Imperiale Arroganz und europäische Feigheit: Trump, Grönland und der Zerfall der Weltordnung

Trump ordnet die Welt neu. KI generiert

Die Aussagen Donald Trumps zur Kontrolle über Grönland sind kein Ausrutscher eines exzentrischen Politikers, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Wahrheit: Die globale Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg konstruiert wurde, zerfällt. Internationale Regeln, Völkerrecht und multilaterale Institutionen verlieren ihre bindende Kraft, sobald sie den Interessen mächtiger Staaten widersprechen.

Trump formuliert offen, was andere verschleiern: Macht geht vor Recht. Seine Drohungen, wirtschaftlichen und politischen Druck auszuüben, um territoriale Interessen durchzusetzen, markieren die Rückkehr klassischer imperialer Logik. Frieden ist in diesem Denken kein Wert, sondern ein taktisches Mittel – gültig nur solange er den eigenen Interessen dient.

Grönland ist dabei ein Symbol. Die Insel steht für strategische Kontrolle über Ressourcen, Handelsrouten und militärische Präsenz in der Arktis. Der Klimawandel, der durch das bestehende Wirtschaftssystem beschleunigt wird, schafft neue geopolitische Konfliktzonen. Statt globaler Kooperation erleben wir eine Militarisierung ökologischer Krisen.

Besonders erschreckend ist die Reaktion Europas. Anstatt eine klare, prinzipielle Position zu beziehen, verfällt die Europäische Union in Schweigen und diplomatische Floskeln. Dieses Verhalten ist keine Neutralität, sondern Kapitulation. Europa akzeptiert implizit, dass Machtpolitik die Regeln bestimmt – solange sie von den „richtigen“ Akteuren ausgeübt wird.

Diese Feigheit hat strukturelle Ursachen: militärische Abhängigkeit von den USA, wirtschaftliche Verflechtungen und politische Zersplitterung. Doch strukturelle Abhängigkeit entbindet nicht von politischer Verantwortung. Wer Unrecht toleriert, weil Widerstand unbequem ist, verliert jede normative Glaubwürdigkeit.

Der Fall Grönland zeigt, wie selektiv das Völkerrecht angewendet wird. Annexionen und Drohungen werden verurteilt – aber nur, wenn sie von geopolitischen Gegnern ausgehen. Diese Doppelmoral zerstört die Legitimität der internationalen Ordnung. Für Länder des globalen Südens ist die Botschaft eindeutig: Recht schützt nur, solange Macht es erlaubt.

Für Iran und viele andere Staaten bedeutet dies eine Welt wachsender Unsicherheit. Internationale Garantien verlieren an Wert, Verträge werden relativiert, und Machtpolitik kehrt als dominantes Prinzip zurück. Gleichzeitig wird sichtbar, dass autoritäres Denken kein regionales Phänomen ist, sondern im Zentrum westlicher Machtstrukturen existiert.

Die europäische Untätigkeit verstärkt diesen Trend. Anstatt als Gegengewicht zu imperialer Arroganz zu wirken, wird Europa zum passiven Zuschauer einer eskalierenden Weltordnung. Multilateralismus verkommt zur Rhetorik, während reale Politik von Drohungen, Sanktionen und Erpressung bestimmt wird.

Grönlands Widerstand gegen äußere Ansprüche ist daher mehr als ein regionaler Konflikt. Er ist ein Testfall für die Zukunft der internationalen Ordnung. Entweder setzen sich Selbstbestimmung und Recht durch – oder die Welt driftet weiter in eine Ära permanenter Machtkonflikte.

Wenn finanzielle Oligarchie im Inneren und imperiale Gewalt nach außen zusammentreffen, entsteht eine explosive Kombination. Genau darin liegt der Kern der gegenwärtigen globalen Krise. Ohne radikale politische und wirtschaftliche Neuordnung steuert die Welt nicht auf Stabilität zu, sondern auf systemische Zerstörung.

Quellen:

  1. Reuters: Berichte zu Trumps Aussagen und US-Außenpolitik
  2. Deutsche Welle: Analysen zur europäischen Reaktion
  3. John J. Mearsheimer: The Tragedy of Great Power Politics
  4. Hannah Arendt: Macht und Gewalt

 

Über Hossein Zalzadeh 31 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.