Während in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern immer mehr Menschen darum kämpfen, ein Leben in Würde zu führen, fließt zum Jahreswechsel eine enorme Menge Geld in ein Ritual, dessen gesellschaftlicher Nutzen kaum noch hinterfragt wird. Gerade in Deutschland, einem der reichsten Länder Europas, wird diese Diskrepanz besonders sichtbar.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren einen europäischen Rekord aufgestellt. Zum Jahreswechsel 2023/2024 gaben Verbraucherinnen und Verbraucher rund 180 Millionen Euro für privates Silvesterfeuerwerk aus. Bereits ein Jahr später, zum Jahreswechsel 2024/2025, wurde dieser Wert deutlich übertroffen: Der Umsatz stieg auf rund 197 Millionen Euro – ein historischer Höchststand und eine Spitzenposition im europäischen Vergleich. Parallel dazu nahm auch der Import massiv zu. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 wurden über 42.400 Tonnen Feuerwerkskörper nach Deutschland eingeführt, ein Anstieg von mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kaum ein anderes europäisches Land investiert derart viel Geld in ein Ereignis, das nur wenige Stunden dauert.
Gleichzeitig zeigt ein Blick auf andere europäische Staaten ein völlig anderes Bild. In Ländern wie Frankreich, Irland, den Niederlanden, großen Teilen Österreichs und der Schweiz sowie in mehreren Regionen Italiens ist privates Feuerwerk stark eingeschränkt oder vollständig verboten. Dort gelten klare gesetzliche Regelungen, empfindliche Geldstrafen und konsequente Kontrollen. Ziel ist nicht Bevormundung, sondern der Schutz von Menschen, Tieren und Umwelt. Selbst in Ländern mit langer Tradition beschränkt sich der Verkauf häufig auf harmloses Tischfeuerwerk. Die Europäische Union greift lediglich bei grenzüberschreitenden Fragen ein; Sicherheit, Ordnung und Umweltschutz bleiben nationale Aufgaben. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich an Regelungen – und eine zentrale Frage: Warum hält Deutschland an einem Modell fest, das enorme Kosten, Müllberge, Feinstaubbelastung und erhebliche Sicherheitsrisiken verursacht, während andere Länder bewusst einen anderen Weg gehen?
Die ökonomischen Zahlen erzählen nur einen Teil der Wahrheit. Die realen Kosten des Jahreswechsels werden größtenteils ausgeblendet. In der Silvesternacht 2024/2025 wurden allein in Berlin 363 Menschen durch Pyrotechnik verletzt. Bundesweit wurden über 900 Augenverletzungen dokumentiert – ein Höchstwert seit Beginn der Erfassung. Mindestens fünf Menschen verloren ihr Leben. Krankenhäuser meldeten eine massive Überlastung der Notaufnahmen; allein am Neujahrstag 2025 mussten rund 100 Schwerverletzte stationär behandelt werden. Hinzu kommen jährlich tausende Fälle von Hörschäden und Explosionsverletzungen, deren Behandlungskosten langfristig von der Allgemeinheit getragen werden.
Auch die Sachschäden sind erheblich. Brände an Wohnhäusern, Balkonen, Kellern und Dächern führen jedes Jahr zu Millionenschäden. Versicherer beziffern die Schadenssummen rund um Silvester regelmäßig auf zweistellige Millionenbeträge. Besonders betroffen sind Fahrzeuge: Zum Jahreswechsel 2024/2025 rechneten Versicherungen mit rund 1.000 Fahrzeugbränden, verursacht durch Feuerwerkskörper. Diese Schäden treffen nicht nur Versicherungen, sondern letztlich alle Beitragszahlerinnen und Beitragszahler.
Hinzu kommen die Kosten für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste. Tausende Einsätze, Sondereinheiten, Überstunden und beschädigte Einsatzfahrzeuge belasten kommunale Haushalte erheblich. Auch die Stadtreinigung verursacht in Großstädten zusätzliche Kosten in Millionenhöhe, um Straßen, Plätze und Grünanlagen von Müll und Rückständen zu befreien. Ökologisch besonders problematisch ist die Luftverschmutzung: Jährlich werden durch Silvesterfeuerwerk rund 2.050 Tonnen Feinstaub (PM10) freigesetzt – etwa ein Prozent der gesamten jährlichen Feinstaubemissionen Deutschlands, konzentriert auf eine einzige Nacht.
Rechnet man all diese Faktoren zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Die Gesamtkosten des Jahreswechsels 2024/2025, einschließlich medizinischer Behandlung, Sachschäden, Einsätzen von Feuerwehr und Polizei, kommunaler Reinigungsarbeiten sowie ökologischer Folgekosten, belaufen sich selbst bei einer konservativen Rechnung auf mindestens 300 bis 350 Millionen Euro. In weiter gefassten Berechnungen liegen sie deutlich darüber.
Besonders problematisch ist die strukturelle Schieflage dieses Systems. Der Gewinn ist privat – er fließt an die pyrotechnische Industrie, Importeure und den Handel. Die Kosten sind öffentlich – sie werden von Krankenhäusern, Krankenkassen, Versicherungen, Kommunen, Einsatzkräften, der Umwelt und letztlich von der gesamten Gesellschaft getragen. Dieses Modell ist weder sozial gerecht noch ökonomisch rational.
Vor diesem Hintergrund erhält auch die Weihnachtszeit eine bitter-ironische Dimension. Weihnachten gilt als Fest der Menschlichkeit, der Solidarität und des Gebens. In der Realität ist es zunehmend zu einem Symbol für Konsum, Heuchelei und verdrängte soziale Kälte geworden. Während Milliarden für Geschenke, Dekoration und Feuerwerk ausgegeben werden, leben hunderttausende Menschen in schlecht isolierten Wohnungen, können ihre Heizkosten kaum bezahlen und verbringen die Feiertage in Einsamkeit. Die viel zitierte Nächstenliebe bleibt oft eine leere Formel.
Dieser Text ist kein moralischer Appell und keine religiöse Predigt. Er ist ein nüchterner, kritischer Blick auf politische Prioritäten. Wenn eine Gesellschaft ihre Bürgerinnen und Bürger tatsächlich in den Mittelpunkt stellt, kann sie ein solches Modell nicht dauerhaft rechtfertigen. Es handelt sich nicht um eine Frage von Geschmack, Tradition oder individueller Freiheit, sondern um eine grundlegende Frage der Verantwortung und der gerechten Verteilung von Kosten und Nutzen. Staaten, die diese Verantwortung ernst nehmen, beschränken oder verbieten privates Feuerwerk konsequent – nicht aus Symbolpolitik, sondern aus rationalen, sozialen und humanen Gründen.
Solange in wenigen Stunden fast 200 Millionen Euro verbrannt werden, während Menschen frieren, verletzt werden oder sterben, liegt das Problem nicht im Feuerwerk selbst. Es liegt in der politischen und gesellschaftlichen Entscheidung, dieses System Jahr für Jahr aufrechtzuerhalten.
Quellen:
– Statistisches Bundesamt (Destatis);
– Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI);
– Umweltbundesamt (UBA);
– Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG);
– Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV);
– Berichte kommunaler Feuerwehren und Rettungsdienste;
– Europäische Vergleichsdaten zu Feuerwerksregulierungen.
