Drängeln, schneiden, Handy am Steuer – Deutschlands Straßen werden aggressiver

Graue Autos

Eine Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer zeigt: Fast alle gemessenen Werte für aggressives Verhalten haben sich seit 2023 verschlechtert. 47 Prozent der Autofahrer geben an, gelegentlich zu drängeln. Auch bei Radfahrern steigt die Bereitschaft, Regeln zugunsten des eigenen Vorankommens zu missachten.

Die meisten Verkehrsteilnehmer halten sich selbst für vernünftig. Das Problem sind immer die anderen – der Drängler auf der Autobahn, der Radfahrer, der sich vorbeischlängelt, der Fahrer mit dem Handy in der Hand. Eine neue Langzeitstudie zeigt allerdings, dass die Selbsteinschätzung mit der Realität nur begrenzt zusammenpasst.

Die WELT berichtet über die Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Nahezu alle 23 erfassten Indikatoren für aggressives Verhalten haben sich seit der vorherigen Studie 2023 verschlechtert. Der Trend zu einem raueren Ton besteht nach Einschätzung der Forscher bereits seit etwa zehn Jahren.

47 Prozent der Autofahrer geben inzwischen an, mitunter zu drängeln, wenn ihnen der Verkehr zu langsam erscheint. 2023 waren es 36 Prozent. 32 Prozent scheren nach dem Überholen zumindest gelegentlich so knapp ein, dass ein anderes Fahrzeug bremsen muss.

Die anderen fahren immer schlechter

Auffällig ist die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung. 92 Prozent der Befragten sagen, sie selbst überholten Radfahrer besonders vorsichtig. Gleichzeitig beobachten 86 Prozent bei anderen Autofahrern zu enge Überholmanöver. Beides kann im Einzelfall stimmen; in der Masse zeigt die Differenz aber, wie großzügig Menschen ihr eigenes Verhalten beurteilen.

Auch Smartphones gehören zunehmend zum Risiko. Jeder vierte Fahrer gibt an, während der Fahrt gelegentlich Nachrichten zu schreiben. Jeder fünfte nutzt soziale Medien. Gerade diese Zahlen sind deshalb bemerkenswert, weil die Ablenkungsgefahr seit Jahren bekannt ist und die Nutzung rechtlich eingeschränkt ist.

Studienleiterin Kirstin Zeidler beschreibt eine kürzer werdende „Zündschnur“. Permanente Erreichbarkeit, Zeitdruck und ein dichterer Verkehr könnten dazu beitragen, dass Menschen schneller gereizt reagieren. Die Studie weist Zusammenhänge aus, sie erklärt aber nicht jeden konkreten Konflikt auf der Straße.

Auch Radfahrer werden offensiver

Aggressives Verhalten ist kein reines Autofahrerproblem. 43 Prozent der befragten Radfahrer räumen ein, gelegentlich ihre Vorfahrt zu erzwingen. 2023 waren es 28 Prozent. Fast jeder Zweite überholt Autos auch links oder schlängelt sich durch den Verkehr.

Die Unfallforschung fordert mehr Kontrollen und wirksamere Sanktionen. Viele Befragte erleben Polizeikontrollen nach eigener Aussage selten, Strafen werden als wenig abschreckend wahrgenommen. Zusätzlich sollen Verkehrsplanung und Verkehrspsychologie stärker berücksichtigen, wie Konflikte in dichtem Verkehr entstehen.

Für die Online-Befragung wurden zwischen März und April 2026 mehr als 2.000 Menschen ab 18 Jahren befragt. Wie bei jeder Selbstauskunft ist zu beachten, dass nicht jede tatsächliche Regelverletzung eingeräumt wird. Wenn sich dennoch deutlich mehr Menschen offen zu Drängeln, engem Einscheren oder Handynutzung bekennen, ist das ein starkes Signal.

Die Studie beschreibt deshalb weniger eine neue Sorte Verkehrsteilnehmer als eine schleichende Veränderung des Klimas. Wer Zeit gewinnen will, nimmt häufiger in Kauf, andere unter Druck zu setzen. Auf einer Straße, auf der Fahrzeuge, Fahrräder und Fußgänger eng zusammenkommen, wird aus Ungeduld schnell ein Sicherheitsrisiko. Der rauere Ton ist deshalb nicht nur eine Frage der Höflichkeit – er kann über Unfälle entscheiden.