Frank Pieter Hesse: „Gärten sollen kein Geschwätz sein“

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Frank Pieter Hesse: „Gärten sollen kein Geschwätz sein“. Gustav Lüttge, Gartenkunst der Nachkriegsmoderne, Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Band 40, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2021, ISBN: 978-3-86216-132-2, 49,90 EURO (D)

Frank Pieter Hesse, ehemaliger Leiter des Hamburger Denkmalschutzamtes, beschäftigt sich erstmal in dieser ausführlichen Monografie mit dem Gartenarchitekten Gustav Lüttge (1909-1968). Lüttge gestaltete zum Beispiel Privatgärten für bekannte vermögende Hamburger Bauherren, den Alsterpark, Grünanlagen für das Berliner Hansaviertel, Denkmäler und Mahnmäler sowie den Kurpark in Mölln. Die Monografie versteht sich in erster Linie als „kommentierter Dokumentation, die nicht beansprucht, eine abschließende Einordnung Gustav Lüttges in die Geschichte der modernen Gartenkunst des 20. Jahrhunderts zu leisten.“ (S. 13)

In einem einleitenden Kapitel wird zunächst sein privater und beruflicher Werdegang geschildert. Dann folgen Kapitel, die grundlegende Aspekte seiner Entwurfsauffassung anhand mehrerer charakteristischer Entwurfsgruppen behandeln. Dort werden großbürgerliche Hausgärten, öffentliche Anlagen wie Parks und Gedenkstätten und Freiflächengestaltung moderner Großwohnanlagen analysiert und gezeigt. Ergänzt wird dies durch einen Beitrag von Eva Henze über die Pflanzenverwendung bei Lüttge.

Danach folgt ein erstmals zusammengestelltes Werkverzeichnis in chronologischer und alphabetischer Reihenfolge innerhalb eines Jahres. Dort sind die über 400 durch Nachlässe sowie durch Literaturrecherchen nachgewiesenen Projekte dokumentiert. Dies sind im Einzelnen über 270 Hausgärten bzw. Teilflächen von privaten Gärten oder Parks, 33 Gärten und Außenanlagen an öffentlichen Einrichtungen, 31 Projekte für Siedlungen oder Wohnanlagen, 22 Außenanlagen an Verwaltungen, Gewerbe und Industrie, 17 Friedhöfe, Einzelgrab- und Gedenkanlagen, 17 Außenanlagen an Kirchen, 12 Parkanlagen, 3 Gartenschauprojekte sowie mehrere nicht einzuordnende Sonderprojekte und detaillierte Entwürfe für Gartenbänke, Rankzäune, Lampen oder Pflanzgefäße.

Dies geschieht nach folgender Systematik: Name des Werkes, Entwurfs- bzw. Baujahr, Ort, Ortsteil. Straße, Bestände des Hamburger Architekturarchivs, Literatur, kursiv: Erläuterungen bzw. Originaltexte aus Korrespondenzen, Schriften oder Publikationen Lüttges oder anderer Autoren, Abbildungen zur Art der Gestaltung Lüttges.

Anschließend werden programmatische Werke Lüttges abgedruckt. Dies sind teils unveröffentlichte Schriften, die erstmals Einblick geben in den weltanschaulichen und gartentheoretischen Hintergrund seines Schaffens. Viele dieser Schriften sind als Manuskripte zu Vorträgen entstanden, zu denen Lüttge an Hochschulen oder in Fachkreise eingeladen wurde. Nach einer längeren Vorbemerkung werden wiederkehrende Schwerpunkte von Hesse vorgestellt. Dies sind Garten als Therapie, das Wesen Pflanze, Genius Loci, Reduktion der Mittel, Grün im Städtebau, Gegensatz und Kontrast. Danach werden die Texte mit vom Autor hinzugefügten Bildern abgedruckt.

Daran schließend sich Stellungnahmen und Erinnerungen von Kollegen, Zeitgenossen und eine Betrachtung seines Schaffens seines Sohnes Thomas an.

Im Anhang findet man noch eine kurze Biografie, Lüttges Veröffentlichungen, ein Literaturverzeichnis, ein Register mit Personen, Firmen und Bauherrn und den Abbildungsnachweis.

Lüttge sah sich selbst mehr als Gestalter von Raumkunstwerken als von Naturräumen. Er verstand sich in der Nachfolge der Verfechter des architektonischen Gartens vom Beginn des 20. Jh. und von daher als Gartenarchitekt. Angeregt von seinen Lehrmeistern Karl Foerster und Heinrich Wiepking wollte er aus Vegetativen und Gebauten räumliche Einheiten schaffen, er bildete seine Gartenräume immer aus „weichen“ vegetativen und „harten“ baulichen Elementen zugleich. Sein bedeutendstes Werk im öffentlichen Raum war wohl der Auftrag, den zentralen Teil des neuen Alsterparks für die Ausstellung „Plastik im Freien“ zu gestalten. Hier nutzte er minimale bauliche Interventionen, um dem fließenden Raum Halt zu geben, um überhaupt erst Räume zu schaffen für die vegetativen Elemente wie Sträucher, Bäume oder Stauden.

Zahlreiche zeitgenössischen, aber auch einige aktuelle Fotografien seiner Aufträge, Entwürfe und Grundrisse, Auszüge aus seinem Tagebuch und seinem Skizzenbuch, Lagepläne und viele seiner Mahnmale sind quer durch die Texte zu sehen.

Dieses Buch ist eine sehr ausführliche, mit sehr viel Recherchearbeit verbundene erste Aufarbeitung zum Gartenarchitekten Gustav Lüttge, seinen vielen Projekten, seinen Schriften und eine erste Bewertung seines Schaffens. Dazu wurde der Nachlass Lüttges erstmals systematisch ausgewertet. Der Band zeigt eindrucksvoll, wie die Vereinigung von Gartenkunst und Architektur im 20. Jahrhundert vollzogen wurde, dagegen hätte die Biografie im Anhang zum zwischenzeitlichen Nachschlagen etwas ausführlicher sein können.

Der Band kann als Anknüpfungspunkt für weitergehende notwendige Forschungen dienen; der Autor hat betont, dass er nicht beansprucht, eine abschließende Einordnung Lüttges geben zu wollen.

Über Michael Lausberg 418 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.