Ich traute meinen Augen nicht, als ich am 16. Januar die einstige SED-Zeitung „Neues Deutschland“ aufschlug. Auf zwei vollen Seiten konnte man dort einen Aufsatz des Historikers Dr. Henning Fischer von der Humboldt-Universität zu Berlin lesen, der die bemerkenswerte Überschrift trug „Als der Arbeiterstaat seine Arbeiterklasse zerschlug“.
Hatten nicht die DDR-Historiker 72 Jahre lang bestritten, dass der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 tatsächlich einer gewesen ist? Die wirklichkeitsferne These vom „konterrevolutionären“ oder auch „faschistischen Putschversuch“, die in den Wochen danach von DDR-Zeitungen und später von SED-Historikern verbreitet wurde, schuf die ideologische Grundlage für den Rachefeldzug der DDR-Regierung gegen die Bevölkerung. Nach der Verhängung des Ausnahmezustands durch die Besatzungstruppen, der bis 11. Juli 1953 anhielt, wurden 20 Rotarmisten, die sich geweigert hatten, auf die Aufständischen zu schießen, selbst erschossen. Außerdem verhängten sowjetrussische Standgerichte 19 Todesurteile. Während des Aufstands wurden 34 Demonstranten erschossen, sieben wurden von DDR-Gerichten zum Tode verurteilt, vier starben in Untersuchungshaft, vier begingen Selbstmord. Hunderte von Aufständischen verschwanden in sibirischen Zwangsarbeitslagern. Im Zuchthaus Waldheim, wo ich 1962/64 inhaftiert war, traf ich den Bitterfelder Streikführer Paul Othma (1905-1969), der zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt war. Von der Anstaltsleitung wurde er mehrmals aufgefordert, einzugestehen, dass er 1953 ein „Verbrechen“ begangen hätte. Er aber blieb standhaft und wurde erst ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Strafe entlassen.
Aus offizieller DDR-Sicht hätten die streikenden Bauarbeiter der Ostberliner Stalinallee, wo der Aufstand am Morgen des 17. Juni losbrach, überhaupt nicht gegen die DDR-Regierung protestieren dürfen, da diese Regierung angeblich selbst aus lauter Arbeitern bestand. Aber sie wären „aufgehetzt“ worden von Westberliner Agenten, die „staatsfeindliche Losungen“ verbreitet hätten, und vom amerikanischen „Hetzsender“ RIAS in Berlin-Schöneberg. Mit diesem Wortgeklingel wurden die streikenden Arbeiter abgespeist, was ihre Wut nur noch steigerte!
Das einzige Buch, das sich auf DDR-Seite mit dem Aufstand auseinandersetzte, wurde erst nach dem Untergang des SED-Staates 1989/90 geschrieben. Es stammt von Hans Bentzien (1927-2015), dem einstigen DDR-Minister für Kultur 1961/66, und trug den Titel „Was geschah am 17. Juni?“ (2003). Es erschien zum 50. Jahrestag des Aufstands, trug aber kaum zur Aufhellung des Geschehenen bei. Der Roman „Fünf Tage im Juni“ des DDR-Schriftstellers Stefan Heym (1913-2001) erschien 1974 nur in München und wurde, weil er den Aufstand nicht als „Konterrevolution“ verleumdete, von keinem DDR-Verlag gedruckt. Und dann gab es noch die von Stephan Hermlin (1915-1997) verfasste Erzählung „Die Kommandeuse“ (1954), die den Kampf der Arbeiter um bessere Lebensbedingungen als ein von Ex-Nazis geführtes Unternehmen verunglimpfte. Es geht um eine authentische Gestalt der deutschen Zeitgeschichte nach 1945, die Erna Dorn (1913-1953) hieß, aus Ostpreußen stammte und im fiktiven Text „Hedwig Weber“ genannt wird. Sie war am 21. Mai 1953, als einstige KZ-Aufseherin in Ravensbrück, vom Bezirksgericht Halle zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden, wurde am 17. Juni 1953 befreit, weil die Aufständischen wahllos Zellentüren öffneten, wurde aber erneut verhaftet und am 1. Oktober 1953 in Dresden enthauptet. Ihre Biografie diente Stephan Hermlin als Vorlage, den Arbeiteraufstand zu denunzieren.
Der Aufsatz Henning Fischers ist ein erster, ein zaghafter Versuch, sich in wissenschaftlicher Distanz dem Geschehen des 17. Juni 1953 anzunähern. Dass der Aufstand von 1953 auch wirklich gemeint ist, auch wenn es „nur“ um Berliner Gewerkschaftsgeschichte 1945- 1953 geht, das zeigen der Titel und das Foto im Text, auf dem fahnenschwingende Arbeiter zu sehen sind, die durch das Brandenburger Tor nach Westberlin marschieren.
