Exilautoren am Nordseestrand – Volker Weidermanns Buch „Ostende“

Dieses Buch über ein Treffen deutscher Exilschriftsteller im belgischen Seebad Ostende im Sommer 1936, drei Jahre vor Kriegsbeginn, liest man mit gemischten Gefühlen. Der Autor Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren und als Literaturredakteur ihn Berlin lebend, musste beim Schreiben dieser 150 Seiten zwei Gefahren ausweichen: Er durfte einmal nicht den allwissenden Erzähler spielen, der die inneren Beweggründe seiner Figuren kennt, sonst hätte er, was er nicht wollte, einen Roman schreiben müssen; folglich ist in diesem Buch auch keinerlei Gattungsbezeichnung zu finden. Der Autor behilft sich mit Zitaten aus Briefen und Interviews. Und zweitens durfte er nicht aus der Sicht des rückblickenden Historikers im Jahr 2014 schreiben, der weiß, wie die Geschichte weiterging mit Zweitem Weltkrieg und Judenvernichtung. Die Beschreibung, wie das Leben seiner Figuren nach 1936 verlief, hat er deshalb unter dem Titel „Mystery Train“ in den Anhang verbannt.
Beide Gefahren hat er halbwegs vermieden bei seiner Schilderung des sommerlichen Dichtertreffens an der Nordseeküste, wo die unterschiedlichsten Autoren aufeinandertreffen, miteinander diskutieren und wieder abreisen. Seine beiden Protagonisten sind der damals schon vielgelesene Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942), der aus dem Wiener Judentum stammt und 1927 mit seinen historischen Miniaturen „Sternstunden der Menschheit“ berühmt wurde, und Joseph Roth (1894-1939) , der Verfasser des Romans „Radetzkymarsch“ (1932) , geboren im damals noch österreichischen Galizien. Zwischen diesen beiden Schriftstellern aus dem einstigen Großreich der Habsburger, die gegensätzlicher nicht hätten sein können, herrscht enge Freundschaft. Joseph Roth, der dem Trinken verfallene „Ostjude“, steckt immer in Geldnot und wird von dem reichen, gepflegt und weltmännisch auftretenden Stefan Zweig, der mit seiner Sekretärin und Geliebten Lotte Altmann aus London angereist ist, finanziell und auch sonst unterstützt. Sie lesen einander ihre Manuskripte vor und sind unerbittlich in ihrem Urteil. Die dritte im Bunde ist Irmgard Keun (1905-1982), Verfasserin zweier gesellschaftskritischer Romane 1931/32, die von den Nationalsozialisten 1933 verbrannt wurden. Sie geht für vier Jahre ins Exil, begegnet 1936 Joseph Roth in Ostende, mit dem sie zwei Jahre ein Verhältnis hat, kehrt 1940 mit gefälschtem Pass nach Köln zurück und lebt fünf Jahre im Untergrund.
Ergänzt wird diese Autorenrunde, die misstrauisch und voller Angst die Entwicklung in Deutschland beobachtet, durch an- und abreisende Kollegen wie den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch (1885-1948), der 1940 nach Mexiko emigriert und 1948 in seiner Heimatstadt Prag stirbt; wie Ernst Toller (1893-1939) aus der preußischen Provinz Posen, der nach fünf Jahren Festungshaft in Landsberg am Lech viel gespielter Dramatiker auf deutschen Bühnen wurde, dessen Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ (Amsterdam 1933) aber schon im Exil erschien und der sich 1939 in einem New Yorker Hotel erhängte; wie Arthur Koestler( 1905-1983), der nach dem Spanischen Bürgerkrieg 1936/39 vom Kommunismus abfiel und den Roman „Sonnenfinsternis“ (1940) veröffentlichte; und wie Hermann Kesten (1900-1996), Jude aus Galizien wie Joseph Roth und Verfasser historischer Romane, der die erste Joseph-Roth-Ausgabe (1956) edierte und einen Band mit Briefen emigrierter Autoren „Deutsche Literatur im Exil“ (1964).
Und noch einer sitzt mit am Tisch im Café Flore in Ostende: Der kommunistische Verleger und Pressezar Wilhelm Münzenberg, geboren 1889 in Erfurt, der 1926 die äußerst erfolgreiche „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ gegründet hat und 1939 aus der KPD ausgetreten ist wegen der Moskauer Prozesse. Im Herbst 1940 wurde er in einem Wald in Südfrankreich erhängt aufgefunden.
Es herrscht eine merkwürdige Stimmung unter diesen Schriftstellern drei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Niemand weiß, was kommt, nur wir nachgeborenen Leser wissen es, und so lesen wir dieses Buch mit dem Wissen vom Untergang einer Welt, wie sie Stefan Zweig in seinem Todesjahr 1942 in seiner Autobiografie „Die Welt von gestern“ beschrieben hat.

Volker Weidermann „0stende 1936, Sommer der Freundschaft“, Verlag Kiepenheuer und Witsch, 160 Seiten, sechste Auflage, Köln 2014, Euro 17.99

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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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