„Ich warte auf den Stellungsbefehl…Es ist Zeit.“ Erinnerungen an den Suizid des Schriftstellers Sandor Marai

frau mysteriös feld road wiese reisender. Quelle: Victoria_Borodinova, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Sandor Marai (1900 – 1989) ist wohl der berühmteste Schriftsteller Ungarns im 20. Jahrhundert. Er war 62 Jahre lang mit einer jüdischen Frau verheiratet und lebte fast die Hälfte seines Lebens im Exil. Die Gründe für sein Exil waren vielschichtig. Mit Ungarn, dem Land seiner Geburt und Muttersprache hatte er es meist schwer. Zur Zeit des Hitler-Regimes musste er Angst vor Verfolgung durch die Nazis wegen seiner jüdischen Frau haben. Nach dem zweiten Weltkrieg war er als Kritiker des Kommunismus unerwünscht oder gefährdet. Also blieb nur das Exil, in dem er bis zum Lebensende blieb. Marai hatte deutsche Wurzeln und sprach sehr gut deutsch. Seine Großeltern stammten aus Sachsen. Mit ihnen sprach er deutsch. Mit den eigenen Eltern sprach er ungarisch. In Deutschland lebte er etwa vier Jahre lang und in Berlin lernte er seine Ehefrau kennen. Er schrieb jahrelang für die „Frankfurter Zeitung“ und studierte an der Universität Leipzig Journalistik, ohne dieses Studium jedoch abzuschließen. Nach Klaus Harpprecht erschienen in den Jahren 1931 bis 1978 immerhin 22 Bücher in deutscher Übersetzung (Harpprecht 2016). Der große Durchbruch und Erfolg in Deutschland war jedoch posthum im Jahr 1998, als im Piper Verlag eine Wiederveröffentlichung seines Romans „Die Glut“ erschien, die schnell zum Besteller wurde. Bereits im ersten Jahr wurden mehr als 200.000 Exemplare verkauft. Im Alter von 86 Jahren starben seine Ehefrau und sein Adoptivsohn. Diese Verlusterfahrungen und die zunehmende Einsamkeit veranlassten ihn, sich eine Pistole zu kaufen und Schießübungen zu machen. Den Stellungsbefehl für den letzten Kampf und den finalen Kopfschuss gab er sich selbst.

Kurzes biografisches Porträt 

Sandor Marai wurde am 11. April 1900 in Kaschau geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte und heute eine Grenzstadt der Slowakei ist. Sein Vater war ein angesehener Advokat, seine Mutter war Lehrerin. Durch den Ersten Weltkrieg gab es in seiner Heimatregion erhebliche territoriale Veränderungen. Er war kurze Zeit in Budapest und dann vier Jahre in Deutschland (1919 bis 1923). In Leipzig studierte er Journalistik und wurde Reporter der „Frankfurter Zeitung“. In Berlin lernte er seine Ehefrau Ilona Matzner (genannt Lola) kennen, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammte. Er heiratete sie bald und führte mit ihr bis zu ihrem Tod eine 62 Jahre dauernde Ehe. Das junge Paar ging dann für etwa fünf Jahre nach Frankreich und lebte überwiegend in Paris. Dort lernte er zahlreiche Künstler und Schriftsteller persönlich kennen und las die großen und berühmten Romane französischer und deutscher Schriftsteller. Im Jahr 1928 kehrte er wieder nach Ungarn zurück. In den folgenden Jahren bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war er besonders kreativ und schrieb die wichtigsten seiner Werke. Im Jahr 1934 erschien sein Roman „Bekenntnisse eines Bürgers“ und 1940 „Die Glut“. Marai schrieb seine Bücher in seiner Muttersprache Ungarisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied sich Marai angesichts seiner kritischen Haltung zum Kommunismus für das Exil. Das Exil dauerte schließlich 41 Jahre und führte ihn über die Schweiz nach Italien und in die USA. Fünfzehn Jahre verbrachte er in New York und neun Jahre in Kalifornien (San Diego), wo sein Adoptivsohn Janos lebte. Seine Ehefrau Lola erkrankte unheilbar an Krebs und starb im Januar 1986. Etwa ein Jahr später starb unerwartet sein Adoptivsohn Janos im Alter von 46 Jahren. Diese Beziehungsverluste und seine zunehmende Einsamkeit bewegten ihn zur Entscheidung für einen Suizid.

Literarisches Ouevre

In allen Literaturgattungen hat Sandor Marai erfolgreich geschrieben. Mit 18 Jahren schrieb er seinen ersten Gedichtband. Viele seiner Werke sind noch nicht in die deutsche Sprache übersetzt, aber immerhin 23 seiner Bücher liegen deutsch vor. Posthum sind vor allem die umfangreichen Tagebücher erschienen (sieben Bände im Oberbaum Verlag Berlin). Der 1940 geschriebene Bestsellerroman „Die Glut“ erschien erstmals in deutscher Sprache im Jahr 1950 unter dem Titel „Die Kerzen brennen ab“. Die Neuübersetzung im Piper-Verlag aus dem Jahr 1998 war ein riesiger Erfolg und machte Sandor Marai in Deutschland bekannt. Im Jahr 2002 folgte ebenfalls bei Piper der Roman „Vermächtnis der Eszter“, schließlich „Die Eifersüchtigen“ und „Wandlungen einer Ehe“. Bereits diese Titel weisen darauf hin, dass Sandor Marai hervorragende Liebes- und Beziehungsromane schrieb.

Die letzten fünf Jahre in den „Tagebüchern“

Sandor Marai hat von 1943 bis 1989 regelmäßig Tagebuchaufzeichnungen gemacht. Im ungarischen Original umfassen die Tagebücher insgesamt 3.000 Druckseiten. In der deutschen Übersetzung liegen im Berliner Oberbaum Verlag  sieben Bände der Tagebücher vor. Der letzte Band bezieht sich auf die Jahre 1984 bis 1989. Hauptthemen in diesem Band sind die Krebserkrankung und Erblindung seiner Ehefrau Lola, die schließlich am 4. Januar 1986 stirbt. Es folgen weitere Todes- und Verlusterfahrungen. Sein jüngerer Bruder und sein Adoptivsohn Janos sterben. Er wird immer einsamer um ihn herum. Er schreibt im Tagebuch, das er einen vergleichbaren „demütigenden Niedergang“ wie den seiner Ehefrau Lola nicht erleben will. Er spricht von Krankenhäusern und Altenheimen als „institutionelle Müllkippen“. Er schreibt weiterhin, dass er durch einen Suizid dem Niedergang zuvorkommen will. Er kauft sich eine Pistole und kommentiert dies im Tagebuch mit den Worten: „Immer gut, eine zu haben.“ Der Tod und die Frage „Wie werde ich wohl sterben“ werden zu wiederkehrenden Themen:

„Im Kaufhaus des Todes veranstalten die Kunden auf den Korridoren einen Rollstuhlwettkampf. Manche Leichen haben sich herausgeputzt. Alles lieber, nur das nicht, diesen Konsumtod.“

Oder:

„Die Wissenschaft hat die Lebenszeit verlängert. Aber das Lebensgefühl hält nicht mit der verlängerten Lebenszeit schritt. Wenn jemand noch über achtzig hier ist, dann ist die ehe vegetatives Existieren als Leben; so einer lebt nicht mehr auf etwas hin, er lebt einfach nur.“

(Sandor Marai, Tagebücher 1984 – 1989)

Seine persönliche Antwort auf diese Fragen und Überlegungen hat er am 22. Februar 1989 gegeben. Mit seiner Pistole.

Literatur:

Harpprecht, Klaus (2016) Die Auferstehung des Sandor Marai. Die Zeit vom 9. März 2016

Marai, Sandor (1998) Die Glut. Piper, München

Marai, Sandor (2001) Tagebücher, 7 Bände, Oberbaum Verlag, Berlin

Marai, Sandor (2003) Das Vermächtnis der Eszter. Piper, München

Marai, Sandor (2003) Wandlungen einer Ehe. Piper, München

Traub, Rainer (2000) Der glückliche Pessimist. Spiegel Nr. 52/2000, S. 204 – 206

Zeltner, Ernö (2001) Sandor Marai. Ein Leben in Bildern. Piper, München

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Email: herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.