Elena Passarello – Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte: „Sagt hier irgendwem der Name Arabella etwas?“

Trojanisches Pferd, Foto: Stefan Groß

Dies rief, noch immer voller Emotionen, im Jahr 2013 der damals zweiundachtzigjährige, ehemalige Wissenschaftspilot Owen Garriott in eine NASA-Gesprächsrunde, die anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums von Skylab (die erste und bisher einzige rein US-amerikanische Weltraumstation) stattfand. Auch wenn er sie um mehr als vier Jahrzehnte überlebte, hat Garriott einen kleinen Achtbeiner nie vergessen. Am 28. Juli 1973 startete er gemeinsam mit Kommandant Alan Bean und Jack Lousma in einem Apollo-Raumschiff zur Raumstation, wo sie 59 Tage verblieben (Skylab-3-Mission) und damit einen neuen Dauerrekord für einen Weltraumflug aufstellten. Mit ihnen an Bord eine Kreuzspinne mit dem Namen Arabella, die damals zum eigentlichen Star avancieren sollte.

„Eine Spinne ist dafür gemacht, ihr Netz wie eine Gitarre anzuschlagen. Sie ist dafür gemacht, eine Speiche mit einer ihrer gestreiften Tarsalkrallen zu zupfen und zu spüren, wie die Erdanziehung die Schwingung ihres Netzes verändert.“ Nur was, wenn die Gravitation unseres Planeten nicht mehr wirkt, wenn sie sich in der Schwerelosigkeit des Weltraumes befindet?

Arabella ist nicht das einzige ungewöhnliche Tier, dem sich die ehemalige Schauspielerin und heutige Schriftstellerin und Dozentin an der Oregon State University in ihren klugen und weitspannenden Essays widmet. Da tummelt sich Wollmammut Yuka neben der geklonten Bucardo-Gämse Celia, dort trällert Mozarts „Stahrl“ dem kopflosen Hühnchen Mike ein Liedchen oder aber Nilkrokodil Osama jagt dem Kutschenpferd Oreo einen Schrecken ein. Jedes der 16 kurzen Essays in diesem Buch fängt ein berühmtes Tier ein oder zumindest eines, dass es auf irgendeine Manier in die Schlagzeilen geschafft hatte. Das sind zum Beispiel der berühmte kluge Hans, ein Pferd, das (angeblich) rechnen konnte, Darwins Galapagos-Schildkröte Harriet oder Dürers Rhinocerus Ganda, ein Panzernashorn, das er selbst nie gesehen hatte, als es im Jahr 1515 in Lissabon gezeigt wurde, er aber aus einer im zugekommen Skizze eines Anderen seinen berühmten Holzschnitt machte.

Obwohl diese Tiergeschichten unter dem Etikett Essay stehen, erweitert Passarello ihre Form auf spannende Art und Weise und gibt ihnen ein intellektuelles und philosophisches Niveau per excellence. Angeregt durch einen Essay des Kunstkritikers John Berger „Warum sehen wir Tiere an?“ aus dem Jahr 1981, spannt Passarello ihre Texte viel weiter als nur „Tierbetrachtung“ zu sein, sondern sie fächert die ganze Breite menschlichen Zeitgeistes auf. Die Methode und Mentalität, in der sich die Autorin nahtlos zwischen Musikwissenschaft, Biografie, Anatomie, Evolutionstheorie, Kunst, Naturkunde, Physik aber auch zeitgenössischen und gesellschaftlich-politischen Themen bewegt, kann man nahezu virtuos nennen. Aber Passarello „protzt“ nicht mit ihrem Wissen, ihrer Belesenheit und Akribie, die unzweifelhaft zu diesen exzellenten Essays beigetragen haben. Nahezu mühelos und leichtfüßig hält sie gebührenden Abstand zu ihren „Geschichten voller Magie“. Elena Passarello zieht die Fäden dezent im Hintergrund. Sie dehnt ihre Texte, wendet und dreht sie von rechts auf links, um sie letztendlich auf ihre ganz eigene Art mit Klugheit und schriftstellerischem Wortwitz zu verweben.

Man muss dem Buch Zeit geben, sich fallenlassen, in die stilistisch unterschiedlichen Texte eintauchen und sie einsaugen, um die unterschiedlichen Töne, Stile und Sprachrhythmen zu verinnerlichen. Erst dann entfalten sie sich vollständig und bezaubern, schockieren oder emotionalisieren. Dies tun sie allerdings keinesfalls effekthascherisch oder populistisch, sondern feinfühlig-sensitiv. Mitunter muss man auch einmal googeln, um komplexe Zusammenhänge und agierende bzw. beteiligte Personen zu erfragen, wie zum Beispiel den tragischen Reitunfall von Christopher Reeve, der sich hinter dem Text seines Pferdes Eastern Express verbirgt.

Ein großes Lob geht auch an die Übersetzerin Beatrice Faßbender. Einfach hatte sie es sicherlich nicht. Aber sie meistert den tierischen Parcours souverän und stellt ihr „Ergebnis“ dem deutschsprachigen Leser ohne Stilbruch zur Verfügung. So erhält man mit »Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte« eine virtuos skizzierte Essaysammlung, die von den Bildern, die unsere Welt ausmachen, erzählt. Denn es sind vor allem jene von Tieren, die uns besonders tief eingeschrieben sind. „Sie ziehen uns an, wir spüren sie, bevor wir sie benennen oder auch nur in voller Größe sehen können. Als hielten sich schemenhafte Skizzen ihrer selbst immer schon in den Nischen unseres Körpers bereit. Als hätte das menschliche Gehirn jedes einzelne jemals von ihm erblickte Tier verschluckt.“

So schließt sich letztendlich der Bogen zur eingangs erwähnten Arabella oder um es mit den physikalisch animierten Gedanken Elena Passarellos zu sagen: „Denn eine Spinne ist ein Teilchen und ein Mensch ist ein Teilchen, und die Spinne zieht den Menschen mit einer Kraft an, die direkt proportional zum Quadrat ihrer Entfernung ist. Denn ein Mensch ist einer Spinne dann am nächsten, wenn die ihm bekannte Welt mit kosmischen Exponenten multipliziert wird.“

 

Elena Passarello

Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte

Originaltitel: Animals Strike Curious Poses
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender

Hanser Verlag, Berlin (12. März 2018)
253 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446258582
ISBN-13: 978-3446258587
Preis: 24,00 EURO

 

 

 

 

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.