„Erinnerungen einer Überflüssigen“. Zum 100. Todestag der Schriftstellerin Lena Christ

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Am 30. Juni 1920 hat sich die bayerische Schriftstellerin Lena Christ auf dem Münchner Waldfriedhof mit Zyankali suizidiert. Seit ihrem 7. Lebensjahr war sie aufgrund von brutalen Misshandlungen durch ihre Mutter psychisch traumatisiert. Extreme Belastungen und Krisen trieben die 38-Jährige schließlich in den Suizid. In ihrem Abschiedsbrief an ihren zweiten Ehemann Peter Benedix schrieb sie:

„Ich bin so elend beisammen, so zermürbt, dass ich nicht mehr kann. Dass das Glück sich von mir wenden wird, weiß ich bestimmt. Ich falle eben doch dem Schicksal anheim, welches mir meine Mutter gewünscht hat.“ (Lena Christ, zit. n. Sabine Rückert 2005)

Diese Worte in ihrem Brief beziehen sich auf einen gnadenlosen Fluch ihrer Mutter, den diese ihrer misshandelten Tochter zur Hochzeit entgegenschleuderte:

„Du sollst keine glückliche Stund haben, und jede gute Stund sollst du mit bitteren büßen müssen.“ (Lena Christ, Erinnerungen 1999, S. 203)

Ein Fazit ihres Lebensschicksals schrieb die glücklose Suizidentin in ihrer Autobiographie, die sie als erstes ihrer Bücher acht Jahre vor ihrem Suizid verfasste:

„Geliebt hat mich meine Mutter nie; denn sie hat mich weder je geküsst noch mir irgendeine Zärtlichkeit erwiesen, aber nach der Geburt ihres ersten ehelichen Kindes behandelte sie mich mit offenbarem Hass. Jede, auch nur geringste Verfehlung wurde mit Prügeln und Hungerkuren bestraft, und es gab Tage, wo ich vor Schmerzen mich kaum rühren konnte.“ (Lena Christ, Erinnerungen 1999, S. 41-42)

Mit diesen drei Zitaten sind die wesentlichen Elemente der tragischen Lebensentwicklung von Lena Christ beschrieben. Sie begann mit schweren Misshandlungen in der Kindheit und Jugend und führte über diverse gescheiterte Flucht- und Bewältigungsversuche in den Suizid. In einer kurzen Phase der Stabilisierung durch ihre zweite Ehe mit dem Schriftsteller Peter Benedix gelang ihr ein erstaunlicher Erfolg als Schriftstellerin.

Schwere Misshandlungen durch ihre sadistische Mutter

Lena Christ wurde als uneheliches und unerwünschtes Kind geboren. Ihre Mutter war die Köchin Magdalena Pichler. Ihr leiblicher Vater war ein Schmiedgeselle mit Namen Karl Christ aus Mittelfranken. Schon kurz nach der Geburt brachte sie ihre Mutter zu ihren Großeltern. Diese wohnten in einem Dorf in der Nähe von München. Diese Zeit war die glücklichste in ihrem Leben. Als ihre leibliche Mutter in ihrem siebten Lebensjahr den Gastwirt Josef Isaak heiratete, holte die Mutter ihre Tochter als billige Arbeitskraft in die Gaststätte nach München, die sie und Lenas Stiefvater betrieben. Schwerstarbeit, regelrechte Ausbeutung und extreme sadistische Züchtigungsrituale bestimmten den Alltag des Kindes von nun an. In mehreren Fluchtversuchen versuchte sie, diesem grausamen Schicksal zu entrinnen. In Lenas 10. Lebensjahr (1891) wurde das erste Kind der Mutter und des Stiefvaters geboren. Von da an musste sie noch mehr arbeiten und wurde immer häufiger brutal verprügelt. Lena erlebte dies so, dass ihre Mutter sie zunehmend hasste. In ihrem 11. Lebensjahr beschrieb Lena:

„Hinter der Tür aber lehnte schon der Totschläger; und als ich eintrat, empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: „Nur runter mit’n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!“

Darauf mußte ich mich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit Füßen wider die Brust und den Körperteil, mit dem ich gesündigt hatte. Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund, und keuchend schrie sie mich während der Züchtigung an: „Hin muaßt sein! Verrecka muaßt ma! Wart, dir hilf i!“

Als sie erschöpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und gingen fort.“ (Lena Christ, Erinnerungen 1999, S. 47).

In ihren „Erinnerungen einer Überflüssigen“ finden sich mehr als zehn vergleichbare Schilderungen von brutalsten körperlichen und seelischen Misshandlungen. Für das Jahr 1912 waren diese Schilderungen einer bislang unbekannten 31-jährigen Schriftstellerin etwas Besonderes. Auf den Rat ihres zweiten Mannes Peter Jerusalem (Benedix) hatte Lena Christ in ihrer Autobiographie Namen und Orte verändert. Ihre Mutter erkannte sich freilich in der Beschreibung und zog vors Gericht. Ihre Klage gegen die Tochter wurde jedoch abgewiesen (Karl 2004, S. 57).

Frustrane Fluchtwege: Kloster, erste Ehe, zweite Ehe.

Der erste Fluchtversuch war in ihrem 17. Lebensjahr, als sie in ein Kloster nach Ursberg ging. Dort wurde sie leider auch gezüchtigt und misshandelt, so dass sie nach eineinhalb Jahren aus dem Kloster flüchtete. Mit zwanzig Jahren heiratete sie den Buchhalter Anton Leix. Sie erlebte mehrere Fehlgeburten und brachte drei gesunde Kinder zur Welt, einen Sohn und zwei Töchter. Ihr Ehemann war Alkoholiker und hat sich zunehmend verschuldet. Bald verließ sie ihn und versuchte durch Schreibarbeiten Geld zu verdienen. Dabei lernte sie den Schriftsteller Peter Jerusalem kennen, der später den Namen Peter Benedix trug. Peter Jerusalem erkannte ihr schriftstellerisches Talent und überredete sie, ihre Kindheitserlebnisse niederzuschreiben. Lena Christ folgte diesen Empfehlungen und schrieb 1912 ihre Autobiographie mit dem Titel „Erinnerungen einer Überflüssigen“.

Die zweite Ehe mit Peter Benedix führte zu einer wesentlichen psychischen Stabilisierung von Lena Christ. Am 13. März 1912 wurde ihre gescheiterte Ehe mit Anton Leix geschieden. Ein knappes halbes Jahr später, am 28. August 1912 heiratete Lena Christ Peter Benedix als ihren zweiten Ehemann. Die ersten Jahre ihrer zweiten Ehe verliefen gut. Bereits 1912 erschien ihre Autobiographie „Erinnerungen einer Überflüssigen“, wobei der bayerische Schriftsteller Ludwig Thoma sie bei der Publikation unterstützte. In den Jahren 1913 bis 1916 schrieb sie fünf weitere Bücher. Ihr zweiter Ehemann Peter Benedix wurde im Jahr 1917 als Soldat eingezogen und in eine Garnison nach Landshut versetzt. Lena Christ folgte ihm nach Landshut. Sie erkrankte 1918 an Tuberkulose. In einem Lazarett lernte sie bei Lesungen einen jungen Deutsch-Italiener kennen, der seinen Lebensunterhalt als Sänger verdiente. Sie verliebte sich in ihn und verließ gegen Ende des Ersten Weltkrieges ihren zweiten Ehemann. Damit war auch ihre zweite Ehe und ihr dritter Fluchtversuch gescheitert.

„Erinnerungen einer Überflüssigen“

Dichtung als Versuch der Trauma-Bewältigung

Die Autobiographie, die Lena Christ als Dreißigjährige begann und im Jahr 1912 veröffentlichte, darf als Versuch einer Trauma-Bewältigung angesehen werden. Sie beschreibt darin im ersten Teil ihre glückliche Kindheit bei den Großeltern, die schweren Misshandlungen und das Martyrium durch ihre Mutter und die ausgeprägte Gewalt in der ersten Ehe mit Anton Leix. Erschütternde Gewaltszenen charakterisieren diese Autobiographie.

Auch wenn die „Erinnerungen einer Überflüssigen“ sehr traumatische Erlebnisse beschreiben, so führten sie doch zu einer biographischen Wende und einem schriftstellerischen Erfolg. Es folgten acht Jahre der schriftstellerischen Kreativität, in denen sie mehr als acht Bücher schrieb. Neben ihrer glücklichen Kindheit bei den Großeltern dürften dies die besten Jahre ihres Lebens gewesen sein.

 Es gibt zahlreiche große Schriftsteller, deren Hauptwerke die Beschreibung ihres Traumas zum Inhalt haben. Arthur Georges Goldschmidt war z.B. auch ein Trauma-Opfer und hatte in der Kindheit sowohl körperliche Misshandlungen als auch sexuellen Missbrauch erlebt. Die meisten seiner zahlreichen Romane beschäftigen sich mit diesen Erlebnissen. Die ehemaligen KZ-Insassen Imre Kertész, Jean Amery und Primo Levi haben wie viele andere KZ-Insassen bedeutsame Literatur über die qualvolle Leidenszeit im Konzentrationslager geschrieben. Es darf davon ausgegangen werden, dass für diese Schriftsteller das Schreiben eine Form der Trauma-Bewältigung darstellte (Csef 2014, 2018).

Der Januskopf von „Trauma und Kreativität“ zeigt jedoch wie vieles im Leben zwei Seiten. Die helle und positive Seite ist die Traumabewältigung durch Kreativität. Die dunkle und negative Seite sind Risiko und Gefahren durch die Wiederbegegnung mit dem Trauma. Depressionen und Suizidgedanken können die Folge sein. Die tragischste Komplikation ist der Suizid nach Retraumatisierung (Csef 2019). Die Schriftsteller Primo Levi, Jean Améry und Paul Celan wurden erfolgreiche und bereits zu Lebzeiten bekannte Schriftsteller. Ihr tragisches Lebensende jedoch war der Suizid (Csef 2014, 2020). Das Trauma bewegt sich immer im existentiellen Spannungsfeld zwischen Bewältigung und Scheitern.

Literatur:

Christ, Lena. Gesammelte Werke. List-Verlag, 1997

Christ, Lena. Erinnerungen einer Überflüssigen. Albert Langen, München 1912, dtv, München 1999

Csef H (2014)Späte Suizide von Holocaust-Überlebenden Primo Levi, Jean Améry, Ehepaar Adorján. In: Bertram von der Stein (Hrsg.). Der lange Schatten des Holocaust – Jüdisches Leben in Deutschland. Psychotherapie im Alter 11 (4):553-563

Csef Herbert (2018) Traumabewältigung als kreativer Prozess. Imre Kertész – ein Überlebenskünstler. E-Journal Philosophie der Psychologie, S. 1-6

Csef Herbert (2019) Vom Trauma zum Suizid. Suizidprophylaxe Heft Nr. 177, Band 46

Csef Herbert (2020) „Versunken im bitteren Brunnen des Herzens.“ Der Suizid des Lyrikers Paul Celan vor 50 Jahren. Suizidprophylaxe

Dattenberger, Simone. Lena Christ: Erinnerungen einer Notwendigen. Münchner Merkur vom 2.7.2012

Goepfert, Günter. Das Schicksal der Lena Christ. Rosenheimer Verlag, Rosenheim 2004

Karl, Michaela. Lena Christ. Die Überflüssige. In: Michaela Karl: Bayerische Amazonen. 12 Porträts. Pustet Regensburg 2004, S. 66-83

Kummer, Elke. Lena Christ, Dichterin aus Bayern. Nicht sie – es schreibt. Die Zeit vom 31. Dezember 1982

Panzer, Marita. Lena Christ. Keine Überflüssige. Pustet-Verlag Regensburg 2011

Rückert, Sabine. Der Fluch der Mutter. Kindesmisshandlung. Die Zeit vom 21. April 2005

Scheib, Asta. In den Gärten des Herzens. Die Leidenschaft der Lena Christ. Hoffmann und Campe Hamburg 2002

Wendt, Gunna. Lena Christ. Die Glückssucherin. Langen Müller München 2012

Wittmann, Reinhard. Lena Christ. In: Katharina Weigand (Hrsg.) Große Gestalten der bayerischen Geschichte. Herbert Utz Verlag München 2011

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Über Herbert Csef 57 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.