Kulturquartier von europäischem Rang

Die Paternosterkette besteht aus sieben hölzernen Totenköpfen, jeder von ihnen kaum größer als eine Fingerkuppe. Die Schädel sind aufklappbar und enthalten zu beiden Seiten jeweils eine kunstvoll geschnitzte und mit Kolibrifedern hinterlegte Darstellung einer im Neuen Testament beschriebenen Szene aus dem Leben Jesu. „Memento mori“ ruft die ungewöhnlich inszenierte Kette dem Beter zu, und „memento mori“ ist denn auch der gesamte Raum überschrieben, in dem das um 1580 in Mexiko gefertigte Exponat ausgestellt ist. Auf dem kleinen steinernen Altar liegt ein üppiges Antiphonar aus dem 16. Jahrhundert, und in den wirkungsvoll ausgeleuchteten Vitrinen finden sich weitere Exponate, die an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens, meist mit Bezug zur Passionsgeschichte Christi, erinnern. Die Krypta der ehemaligen Kirche St. Cäcilien ist einem der wichtigsten Themen der mittelalterlichen Kunst, eben der Vergänglichkeit, gewidmet. Nur wenige Stufen sind es, die die Besucher von hier zurück in den herrlichen weiten Raum der ehemaligen Damenstiftskirche führen. In den Seitenschiffen beherrschen die unterschiedlichsten Kunstgegenstände mit Darstellungen der Gottesmutter, Jesu Christi, von Heiligen und Propheten oder Bilder biblischer Motive und Geschichten die Szenerie. Eine auf einem hölzernen Wagen im Mittelschiff aufgestellte Skulptur zeigt den auf einem Esel reitenden Gottessohn. Sie ist der Apsis zugewandt. Diese wird rechts und links durch schlichtes Chorgestühl umrahmt. In ihrer Mitte liegt vor dem Hintergrund einer „Goldenen Tafel“ aus der Kirche St. Ursula der edle Einband eines karolingischen Evangeliars, und von der Decke herab hängt ein triumphales Kreuz, das durch die Umrahmung mit dem romanischen Bogen der Apsis noch wirkungsvoller zur Geltung kommt. Es sind beeindruckende Objektbeziehungen, Perspektiven und Gefühle, die sich im neuen Museum Schnütgen den Besuchern erschließen.
Dieses Museum befindet sich zwar schon seit 1956 in der romanischen Kirche St. Cäcilien in der Kölner Innenstadt. Doch nun ist das ehemalige Gotteshaus mit seiner außergewöhnlichen Sammlung von Kunst des Mittelalters zusammen mit dem benachbarten neuen „Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt“ nach mehrjähriger Umbauzeit wieder eröffnet worden. Ein wunderbares Geschenk zum 100. Geburtstag, denn 1910 war das Museum gegründet worden, nachdem der einstige Domkapitular Alexander Schnütgen (1843 bis 1916) seine opulente Sammlung der Stadt Köln gestiftet hatte. Über 13000 bedeutende Objekte von internationalem Rang aus acht Jahrhunderten umfasst der Bestand der renommierten Einrichtung, von denen nun etwa 2000 auf der erweiterten Ausstellungsfläche ausgestellt werden können. Das Museum gilt als einer der weltweit wichtigsten Orte für die Erforschung des Mittelalters und seiner Kunst.
Dazu gehören kostbare Arbeiten aus Bronze, Gold und Elfenbein, feine Stein- und Holzskulpturen, detailreiche Handschriften, Textilien und Glasmalereien, die nicht nur aufschlussreich beschrieben und erklärt werden, sondern thematisch geordnet und mit Hintergrundinformationen, beispielsweise über ihre Auftraggeber, ihre Bedeutung und Nutzung und Geschichten aufwarten. Besonders eindrucksvoll lässt sich das etwa in der Schatzkammer erleben. Als Hort der Tradition und damit so etwas wie ein Vorläufer musealer Einrichtungen wird die Schatzkammer auf einer Tafel am Eingang den Besuchern erklärt. Es sind wertvolle fromme Stiftungen und Dankesgaben, die hier ausgestellt werden und die seinerzeit gefertigt wurden, um den Gottesdienst und die Liturgie äußerlich noch prächtiger zu gestalten: Kelche, Monstranzen, Reliquiare, Bischofsstäbe.
Der Innenraum der ehemaligen Basilika ist weiterhin das Herzstück des Museums, doch um dorthin zu gelangen, gehen die Besucher nun durch einen Erweiterungsbau. Hier werden eindrucksvoll Steinskulpturen und Glasmalereien, etwa die aus der ehemaligen Abtei Altenberg, inszeniert. Grandios ist auch die Wirkung, wenn die Kirchenfenster nach außen auf die stark frequentierte Straße vor dem Museumskomplex strahlen. Manches ließe sich allerdings nicht nur in diesem Raum dabei möglicherweise noch etwas zurückhaltener gestalten. Die bewegende Steinskulptur von 1680 „Christus an der Geißelsäule“ zum Beispiel kann ihre Wirkung kaum entfalten, weil sie eher wie ein Dekorationsobjekt eine Lücke füllt, die nicht unbedingt gefüllt hätte werden müssen. Zwischen Erweiterungsbau und Kirchengebäude befindet sich der sanierte Bibliotheksbau, in dem bei gedämpften Licht hochempfindliche Textilien und kostbare Handschriften ausgestellt werden – etwa die Kasel, die um das Jahr 1000 entstanden ist und seinerzeit vom damaligen Kölner Erzbischof Anno getragen wurde. Im Bibliotheksraum können in Faksimiles durch Stundenbücher geblättert sowie in den über 50 Schubladen so manch überraschende Kostbarkeit entdeckt werden. Zu den vielen Glücksmomenten, die in der Auseinandersetzung mit diesem Bau und seiner Kunst entstehen, gehört auch der Cäciliengarten. Hier sollen in vier quadratischen Beeten bald Pflanzen und Kräuter sprießen, denen im Mittelalter eine besondere Bedeutung zuteil wurde – eine kleine Oase inmitten des weitläufigen Museumsquartiers.
„Gerade die Verbindung der ,Kulturen der Welt’ mit der christlichen Kunst, die Europa bis heute maßgeblich geprägt hat, macht dieses neue Haus zu einem besonderen Spiegel der Gesellschaft“, sagte Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters bei der Eröffnung des gewaltigen Museumskomplexes. Ob er tatsächlich bewusst auf das Attribut ,multikulturell‘ als Zusatz bei ,Gesellschaft‘, wie in seinem Redemanuskript eigentlich vermerkt, verzichtete? Wie auch immer: Die Begegnung mit der Kunst und auch Glaubenswelt des Mittelalters steht in einem spannenden Dialog mit den „Kulturen der Welt“.
Ein riesiges Foyer, in das ein Reisspeicher aus Indonesien sozusagen als Wahrzeichen des Hauses aufgebaut worden ist, bildet den gemeinsamen Zugang zum Museum Schnütgen sowie zum Völkerkundemuseum, das nun als Reminiszenz an eine übersensible politische Korrektheit „Kulturen der Welt“ genannt wird. Denn es ist nun einmal ein ethnologisches Museum, und Ethnologie ist nichts anderes als das wissenschaftliche Synonym für Völkerkunde. Hier geht es um die Begegnung mit den Kulturen verschiedenster Völker, deren Lebensweisen, Alltag, Riten und Regeln, Spiritualität und Religion – so wie es auch denNamensgebern Wilhelm Joest sowie Adele und Eugen Rautenstrauch vorschwebte, als sie vor über 100 Jahren die Stadt Köln mit der damals 3500 Exponate umfassenden Sammlung mit Objekten aus allen Teilen der Welt sowie der Finanzierung eines Museums hierfür bedachten. Heute nun wurde dafür ein zeitgemäßes Konzept umgesetzt, das sich nicht mehr – wie in vielen anderen Museen dieser Art – von Kontinent zu Kontinent hangelt, sondern in sogenannten Raumbildern existenzielle Themen aufgreift: Wohnen, Kleidung, Kunst und Alltag, Leben und Sterben wird als Kulturvergleich, auch mit Bezug auf unsere eigene Kultur, dargestellt und soll so auch in der Museumspädagogik seinen Niederschlag finden. „Der Mensch und seine Welten“ ist der Rundgang durch die – an vielen Stellen allerdings etwas allzu intensiv mit multimedialen Effekten ausgestatte – außergewöhnliche ethnologische Sammlung mit inzwischen über 60000 Objekten auf 3600 Quadratmetern Fläche benannt.
Vier Jahre hat es gedauert, um dieses Kulturquartier von europäischer Bedeutung zu realisieren. Insgesamt rund 66 Millionen Euro wurden in den zurückliegenden 13 Jahren an Planungs- und Baukosten investiert. Zwischenzeitlich drohte das Projekt zu scheitern, weil es im übertragenen Sinne in der Baugrube zu versinken drohte, die zur Errichtung gegraben worden war. So klaffte zwei Jahre lang die stillstehende Baustelle als Symbol für die schwierige Haushaltslage der Kommune und ihre wenig erfolgreiche Kulturpolitik wie eine offene Wunde in der Domstadt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wertete denn auch die Eröffnung des Doppelmuseums als „wichtiges Signal für den Stellenwert der Kultur in Nordrhein-Westfalen“. Das ist sicherlich schön gesagt. Da die SPD-Politikerin aber erst seit einigen Monaten amtiert, wird es sich freilich erst noch erweisen, welchen Stellenwert die Kultur unter dieser Landesregierung im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland tatsächlich einnehmen wird.

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