Was haben Virginia Woolf, Sylvia Plath, Anne Sexton, Unica Zürn, Tove Ditlevsen, Nelly Arcan und Brigitte Schwaiger gemeinsam? Sie waren hochbegabte und erfolgreiche Schriftstellerinnen und haben sexuelle Traumatisierungen durch ihnen persönlich bekannte Männer erlitten. In ihrem weiteren Lebensweg konnten sie ihr Trauma nicht bewältigen und fanden schließlich keinen anderen Ausweg mehr als einen Selbstmord.
Bis zur Jahrhundertwende waren die Themen Trauma und Suizid weitgehend tabuisiert und vernachlässigt. Die psychiatrische Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ als spezifische Trauma-Folgestörung wurde erst im Jahr 1991 mit der ICD-10 Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO in Deutschland eingeführt. Zwanzig Jahre später, im Jahr 2010, begann die erste Aufklärungswelle zum sexuellen Missbrauch. Insofern blieben die Suizide der oben genannten Schriftstellerinnen weitgehend „unentdeckt und unerforscht“. Und die Opfer hatten das Pech, dass damals effektive Traumatherapien noch nicht zur Verfügung standen. Denn sie wurden erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts entwickelt. Die Suizide der oben genannten Schriftstellerinnen waren allerdings bereits zwischen 1941 und 2010.
Mit der Aufklärungswelle zum sexuellen Missbrauch und der Etablierung von psychologischer und psychiatrischer Traumaforschung und Traumatherapie wurde zwei Grundfragen bezüglich der Schriftstellerinnen-Suizide relevant:
Suizidforscher untersuchen hierzu die Frage nach der Suizidmotivation: Inwiefern hatte der früher erlebte sexuelle Missbrauch einen Einfluss auf den späteren Suizid?
Literaturwissenschaftler interessiert die Frage, inwieweit der sexuelle Missbrauch im dichterischen Werk der Schriftstellerinnen einen Niederschlag gefunden hat. Wurde das sexuelle Trauma im dichterischen kreativen Prozess verarbeitet und wie? Taucht es explizit, symbolisch oder verschlüsselt in Gedichten, Romanen, Erzählungen, autobiografischen Schriften, Briefen oder Tagebüchern auf?
Vielfalt sexueller Traumatisierungen nach Lebensalter und Täter-Opfer-Beziehung
Die Reaktionsweisen, Verarbeitungsmuster und Spätfolgen von sexuellen Traumatisierungen zeigen eine große Vielfalt. Sie hängt stark davon ab, in welchem Alter die Traumatisierung stattfand, ob es eine einmalige oder kumulative Traumatisierung war und ob Gewalt im Spiel war. Bedeutsam ist auch, wie psychisch stabil oder vulnerabel das Opfer vor der sexuellen Traumatisierung war. Auch die Täter-Opfer-Beziehung spielt eine große Rolle (vgl. Csef 2022, 2024). Ob der männliche Täter ein Blutsverwandter, ein Bekannter oder ein Fremder war, ist sehr bedeutsam für die Traumaverarbeitung. Bei den hier besprochenen Schriftstellerinnen waren es immer persönlich bekannte männliche Täter. Virginia Woolf, Unica Zürn und Brigitte Schwaiger wurden von blutsverwandten Tätern sexuell traumatisiert, und zwar bereits im Kindes- und Jugendalter. Virginia Woolf wurde durch ihre beiden Halbbrüder, Unica Zürn durch ihren Bruder und Brigitte Schwaiger von ihrem Vater sexuell missbraucht, und zwar nicht einmalig, sondern sequentiell bzw. kumulativ. Beide Faktoren weisen auf eine besonders schwergradige sexuelle Traumatisierung hin. Bei den anderen genannten Schriftstellerinnen waren die Traumatisierungen in einem höheren Lebensalter und in komplexen Beziehungskonstellationen.
Schriftstellerinnen als Inzest-Opfer: Virginia Woolf, Unica Zürn und Brigitte Schwaiger
Virginia Woolf und Unica Zürn wurden in ihrer Kindheit und Jugend von älteren Halbbrüdern und Brüdern sexuell missbraucht. Bei Virginia Woolf liegt der Suizid etwa 85 Jahre zurück. Über sie gibt es zahlreiche Biografien mit Hinweisen auf den Bruder-Inzest. Brigitte Schwaiger suizidierte sich im Jahr 2010 und veröffentlichte im Jahr 2006 ihre Autobiografie „Fallen lassen“ mit Ausführungen zu ihrem erlittenen Vater-Tochter-Inzest. Beide Schriftstellerinnen wählten dieselbe Suizidhandlung: sie gingen ins Wasser, sie haben sich ertränkt. Unica Zürn suizidierte sich im Jahr 1970 in Paris durch einen Sturz aus dem Fenster ihrer Wohnung im sechsten Stockwerk.
Traumatisiert in destruktiven Paarbeziehungen: Sylvia Plath, Anne Sexton, Tove Ditlevsen und Nelly Arcan
Sylvia Plath (1932 – 1963) und Nelly Arcan (1973 – 2009) suizidierten sich in jungen Jahren mit 30 bzw. 36 Jahren. Sie erlebten sexuelle Gewalt in Paarbeziehungen. Nelly Arcan arbeitete jahrelang als Prostituierte und schrieb über ihre Erlebnisse in diesem Gewerbe in zwei Romanen, die ins Deutsche übersetzt wurden. Ihre Romane „Hure“ (2002) und „Hörig“ (2005) wurden von der Literaturkritik sehr kontrovers diskutiert. Seit ihrer Pubertät sprach sie davon, dass sie sich an ihrem 30. Geburtstag umbringen wird. Sie lebte schließlich doch sechs Jahre länger und vollendete dann ihren lange gehegten Suizidplan. Bei Anne Sexton und Tove Ditlevsen gibt es ebenfalls zahlreiche Hinweise auf sexuelle Gewalt in Paarbeziehungen. Die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917 – 1976) ist unter den vier hier genannten Schriftstellerinnen für die Literaturwelt am bedeutsamsten. Sie hat ein umfangreiches literarisches Werk hinterlassen, das an dänischen Schulen zur Pflichtlektüre gehört. International bekannt wurde ihre „Kopenhagen-Trilogie“ (Ditlevsen 2021). Mehr als 10 ihrer Werke wurden ins Deutsche übersetzt. Jens Andersen veröffentlichte im Jahr 2023 eine umfangreiche und vielbeachtete Biografie. Nach der Jahrhundertwende gab es für ihre Werke ein fulminantes Comeback, das in der Literaturwelt als „Tove-Fieber“ beschrieben wurde. Ihre Werke (11 Gedichtbände, 7 Romane, 4 Prosabände) wurden zu internationalen Bestsellern. Sie wurde wiederholt als Vorläuferin von Karl Ove Knausgard und Annie Ernaux gefeiert und gilt als Vorreiterin der Autofiktion.
Darstellung und Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im dichterischen Werk
Für Literaturwissenschaftler ist die Frage interessant, ob und wie die betroffenen Schriftstellerinnen ihr sexuelles Trauma in ihren Gedichten, Romanen oder ihrer Prosa gestaltet und verarbeitet haben. Autobiografien, Briefe und Tagebücher liefern darüber hinaus Informationen, wie die Betroffene selbst ihr sexuelles Trauma im biografischen Kontext, im Lebenslauf und im Lebenskonzept eingeordnet hat. Welche Bedeutung hatte das Trauma für ihr ganzes Leben bis zum Suizid? Bei den meisten hier genannten Schriftstellerinnen gibt es viele einzelne Werke, die dazu Auskunft geben, besonders die Gedichte von Unica Zürn, die Autobiografie von Brigitte Schwaiger und das umfangreiche Werk von Tove Ditlevsen. Um diese Fülle darzustellen, könnte man ein eigenes Buch schreiben. Das sexuelle Trauma hat also bei den meisten tiefe Spuren hinterlassen, die mit großer Kreativität die Abgründe der sexuellen Beziehungen offenbaren. Im Focus steht die sexuelle Gewalt zwischen Mann und Frau – und das ist bis heute ein hoch aktuelles und herausforderndes Thema.
Welchen Einfluss hatte das sexuelle Trauma auf die spätere Suizidmotivation?
Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass Traumata generell das Suizidrisiko erhöhen (Csef 2022), unabhängig von der Art und dem Schweregrad des Traumas. Die Suizidmotivation ist ein komplexes Bündel von vielen Risikofaktoren, die im Zusammenspiel mit bereits prätraumatisch bestehenden Risiko- oder Schutzfaktoren zu sehen sind. Es besteht ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Trauma und Resilienz (Csef 2024). Die Resilienzfaktoren wirken protektiv und schützen das Individuum bei Krisen und traumatisierenden Erlebnissen. Ob diese Resilienzfaktoren ausreichen, um gesund zu bleiben, hängt von der Gesamtheit der relevanten Wirkfaktoren ab. Das sexuelle Trauma für sich allein begründet also nicht die Suizidmotivation im Ganzen. Es gibt immer noch zahlreiche andere Wirkfaktoren, die bereits vor dem Trauma bestanden oder nach dem Trauma erst entstanden sind. Die relevantesten Risikofaktoren sind männliches Geschlecht und hohes Alter. Die höchste Suizidrate haben alte Männer. Weiterhin besteht eine deutliche Geschlechtsspezifität bei der Suizidmotivation, über die die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch jahrzehntelang geforscht und publiziert hat (Gerisch 1998, 2003). Hier bildet sich die große Asymmetrie ab, die auch bei der Partnerschaftsgewalt besteht: die Täter sind meistens Männer, die Opfer sind meistens Frauen – nach kriminalpsychologischen Studien und der Polizeilichen Kriminalstatistik im Verhältnis 4:1. In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich von männlichen und weiblichen Schriftstellern aufschlussreich. Bei männlichen Dichtern finden sich in der Suizidvorgeschichte auch Traumata – allerdings andere als bei den Frauen. Suizidale Männer sind häufiger durch Gewalt, Krieg, unheilbare Krankheiten oder Krisen im Alter belastet. Von den 10.372 Suizidopfern des Jahres 2024 waren 71,5 Prozent Männer und 28,5 Prozent Frauen. Es bestand also ein Übergewicht bei Männern im Verhältnis von etwa 3:1.
Neuere Suizid-Anthologien mit ausführlichen Porträts von Schriftstellerinnen, die sich suizidiert haben
Angesichts der oben beschriebenen langen Verdrängung der Themen Trauma und Suizid ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Anthologien über Schriftsteller-Suizide erst im 21. Jahrhundert erschienen. In deutscher Sprache bildete die Anthologie von Ursula Keller den Auftakt. Sie beschrieb sechs Schriftstellerinnen, die sich suizidierten. Vier von ihnen waren sexuell traumatisiert – Virginia Woolf, Sylvia Plath, Anne Sexton und Unica Zürn (Keller 2000). Im Jahr 2013 erschien die umfangreiche Anthologie der Herausgeber Günter Blamberger, Sebastian Goth und Christine Thewes mit mehr als 400 Seiten. Von den im vorliegenden Beitrag genannten 7 Schriftstellerinnen sind Virginia Woolf und Anne Sexton mit ausführlichen Porträts berücksichtigt worden (Blamberger, Goth & Thewes 2013). Die Monografie von Birgit Lahann mit dem Titel „Am Todespunkt“ beschreibt 18 berühmte Dichter und Maler, die Suizid begingen, darunter auch Virginia Woolf, Sylvia Plath und Brigitte Schwaiger. In allen drei genannten Anthologien überwiegt die literaturwissenschaftliche Analyse. Die Suizidmotivation und die psychischen Spätfolgen der sexuellen Traumatisierung wurden nicht vertieft. Die Frage: Warum hat sich diese Schriftstellerin umgebracht? wird deshalb nicht beantwortet. Dies wäre jedoch für die weitere Forschung wünschenswert.
Literatur
Andersen, Jens, Tove Ditlevsen. Ihr Leben. Aufbau Verlag, Berlin 2023
Arcan, Nelly, Hure. C.H. Beck, München 2002
Arcan, Nelly, Hörig. Claassen Verlag, Reinbek 2005
Blamberger, Günter, Goth, Sebastian, Thewes, Christine (Hrsg.), Ökonomie des Opfers. Literatur im Zeichen des Suizids. Verlag Wilhelm Fink, München 2013
Csef, Herbert, Suizid im 21. Jahrhundert. Neue Phänomene einer existentiellen Herausforderung. Roderer Verlag, Regensburg 2022
Csef, Herbert, Trauma und Resilienz in der Psychoanalyse. Psychosozial Verlag, Gießen 2024
Ditlevsen, Tove, Kopenhagen-Trilogie. Teil 1 Kindheit, Teil 2 Jugend, Teil 3 Abhängigkeit. Aufbau Verlag, Berlin 2021
Gerisch, Benigna, Suizidalität bei Frauen. Mythos und Realität – Eine kritische Analyse. Edition diskord, Tübingen 1998
Gerisch, Benigna, Die suizidale Frau. Psychoanalytische Hypothesen zur Genese. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003
Keller, Ursula (Hrsg.), „Nun breche ich in Stücke…“ Leben, Schreiben, Suizid. Verlag Vorwerk, Berlin 2000
Lahann, Birgit, Am Todespunkt. 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen. Verlag Dietz Nachf. 2014
Schwaiger, Brigitte, Fallen lassen. Czernin Verlag, Wien 2006
Korrespondenzadresse:
Professor Dr. med. Herbert Csef
Email: herbert.csef@gmx.de
