Elon Musk warnt vor der KI-Zukunft: Jetzt entscheidet sich, ob Freiheit und Demokratie überleben

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Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Arbeit und Wirtschaft, sondern auch die Verteilung von Macht. Henning Vöpel fordert deshalb einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Wohlstand und Demokratie im KI-Zeitalter neu sichert.

„Im Jahr 2036 wird es kein Geld mehr geben. Man wird es nicht brauchen, weil alles im Überfluss vorhanden sein wird.“ – mit dieser Aussage sorgte Elon Musk in einem Interview mit dem „Economist“ kürzlich für Aufsehen. Gegen diese Aussage lassen sich allerlei wirtschaftstheoretische Einwände erheben, zum Beispiel jenen, dass trotz allem technologischen Fortschritt ökonomisch immer Knappheit herrschen wird, denn auch Künstliche Intelligenz oder Roboter benötigen ja schließlich Energie und Rohstoffe, die sich nicht selbst reproduzieren können. Auch Zeit bleibt knapp und mithin ein ökonomischer Faktor. Und natürlich hört man in den Interviews mit den Tech-Größen allerlei IPO-Stories, die allein den Zweck verfolgen, die Fantasie der Investoren vor dem Börsengang zu beflügeln.

So war dann auch die Reaktion aus der Wissenschaft auf das Interview überwiegend ablehnend, teils höhnisch. Nun ist aber jede zeitgenössische Wissenschaft – mit Ausnahme ihrer herausragenden Vertreter – nie mit besonderer Vorstellungskraft gesegnet. Der Mainstream glaubt eben an die Modelle, mit denen er sich selbst zum Mainstream erklärt. Dabei ist längst erkennbar, dass die Künstliche Intelligenz – oder wie Harari sie vielleicht treffender nennt: „alien intelligence“ – unsere Ordnung weitaus grundlegender verändern wird, als viele es sehen wollen oder es politisch derzeit reflektiert wird. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Tech-Protagonisten wie Alex Karp, Peter Thiel oder auch Elon Musk sich nicht nur technologisch mit den Veränderungen beschäftigen, sondern vor allem auch philosophisch, historisch und soziologisch. Man mag deren Thesen aus guten Gründen für krude, konstruiert oder gar gefährlich halten. Ein fataler Fehler wäre es jedoch, die Fragen, die sie zu stellen wagen, für abwegige Science-Fiction zu halten. Sie sind es nicht. Gerade weil sie möglich und vorstellbar sind, sollten wir uns mit den potenziell sehr weitreichenden Konsequenzen, die diese Fragen haben könnten, intensiv beschäftigen.

Technologie und Ordnung

Es ist nicht zu bestreiten, dass die Künstliche Intelligenz die Ordnung von Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat bereits heute in sehr grundsätzlicher Weise herausfordert. Technologie und Ordnung stehen gerade jetzt, zu Beginn eines neuen technologischen Zeitalters, in enger Wechselwirkung zueinander: Technologien weisen immer spezifische Eigenschaften auf, die eine Ordnung zwingen, sich an sie anzupassen, umgekehrt haben Ordnungen bestimmte konstitutive Prinzipien, nach denen sich Technologien zu richten haben. Bislang haben sich die neuen Technologien jedoch durchaus als mächtiger erwiesen. Die „Entmachtung“ der Ordnung durch Technologien ist ein bedeutender Vorgang. Die politische und ökonomische Macht, die bislang institutionalisiert und dadurch gebunden und kontrolliert war, wird freigesetzt und formiert sich neu. Dadurch kann es zu Machtkonzentrationen kommen, vor allem entlang der neuen Technologien. Mark Zuckerberg hat kürzlich in einem Beitrag für das „Wallstreet Journal“ die Machtkonzentration vor dem Hintergrund einer möglichen Superintelligenz, die die menschliche Intelligenz weit übertrifft, thematisiert und gefordert, dass eine solche Superintelligenz dringend allen verfügbar gemacht werden müsse, um politische und soziale Verwerfungen, die von einem privilegierten Zugang zu ihr ausgingen, abwenden zu können. Gerade der Umstand, dass Künstliche Intelligenz einerseits so mächtig und andererseits potenziell so gefährlich ist, mache, so Zuckerberg, das Gleichgewicht und die Kontrolle von Macht so bedeutsam. Das gilt umso mehr, als die Superintelligenz, die Sam Altman kürzlich als unmittelbar bevorstehend verkündete, selbst zu einer autonomen Macht werden könnte, die sich entkoppelt und beginnt, eigene Ziele zu verfolgen.

Einer der wenigen Ökonomen, die sich dieser Tragweite bewusst sind, ist der Nobelpreisträger Daron Acemoglu, der immer wieder und im Einklang mit seiner langjährigen Forschung die entscheidende Bedeutung von Institutionen für die technologische Entwicklung und den gesellschaftlichen Einfluss Künstlicher Intelligenz betont. In seinem Buch „Power and Progress“ zeigt er den Zusammenhang zwischen der Frage, wer Macht besitzt, und der Frage, zu welcher Art von Fortschritt es kommt. Künstliche Intelligenz hat bereits sehr deutlich die heutigen Machtverhältnisse verschoben, und diese Macht hat wiederum die Richtung des Fortschritts verändert. Sie wird wesentlich durch einige wenige private Akteure und zudem durch einen hohen Anreiz zur schnellen Weiterentwicklung bestimmt. Die neue Macht der Technologien dringt dabei nicht nur in das Materielle und Institutionelle ein, sondern – und das ist neu – bis in die Kognition und die Emotion der Menschen hinein, die dadurch, insbesondere in den Sozialen Medien, zu einem politischen Faktor geworden sind.

Künstliche Intelligenz und Freiheit 

Die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Intelligenz wird – unabhängig davon, ob es am Ende tatsächlich so etwas wie eine Superintelligenz geben wird – radikale Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft auslösen, insbesondere auf die Art und Weise, wie sich Ökonomien und Gesellschaften zukünftig organisieren. Mehrere Indikatoren deuten bereits darauf hin, sie werden jedoch noch in den „alten“ Modellen interpretiert und führen daher nicht zu den Schlussfolgerungen, die man eigentlich ziehen müsste. Die Tatsache etwa, dass der Eintritt in den Arbeitsmarkt für jüngere Menschen schwieriger geworden ist, dass China plötzlich hochtechnologische Industrieproduktion beherrscht, dass sich private Währungen bilden – all dies sind bereits Hinweise auf fundamentale Veränderungen. In einer Ökonomie der Superintelligenz werden nicht mehr Bildung und Arbeit die Quellen von Wohlstand sein, sondern Besitz und Macht. Die alte ideologische Frage von Kapitalismus und Kommunismus stellte sich heute unter veränderten technologischen Bedingungen neu: Werden jetzt alle Arbeiter zu Kapitalisten oder müssen die Roboter enteignet werden? Gelingt es, wie seinerzeit in der Industriellen Revolution, Macht zu begrenzen, Wettbewerb durchzusetzen, Besitzverhältnisse zu demokratisieren und Rechte zu schützen?

Der politische Liberalismus entstand historisch oft als Wirtschaftsliberalismus, also nicht nur unbedingt als politische Idee, sondern auch und vor allem in Form eines ökonomisch begründeten Gesellschaftsvertrags, der Freiheit und Wohlstand auch für die „Ohnmächtigen“ und „Besitzlosen“ garantiert. Die große Aufgabe der Demokratie besteht heute darin, den Liberalismus, ohne den sie nicht vorstellbar ist, neu zu definieren. Demokratie und Freiheit dürfen eben nicht, wie Thiel mutmaßt, in Konflikt oder gar in Widerspruch zueinander geraten und entweder zu totalitären oder libertären Gesellschaftsentwürfen führen, sondern müssen in Form eines neuen Liberalismus miteinander in Einklang gebracht werden, weil sonst am Ende beide, Demokratie und Freiheit, verlorengehen. Der Liberalismus als Idee mag in seinen Begründungen universalistisch sein, seine Institutionalisierung ist immer notwendig konkret. Sie entscheidet sich letztlich an der Frage, ob unter den jeweiligen technologischen und ökonomischen Bedingungen Macht begrenzt und Recht geschützt werden kann. Das schließt die Selbstbeschränkung staatlicher Macht notwendig ein, denn auch und gerade im Staat kann sich Macht schnell konzentrieren, zumal dann, wenn ein staatliches Gegengewicht zur privaten Machtkonzentration bereits erforderlich geworden ist, um diese einhegen zu können.

Liberalismus und Souveränität

So bleibt letztlich die Erkenntnis, dass man Musk, wenn man möchte, dass er in seinen Zukunftsvorstellungen, die nicht nur utopisch, sondern an vielen Stellen durchaus dystopisch sind, nicht recht behält, in seinen Thesen ernst nehmen muss. Die Indizien der bisherigen Entwicklung weisen jedenfalls eher in seine Richtung als in Richtung derer, die das alles für Fantasterei halten. Es wäre fahrlässig, das Ausmaß der bevorstehenden Veränderungen zu unterschätzen. Mit keiner anderen Technologie verbindet sich so stark die Frage von Macht und Fortschritt und somit von Freiheit und Wohlstand wie mit Künstlicher Intelligenz. Ökonomische Prosperität und politische Stabilität müssen in einer neuen liberalen Ordnung zusammengeführt werden. Der Gegenentwurf zu Musk ist ein neuer Liberalismus für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Er ist darüber hinaus vielleicht die wichtigste Bedingung für die Sicherung des Humanismus und der Souveränität in Europa. Nichts weniger als dies ist die Aufgabe der Gegenwart angesichts bahnbrechender Technologien, die sich nicht aufhalten lassen, aber gerade deshalb gestaltet werden müssen.

Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand Stiftung Ordnungspolitik
Direktor Centrum für Europäische Politik