fehlende Stelle ist mit Mehrarbeit zu ersetzen

Hinter den großen Zahlen steckt außerdem eine Verteilungsfrage, die im politischen Streit leicht untergeht. Eine Schule kann rechnerisch ausreichend Personal haben und trotzdem in Mathematik, Physik oder Sonderpädagogik Lücken aufweisen. Umgekehrt helfen zusätzliche Lehrerstellen wenig, wenn sie in Regionen ausgeschrieben werden, in denen sich kaum Bewerber finden. Der laufende Überblick der Tagesschau zeigt, wie unterschiedlich die Lage in den Ländern ist. In Berlin verschärfen zugleich Rekord-Schülerzahlen und fehlende Räume die Situation, worüber auch die WELT berichtet.

Eine seriöse Personalpolitik müsste daher mehr tun, als eine bundesweite Zahl von offenen Stellen zu verkünden. Sie müsste nach Fächern, Regionen und Schularten planen und Ausbildungskapazitäten genau dort erhöhen, wo die Engpässe in fünf oder acht Jahren zu erwarten sind. Dazu gehört auch, dass Lehrer nicht einen wachsenden Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation, Beschaffung und Verwaltung verbringen. Jede Stunde, die eine ausgebildete Lehrkraft mit Tätigkeiten verbringt, für die keine pädagogische Qualifikation nötig ist, verschärft den Mangel unnötig.

Und es gibt eine unbequeme Grenze der Improvisation. Mehr Pflichtstunden können kurzfristig Unterricht sichern. Werden sie jedoch zum Dauerinstrument, drohen Krankenstände, Teilzeit und vorzeitiger Ausstieg zuzunehmen. Dann produziert die Notmaßnahme den nächsten Engpass. Bildungspolitik ist deshalb ein Feld, auf dem sich kurzfristige politische Erfolge besonders schlecht herstellen lassen. Wer heute Studienplätze schafft, sieht das Ergebnis erst Jahre später. Wer heute nicht handelt, sieht es allerdings ebenfalls – dann auf dem Vertretungsplan.

Bildungspolitik beginnt Jahre vor dem ersten Schultag

Deutschland diskutiert Bildung gern unter großen Überschriften: Digitalisierung, Inklusion, Ganztag, künstliche Intelligenz. All das ist wichtig. Aber jedes dieser Projekte setzt etwas sehr Altmodisches voraus: Menschen, die morgens vor einer Klasse stehen und Zeit für die Kinder haben. Wenn diese Basis fehlt, werden Tablets, Förderprogramme und Modellversuche zu Zubehör eines Systems, das seine Kernaufgabe nur noch mit Mühe erfüllt.

Der politische Fehler liegt dabei nicht nur im Sparen. Auch schlecht organisierte Expansion kostet Qualität. Werden neue Ansprüche beschlossen, ohne Personal und Räume mitzudenken, verschiebt der Gesetzgeber die Probleme nach unten. Dort sitzen Schulleiter, Kommunen und Lehrer, die schließlich erklären müssen, warum ein Anspruch auf dem Papier existiert, aber im Stundenplan nicht auftaucht.

Die nächsten Jahre werden nicht leichter. Viele Lehrkräfte gehen in Pension, der Ganztagsanspruch wird ausgeweitet, und die Anforderungen an individuelle Förderung wachsen. Deutschland kann darauf mit immer neuen Ausnahmegenehmigungen reagieren. Oder es behandelt die Ausbildung von Lehrern endlich wie Infrastruktur: langfristig geplant, regional differenziert und gegen kurzfristige Haushaltslaunen abgesichert.

Ein neues Schuljahr ist normalerweise ein Ritual der Zuversicht. Kinder bekommen neue Hefte, Klassen werden neu zusammengesetzt, Eltern hoffen auf gute Lehrer. 2026 trägt dieser Beginn in Berlin und Brandenburg noch eine zweite Botschaft. Man kann demografische Entwicklungen jahrelang verdrängen. Am ersten Schultag sitzen sie trotzdem im Klassenzimmer.