Der Wunsch nach einem gemeinsamen Tod. Der nicht vollzogene Doppelsuizid in der Novelle „Sterben“ von Arthur Schnitzler

friedhof grabsteine gräber stein alt beerdigung, Quelle: darksouls1, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Arthur Schnitzler (1862 – 1931) war einer der bedeutendsten europäischen Dramatiker der Jahrhundertwende. Seine Dramen oder Theaterstücke wie „Reigen“, „Liebelei“ oder „Das weite Land“ werden heute noch auf deutschsprachigen Theaterbühnen aufgeführt. Schnitzler hat auch Novellen geschrieben. Die erste, die als Buch im Jahr 1895 im deutschen S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschien, trägt den Titel „Sterben“. Darin geht es um ein junges Liebespaar, bei dem der Mann tödlich erkrankt ist. Er hat einen tiefen Wunsch, mit seiner Geliebten gemeinsam zu sterben. Die Novelle schildert sensibel und eindrucksvoll, wie sich die Liebesbeziehung durch diese Herausforderungen verändert.

Die Novelle hat bis heute eine große Resonanz gefunden. Mehr als 100 Jahre nach der Erstpublikation sind auch im 21. Jahrhundert zahlreiche Neuauflagen der Novelle erschienen. Eine preiswerte Taschenbuch-Ausgabe erschien 2006 im Leipziger Reclam-Verlag. Gerhard Hubmann gab im Jahr 2012 im Berliner Walter de Gruyter Verlag die anspruchsvolle Historisch-Kritische Ausgabe heraus. Im Literatur- und Wissenschaftsverlag Göttingen erschien im Jahr 2018 eine Neuausgabe. Im Jahr 1971 erschien die Novelle im ZDF als Film, es existiert ein gleichnamiges Hörspiel und im Jahr 2010 wurde sie als Theaterstück im Frankfurter Schauspielhaus aufgeführt (Hierholzer 2010).

Das Thema der Novelle ist hochaktuell. Denn das gemeinsame Sterben ist im 21. Jahrhundert häufiger als zu Zeiten Arthur Schnitzlers. Der Schriftsteller war mit vielen Themen seiner Zeit voraus, hier in besonderer Weise. Arthur Schnitzler lebte eine Doppelexistenz als Arzt und Schriftsteller. Im Vergleich zu anderen ärztlichen Schriftstellern übte er seinen Arztberuf viele Jahre aus, bis er sich schließlich ganz dem Schreiben widmete. Die Themen Tod und Sterben sind ihm als Arzt verständlicherweise sehr vertraut gewesen und sie ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk.

Seit etwa vier Jahrzehnten nehmen Doppelsuizide an Häufigkeit zu. Heute sind es überwiegend Ehepaare im hohen Alter, bei denen einer oder beide schwer krank sind und deshalb ein gemeinsames Sterben planen und durchführen. In der Schweiz werden assistierte Doppelsuizide durch Sterbehilfe-Organisationen wie Dignitas oder Exit angeboten. Berühmte Ehepaare wie der britische Dirigent Edward Downes oder der deutsche Industriemanager und Politiker Eberhard von Brauchitsch haben jeweils mit ihrer Ehefrau im hohen Alter diese Dienstleistung in Anspruch genommen. Viele Paare legen selbst Hand an – um mit Jean Amery zu sprechen – und begehen in eigener Regie einen Doppelsuizid.

Die Novelle „Sterben“ von Arthur Schnitzler

 Der 30 Jahre alte Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler schrieb 1892 diese Novelle. Zuerst hat er sie im kleinen Kreis vor befreundeten Schriftstellern vorgetragen und es gab verschiedenen Handlungsskizzen. Ursprünglich war der Titel „Der nahe Tod“. Unter dem Titel „Sterben“ erschien sie schließlich im Jahr 1894 in der Literaturzeitschrift „Neue Deutsche Rundschau“ und fast gleichzeitig als Buch im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main.

Die Erzählung handelt von einem jungen Liebespaar, Felix und Marie. Felix erfährt von seinem Arzt, dass er todkrank ist und nur noch ein Jahr zu leben hat. Marie ist verzweifelt und stimmt sehr schnell zu, als Felix ihr seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Tod mitteilt. Im Verlauf machen beide Liebespartner eine bemerkenswerte Wandlung durch. Felix wird immer mehr Opfer einer grenzenlosen Todesangst. Marie hingegen entdeckt immer mehr ihren Lebenswillen und möchte sich weiter ihres Daseins erfreuen. Die emotionalen Spannungen zwischen dem Liebespaar nehmen erheblich zu. Eine Italienreise soll die Misere lindern. In Meran ereilt Felix ein finaler Blutsturz und er stirbt. Marie hatte telegraphisch den heimischen Arzt zu Hilfe gerufen und flüchtet in dessen Arme. Der gemeinsame Tod hat nicht stattgefunden.

Der Autor wurde auf die Novelle Schnitzlers aufmerksam durch das Kapitel „Der nicht vollzogene Suizid in der Zweierbeziehung“ im Buch „Suizid und Zweierbeziehung“ von Thomas Haenel (2001). Der Doppelsuizid wurde nicht vollzogen

„Wenn ich davon muß, nehm ich dich mit.“

 Wenn Paare sich gemeinsam umbringen, sprechen Experten je nach Konstellation von Doppelsuizid, erweitertem Suizid oder Mitnahme-Suizid. Der Partner, der sich final nach der Tötung des anderen selbst umbringt, nimmt den anderen mit. Deshalb ein Mitnahme-Suizid. Arthur Schnitzler verwendete genau diese Wortwahl – auch wenn die Suizidforschung zu dieser Zeit noch nicht etabliert war und dieser Begriff auch nicht. Er war auch hier seiner Zeit voraus. Irgendwann später sprachen Suizidforscher von Mitnahme-Suizid.

Das „Mitnehmen“ taucht in der Novelle mehrmals auf. Felix kommt mehrmals auf das initiale Versprechen des gemeinsamen Todes zurück:

„Ich will dich an dein Versprechen erinnern, sagt er hastig., daß du mit mir sterben willst. Ich nehme dich mit, ich will nicht allein weg. Ich liebe dich und laß dich nicht da! Sie war wie von Angst gelähmt.“

Je mehr sich Felix auf den nahenden Tod zubewegt, desto mehr entwickelt Marie Angst und Abscheu vor dem Tod. Das Finale in Meran offenbart die viel beschriebene Einsamkeit der Sterbenden.

 Parallelen zum Doppelsuizid des Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten?

 Im 19. Jahrhundert gab es in Europa zwei Doppelsuizide, die historisch Aufmerksamkeit erregt und gefunden haben: der Doppelsuizid von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel im Jahr 1811 in Berlin und jener von Kronprinz Rudolf und seiner Geliebten Mary Vetsera im Jagdschloss Mayerling im Jahr 1889. Dem Autor ist nicht bekannt, inwieweit sich Arthur Schnitzler mit dem Doppelsuizid von Mayerling auseinandergesetzt hat – aber es ist höchst wahrscheinlich, denn dieser geschah zwei Jahre, bevor Schnitzler mit seiner Novelle begann – und das vor den Toren Wiens, der Stadt, in der Schnitzler sein ganzes Leben zugebracht hat. Kronprinz Rudolf hatte eine suizidwillige, blutjunge Liebesgefährtin. Mary Vetsera wollte mit ihm gemeinsam in den Tod gehen. In der Novelle von Schnitzler begegnet uns keine Entschlossenheit zu Tod und Suizid, sondern eine ausgeprägte Ambivalenz von Marie, bei der schließlich der Lebenswille immer größer und die Todessehnsucht immer kleiner wurde. Folglich musste Felix ohne sie gehen – allein und einsam.

Die Suche nach einer vertrauten Person, die bereit ist, in den Tod mitzugehen

Unter den berühmtesten Doppelsuiziden sind drei Männer, die die treibende Kraft für einen Suizid und gemeinsamen Tod waren, und jahrelang nach einer suizidwilligen Begleiterin gesucht haben. Besonders Heinrich von Kleist war geradezu auf einer manischen „Partnersuche“ für den gemeinsamen Suizid. Zahlreiche Personen hat er gefragt und gebeten. Alle haben abgelehnt. Erst in Berlin hat er mit Henriette Vogel eine Frau gefunden, die dazu bereit war. Kronprinz Rudolf und Stefan Zweig haben ebenfalls vor ihrem Doppelsuizid bereits andere Frauen darum gebeten. Dies ist in zahlreichen Biografien nachzulesen (vgl. Csef 2022,2023). Kronprinz Rudolf und Heinrich von Kleist waren noch sehr jung, als sie aus dem Leben gegangen sind. Der erstgenannte war 31 Jahre alt, Kleist war 34 Jahre alt. Alle drei waren nicht todkrank oder unheilbar krank. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied in der Suizidmotivation im Vergleich zur Novelle „Sterben“ von Arthur Schnitzler. Felix ist todkrank und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Mit dieser Dramaturgie war Arthur Schnitzler sehr modern und seiner Zeit weit voraus. Denn etwa ein Jahrhundert später häuften sich die Berichte von bekannten Persönlichkeiten, die todkrank waren und sich mit ihrer Ehepartnerin umgebracht haben, z.B. der bekannte niederländische Psychiatrieprofessor und Suizidforscher Nico Speijer (1981), der Schriftsteller Arthur Koestler (1983) oder der Sozialphilosoph André Gorz (2007). Das Durchschnittsalter bei Doppelsuiziden hat sich im 20. Jahrhundert innerhalb von Jahrzehnten verdoppelt (vgl. Csef 2016, 2023, Haenel 2001). Gibt man heute bei Google den Suchbegriff „Rentner erschießt Ehefrau und sich selbst“ ein, so erscheinen sofort zahlreiche ähnliche Fälle. Sie haben fast alle die folgende Konstellation: das Paar lebt bereits Jahrzehnte zusammen, meistens sind sie verheiratet, einer oder beide sind todkrank oder unheilbar krank, sie sind pflegebedürftig und wollen nicht in einem Heim dahinvegetieren. Siechtum, Leid, Verfall, Abhängigkeit von anderen – das sind für viele in dieser Situation die Schreckgespenster. Alle Studien zur Einsamkeit der Sterbenden, die in der Nachfolge der luziden Analyse von Norbert Elias geschrieben wurden, betonen diese prekäre Situation am Ende des Lebens, bei der eben ein Doppelsuizid ein möglicher Ausweg ist, der in der Gegenwart immer häufiger gewählt wird.

Literatur

Anz, Thomas, Der schöne und der hässliche Tod. Klassische und moderne Normen literarischer Diskurse über den Tod. In: Karl Richter und Jörg Schönert (Hrsg.) Klassik und Moderne. Stuttgart 1983, S. 409 – 432

Csef, Herbert, Doppelsuizide von Paaren nach langer Ehe. Verzweiflungstaten oder Selbstbestimmung bei unheilbaren Krankheiten. Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik. 2016, Ausgabe 1, S. 1 – 10

Csef, Herbert, Phänomenologie und Psychopathologie des Doppelsuizids. Suizidprophylaxe

Csef, Herbert, Suizid im 21. Jahrhundert. Neue Phänomene einer existentiellen Herausforderung. Roderer, Regensburg 2022

Csef, Herbert, Gemeinsam sterben. Die berühmtesten Doppelsuizide. Roderer, Regensburg 2023

Grätz, Katharina, Der hässliche Tod. Arthur Schnitzlers „Sterben“ im diskursiven Feld von Medizin, Psychologie und Philosophie. Sprachkunst 37 (2006), 221 – 240

Haenel, Thomas, Suizid und Zweierbeziehung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001

Hierholzer, Michael, Statt Liebestod Flucht vor dem Kranken. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Dezember 2010

Schnitzler, Arthur, Sterben. Hrsg. Von Hee-Ju Kim. Reclam, Stuttgart 2006

Schnitzler, Arthur, Sterben. Historisch-Kritische Ausgabe. Hrsg. Von Gerhard Hubmann. Walter de Gruyter, Berlin 2012

Schnitzler, Arthur, Sterben. Neuausgabe. Literatur- und Wissenschaftsverlag, Göttingen 2018

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Email: herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.