Wenn der Sommer kommt, kommt die große Erregung gleich mit. Kaum steigt das Thermometer über 30 Grad, ist von Gluthitze, Brutofen, Tropennächten und Lebensgefahr die Rede. Aus Wetter wird Warnung, aus Warnung wird Alarm, aus Alarm wird eine Erzählung, die viele Menschen nicht mehr informiert, sondern verunsichert.
Dabei lohnt ein Blick zurück. Schon 1957 arbeitete der Boulevard mit großen Zahlen und großen Worten. Schon damals hieß es, Deutschland werde zum Brutofen. In den siebziger Jahren war von lebensgefährlicher Hitze die Rede, 1983 von Rekordhitze, 2003 vom Jahrhundertsommer. Wer alte Schlagzeilen liest, erkennt schnell: Die Sprache der Erhitzung ist selbst nicht neu. Sie gehört seit Jahrzehnten zum medialen Sommer.
Das bedeutet nicht, dass hohe Temperaturen harmlos wären. Hitze kann für ältere Menschen, Kranke, Kinder und Menschen ohne kühle Rückzugsräume gefährlich werden. Auch die Daten zeigen, dass heiße Tage in Deutschland langfristig häufiger geworden sind. Gerade deshalb braucht es Aufklärung, Vorsorge und nüchterne Information. Was es aber nicht braucht, ist die ständige Dramatisierung jeder Wetterlage.
Denn wer jeden heißen Tag in ein Katastrophensignal verwandelt, stumpft die Menschen ab oder treibt sie in unnötige Angst. Beides ist schlecht. Die einen glauben irgendwann gar nichts mehr. Die anderen erleben den Sommer nicht mehr als Jahreszeit, sondern als Bedrohung. Genau darin liegt das Problem einer Berichterstattung, die oft mehr auf Erregung als auf Einordnung setzt.
Die alten Wetterdaten zeigen: Sehr heiße Tage gab es auch früher. Im Mai 1922 wurden in Hamburg-Bergedorf 36,6 Grad gemessen. Auch in anderen Jahren lagen die Temperaturen im Mai teils deutlich über 35 Grad. Das widerspricht der Vorstellung, extreme Sommerhitze sei ausschließlich ein neues Phänomen. Deutschland hat Hitze erlebt, lange bevor aus jedem Hochdruckgebiet ein Krisenwort wurde.
Aber auch die andere Seite gehört zur Wahrheit: Die Häufigkeit heißer Tage hat zugenommen. Genau deshalb wäre eine sachliche Sprache so wichtig. Medien sollten sagen, was ist: wie heiß es wird, wen es besonders trifft, welche Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll sind und wie lange die Belastung anhält. Das wäre Dienst am Leser. Was oft geschieht, ist etwas anderes: Die Temperatur wird zur Schlagzeile aufgeblasen, der Sommer zur Gefahrenerzählung gemacht.
So entsteht eine merkwürdige Schieflage. Einerseits gab es heiße Sommer schon immer. Andererseits wird heute fast jeder heiße Abschnitt so erzählt, als stehe das Land unmittelbar vor dem Ausnahmezustand. Zwischen diesen beiden Polen geht die Vernunft verloren.
Ein erwachsener Umgang mit dem Wetter müsste anders aussehen. Ja, Hitze ernst nehmen. Ja, vulnerable Menschen schützen. Ja, Städte besser auf hohe Temperaturen vorbereiten. Aber zugleich Maß halten, historische Vergleiche zulassen und nicht so tun, als habe Deutschland früher nur milde Sommer gekannt.
Der Sommer ist nicht automatisch eine Katastrophe. Er ist eine Jahreszeit, die heiß sein kann, manchmal gefährlich, oft anstrengend, aber nicht jedes Mal ein Grund für mediale Panik. Wer ständig Angst erzeugt, informiert nicht besser. Er macht die Menschen müde, misstrauisch oder nervös.
Gerade deshalb brauchen wir weniger Hitzeschlagzeilen und mehr Einordnung. Weniger Alarmton, mehr Fakten. Weniger Wetter-Angst, mehr Vernunft. Denn heiße Sommer gab es immer. Neu ist vor allem, wie routiniert viele Medien daraus eine Geschichte der Verunsicherung machen.
