In nuce: Wer die Vergangenheit fälscht, bringt eine Gesellschaft nicht nur um ihre Geschichte, sondern auch um ihre Zukunft. Die These nun lautet, dass autoritäre Bewegungen nicht erst die Gesetze und Institutionen angreifen, sondern dass sie direkt in die Vergangenheit eingreifen. Soweit bekannt, verdrängen sie Verbrechen, errichten Monumente nationalistischer Größen wie Carl Schmitt und wollen bestimmen, welche Personen und Gruppen in der offiziellen Geschichte in der ersten Reihe stehen.
Stanley lenkt den Blick dabei besonders auf die Schule und macht hier eine Frontlinie quer durch die Lehrpläne und Schulbücher aus. Es ist wohl richtig, dass hier entschieden wird, welche Konflikte eine Gesellschaft der heutigen und womöglich auch noch kommenden Generation zumutet.
Klar muss eine demokratische Geschichtsschreibung Widersprüche aushalten, wenn sie sauber recherchiert, vorgelegt oder von Zeitzeugen korrigiert werden. Viele Begriffe wie „Selbsterziehung“ wurden in autoritären Staaten (etwa für den DDR-Jugendstrafvollzug) missbraucht. Sie sind dadurch ambivalent geworden und schwächen die Urteilskraft.
Der Kern des Buches – wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren – ist auszuweiten. Die Stärke von Stanleys Diagnose, die konkreten Mechanismen wie die Streichung von unbequemen Inhalten, die Kontrolle über die Lehrpläne, die Diffamierung der kritischen Wissenschaft sowie die Erfindung einer homogenen, nationalen „Good-Life“-Vergangenheit aufzuzeigen, ist zugleich auf unterschiedliche gegenwärtige Bewegungen übertragbar.
Sicher und Verbeugung vor dem Engagement: Stanley schreibt hier weniger als distanzierter Chronist, sondern als eindringlich warnender Philosoph. Philosophie, auch die Abteilung der politischen Philosophie, muss Belege und Deutung auseinanderhalten. Denn überhaupt braucht zunächst eine Demokratie keine makellose Vergangenheit, weil sie auch keine haben kann. Sie kommt schließlich irgendwoher – so wie die blühende bundesdeutsche Demokratie vom nationalsozialistischen Volk irgendwoher kommen musste und ihr von den Westalliierten quasi „übergezogen“ wurde. Das hätte in einer tiefen demokratischen Bindung an das neue Eigene wurzeln müssen. Der weitere Sinn kann jedoch nicht darin bestehen, die Geschichte zu reinigen. Die Bundesrepublik hat auf der offiziellen Ebene die NS-Verbrechen anerkannt und hervorragend aufgearbeitet. Das wäre eine starke Identität und brächte kein heimatloses Gedudel, das um Identität auf der Ebene der Verdrängung kämpft.
Stanley trifft deshalb den empfindlichen Punkt. Doch die heutigen, zerstrittenen politischen Lager schreien, substanzlos geworden, nach einer Zukunft, die sie weder beschreiben noch nennen können. Was denen nicht passt, wird kurzerhand dämonisiert.
Ich antworte nicht als neutraler Betrachter. Stanley gibt sich nicht als neutralen Schiedsrichter. Was er bietet, ist ein scharfer Warnruf. Das finde ich gut. Die Zuspitzungen fordern zu Gegenargumenten heraus.
Zurück zur wirkungsvollen Formulierung der Schule als Frontlinie. Mein ernüchterndes Beispiel müsste ich vielleicht vorsichtig formulieren, weil es in die Zeit spielt, die Helmut Dubiel in seinem Sachbuch „Keiner ist frei von der Geschichte“ würdigt – mit dem Verdienst der Grünen, die Verschuldungen im Dritten Reich als Thema in den Bundestag gebracht zu haben. Der Kommentator gab ihnen am Wahltag seine Stimme. Gleichwohl nutzten sowjetaffine Lehrerinnen und Lehrer in Berliner Schulen ihre Macht dazu, bei Schullesungen mit kritischen Autorinnen und Autoren aus der DDR und Osteuropa deren Thema – das Thema des pausenlos manipulierten Individuums – als übertrieben darzustellen und ins Leere laufen zu lassen.
Stanley bleibt bei der Gefährdung historischer Urteilskraft primär durch rechts. Die DDR und Osteuropa, den hermetischen Ostblock, gibt es freilich nicht mehr. Genau betrachtet gibt es heute aber diese Versuche der Geschichtsrevidierung, wie es einem gerade passt, von beiden extremen Seiten – von rechts und von links. Die Verdrängung nationaler Verbrechen ist Stanleys Hauptthese; wichtig wäre aber auch der Hinweis auf die selektive Ausblendung von Erfahrungen mit kommunistischen Herrschaftssystemen. Die Schule wird zur Frontlinie, sobald politische Aktivisten festlegen können, welche historische Erfahrung sie relativieren und lehren.
Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde in der Bundesrepublik von wissenschaftlichen und engagierten Milieus vorangetrieben. Dies betrifft seit 1990 auch die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft. Beide scheinen derzeit als Randerscheinungen abgedrängt zu werden.
Durchaus gelungen ist der Text als knappe Veranstaltungsschau. Er übernimmt weitgehend Stanleys Blickrichtung, sodass man ihm nahtlos folgen kann. Eine Randbemerkung, dass die historische Vereinnahmung nicht exklusiv von einem politischen Lager ausgeht, hätte den Abriss noch stabiler gemacht.
