Neuer Büstenstreit um den Philosophen Jakob Friedrich Fries in Jena – Der verhüllte Philosoph

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In Jena ist ein „neuer Büstenstreit“ entbrannt. Nachdem im Jahre 1992 die von Will Lammert geschaffene Büste von Karl Marx vom Fürstengraben entfernt wurde, droht dieses Schicksal auch der im Hörsaal Z1 des Philosophischen Instituts in der Zwätzengasse 12 befindlichen Büste von Jakob Friedrich Fries (1773-1843). Doch wieso verhüllen wir Bildnisse? Was könnte uns veranlassen, die Büste eines Philosophen zu entfernen? Wie sollten wir mit dem Bildnis eines Philosophen umgehen, der einerseits zu den philosophischen Feingeistern seiner Zeit gehörte, von dem wir uns aber zugleich wegen einiger seiner polemischen Äußerungen absolut distanzieren?

Prolog

Die im Hörsaal Z1 des Philosophischen Instituts in der Zwätzengasse 12 befindliche, neben die Büsten von Fichte, Schelling, Hegel und Frege platzierte Büste von Jakob Friedrich Fries (1773-1843) ist seit Beginn des Wintersemesters 2019/20 verhüllt. Ausgangpunkt der Auseinandersetzung war die 1816 von Fries veröffentlichte polemische Schrift mit dem Titel „Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden“. Die Schrift enthält bösartige Ausfälle gegen die Juden. Damit entbrannte in Jena erneut ein „Büstenstreit“.

Der „erste Jenaer Büstenstreit“ datiert zurück auf das Jahr 1992. So stand bis März 1992 vor dem Hauptgebäude der Universität am Fürstengraben die von Will Lammert geschaffene Büste von Karl Marx. Marx, der damals Student in Berlin war, promovierte „in absentia“ mit einer Dissertation zur antiken Philosophiegeschichte: „Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ in Jena. Nach zahlreichen Diskussionen wurde diese schließlich entfernt.

Die Argumente für die Entfernung der Fries-Büste wurden nicht minder heftig vorgetragen. Um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen, las jemand mehrfach die besonders schockierenden und irritierenden Stellen aus der Schrift von Fries vor, was mich an die Polemik gegen die sogenannten „bürgerlichen Philosophen“ in den Ideologie-Seminaren der damaligen DDR erinnert.

Verhüllung und „Ikonoklasmus“

Die Verhüllung ist zweifelsfrei eine gängige Form in der Kunst. Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude, die durch populäre Arbeiten wie z. B. „Pont Neuf“ und „Verhüllter Reichstag“ bekannt wurden, brachten sogar den Begriff der Verpackungs- und Verhüllungskunst ins Spiel. Verhüllungen kommen aber auch in religiösen Ritualen oder in Form eines Schleiers oder Vorhanges vor, um die Darstellung von etwas Undarstellbarem auszudrücken. Etwas, das kurzzeitig unserem Blick entzogen wird, erregt Aufmerksamkeit, lenkt den Fokus auf sich und erweckt das Interesse, mehr zu erfahren. Verhüllung ist quasi eine Aufforderung, sich mit dem Verborgenen zu beschäftigen. Etwas, das verhüllt ist, ist präsent, seine Präsenz wirkt auch nach dem Verhüllen fort.

Von völlig anderer Natur ist ein „Ikonoklasmus“, zu dem auch das Entfernen von Bildnissen gehört. Er ging einher mit der Durchsetzung des Monotheismus durch Zerstörung von Bildnissen „falscher Götter“. In Form des reformatorischen Bildersturms war er im 16. Jahrhundert eine Begleiterscheinung der Reformation. Reformatoren wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin setzten sich für ein grundsätzliches Bilderverbot ein. Im „liturgischen Götzendienst“ und in der Verwendung von Bildern sahen die Reformatoren eine sinnliche Ablenkung von der Frömmigkeit. Goethe erkannte die Intention dahinter: Die Bilderstürmer wollten nur einen neuen Glauben predigen. Damit nimmt der Ikonoklasmus die Form einer restriktiven Ideologie an. Der Ikonoklasmus regt nicht zur Beschäftigung mit den Bildnissen an, sondern schneidet den Diskurs ab, indem er die Bildnisse komplett dem Blick entzieht.

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Zur Biografie von Jakob Friedrich Fries

Jakob Friedrich Fries gilt als ein Philosoph mit großer Vielseitigkeit. Er beschäftigte sich mit Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Sinnesphysiologie, Psychologie und Medizin (vgl. König 1982, 126). Er ist als treuer, aber kritischer Kantianer zu sehen, der um eine Fortführung und Umarbeitung der kantischen Lehre bemüht war. Die anthropologische (empirisch-psychologische) Grundlegung der Transzendentalphilosophie steht im Zentrum seiner Erkenntnislehre eine. Scharf grenzt er sich gegen die idealistischen Systeme (v. a. Fichtes, Hegels, Schellings) ab (Pulte 1999, 524).

Fries wird am 23. August 1773 in Barby an der Elbe geboren. Er besuchte die pietistischen Lehranstalten in Niesky bzw. Barby. Im Jahre 1800 kommt er als Dozent nach Jena und habilitiert sich 1801. Danach wird er 1805 als ordentlicher Professor für Philosophie nach Heidelberg berufen, wo 1807 seine „Neue Kritik der Vernunft“ erscheint.

Im Jahre 1816 kehrt er nach Jena zurück und besetzt die dortige Professur für Logik und Metaphysik. Ursprünglich will Fries nicht am Wartburgfest 1817 teilnehmen, entschließt sich, wie auch seine Kollegen Christian Wilhelm Schweitzer, Lorenz Oken und Dietrich Georg von Kieser, letztendlich aber doch dazu – u. a. wegen der sogenannten Bücherverbrennung ist er dem Demagogenverdacht ausgesetzt.

Im November 1819 erfolgt die Suspendierung vom Dienst. Maßgeblich hierfür war sein sogenanntes „Politisches Glaubensbekenntnis“, das auch antijudaische Äußerungen enthält (Hubmann 1997, 71). Schließlich wird 1824 Fries in der Nachfolge von Johann Heinrich Voigt eine Professur für Physik und Mathematik (König et al. 1970, V) angeboten. Erst später darf er unter Einschränkungen wieder Philosophie lehren. Auf die Philosophieentwicklung seiner Zeit kann Fries jedoch kaum noch Einfluss ausüben. Er stirbt am 10. August 1843.

Philosophie contra Antijudaismus bei Jakob Friedrich Fries

Empirische Psychologie ist für Fries ein Hilfsmittel zur Klärung des Vernunftvermögens. Am metaphysischen Charakter der Begriffe, mit denen das Erkenntnisvermögen zu beschreiben ist, hält er fest. Diese metaphysischen Grundurteile seien zwar subjektive Wahrheiten, aber das Wahrheitsgefühl lege uns nahe, diesen einen objektiven (also transzendentalen) Charakter zuzuschreiben (Pulte 1999, 526). Damit wird die Vernunftkritik zum Teil der empirischen Psychologie.

Im Unterschied zu Kant stellt Fries seine Ethik nicht in einer separaten Kritik der praktischen Vernunft dar, sondern im dritten Band seiner „Neuen oder anthropologischen Kritik der Vernunft“. Kants kategorischen Imperativ erachtet Fries für falsch. Es müsse vielmehr von der Würde der Menschheit ausgegangen werden. Sein Sittengesetz ist material bestimmt: „Jedes vernünftige Wesen hat den absoluten Wert der persönlichen Würde“ (Fries, Ethik 156). Daraus ergibt sich das inhaltlich bestimmte Moralgebot, dass bei allen Handlungen die Würde des Menschen als absoluter Wert zu respektieren ist.

Fries’ Erfolg bei seinen Studenten sowie in der Burschenschaft erklärt sich auch dadurch, dass seine Ethik keine abstrakte Moralphilosophie ist, vielmehr wird mit wissenschaftlichem Begründungsanspruch eine private und öffentliche Moral entwickelt, die ein konkretes normatives Orientierungswissen bietet (Hubmann 1997, 98). So finden sich die Fries’schen Gedanken in den Arbeiten des Fries-Schülers und Burschenschaftlers Karl Follen wieder.

Fries’ Ausfälle gegen Juden stehen zu seiner Moralphilosophie im Kontrast, sind schwer zu erklären und lassen sich in keiner Weise verständlich machen (Hubmann 1997, 184; König 1987, 524–527; Bergmann 2013, 43). Eine Wurzel ist sein Nationenverständnis, das Nation als ein kulturell homogenes Volk begreift. Alle Menschen einer Nation sollten gleich im Hinblick auf Sprache, Religion und ethnische Herkunft sein (Beiser 2014, 63). Nach seiner Ansicht fallen die Juden aus diesem Muster heraus (Hubmann 1997, 178). Die Bürgerrechte sind für Fries gekoppelt an die Zugehörigkeit zum deutschen Volk, das als Sitten-, Abstammungs- und Sprachgemeinschaft gilt. Die Juden, die über eine eigene Kultur, Religion und ein eigenes Verständnis als Volk verfügen und ein Staat im Staate seien, können, Fries zufolge, nicht zugleich Bürger eines deutschen Staates sein. Zudem seien Juden keine Christen, und nur das christliche Leben sei wahrhaft sittlich. Deshalb könnten sie auch kein wahrhaft sittliches Leben führen. Allerdings tritt Fries für gemischte Ehen ein, um die als Fremde bezeichneten Juden aufzunehmen. Es geht ihm im Kern um die integrative Aufhebung der jüdischen Gemeinschaft, indem er auf die „völlige Assimilation der Juden an das deutsche Volkstum und die christliche Sittlichkeit“ (Hubmann 1997, 189) drängt.

Zur Wirkung und Aktualität von Jakob Friedrich Fries

Die Rezeption der Philosophie von Fries erfolgte im Rahmen zweier Schulbildungen. Besonders große Wertschätzung erfuhr Fries, der sich selbst intensiv mit Naturwissenschaften und der Mathematik beschäftigte, eben auch bei Naturwissenschaftlern und Mathematikern. Etliche der Anhänger der (ersten) Fries’schen Schule verfügen über einen naturwissenschaftlichen bzw. mathematischen Hintergrund. Es waren u. a. der Anspruch auf die Wissenschaftlichkeit der Philosophie und die mathematische Strenge des Philosophierens, die später durch Nelson (im Rahmen einer zweiten Schulbildung) Beachtung fanden. Auch etliche von Nelsons Anhängern verfügten über eine naturwissenschaftlich-mathematische Ausbildung.

Nelsons selbst und auch einige seiner Anhänger hatten einen jüdischen Hintergrund. So war Nelsons Vater ein jüdischer Rechtsanwalt, der weitverzweigte Kontakte im Berliner Kultur- und Geistesleben jener Zeit besaß. Zu den Mitstreitern von Nelson gehörten u. a. Artur Kronfeld, der Sohn eines jüdischen Kantors war, aber auch Franz Oppenheimer, der als drittes Kind der Lehrerin Antonie Oppenheimer und des Rabbiners der jüdischen Reformgemeinde Berlin, Julius Oppenheimer, geboren wurde.

Nach 1918 wirkte Nelsons Philosophie vor allem durch ihre praktische Umsetzung: so etwa durch politische Organisationen wie den von Nelson und Minna Specht 1917 ins Leben gerufenen Internationalen Jugendbund (IJB) und den Anfang 1926 gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), bei dem es um den Widerstand gegen Nationalsozialismus ging. In Willi Eichlers Konzeption des Godesberger Programms der SPD von 1959 zeichnet sich der Hintergrund der Philosophie von Nelson ab.

Epilog

Die Verhüllung der Büste von Fries ist absolut nachvollziehbar. Wichtig scheint es mir, die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das einer weiteren Bearbeitung bedarf. Die antijudaischen und antisemitischen Motive sind leider ein problematisches Muster, das auch bei anderen Denkern der Aufklärung zu finden ist. Eine ähnlich fürchterliche Äußerung lässt sich bei Fichte nachweisen. Aber es gilt, diese Themen mit der gebotenen wissenschaftlichen Objektivität aufzuarbeiten. So schrieb die Philosophisch-Politische Akademie e. V. (PPA) 1997 ein Preisausschreiben aus, um antijudaische und antisemitische Motive von Denkern der Aufklärung zu untersuchen. Die Ergebnisse des Preisausschreibens sind im Sammelband „Gronke, Horst / Meyer, Thomas / Neißer, Barbara (Hg.): Antisemitische und antijudaische Motive bei Denkern der Aufklärung (Münster/Hamburg/Berlin/London 2001)“ zusammengefasst. Im Hinblick auf den Antijudaismus von Fries sind die Arbeiten Gerald Hubmann (1997, 1999, 2001) einschlägig.

Die Ende der 1990er führenden Philosophen am Institut für Philosophie in Jena, G. Gabriel und W. Hogrebe, sahen in Fries dennoch einen großartigen und direkt an Kant anschließenden Denker des 19. Jahrhunderts. Die antijudaischen Motive bei Fries sind nicht wegzudiskutieren, und sie lassen sich m. E. nicht unter Bezug auf den Zeitgeist rechtfertigen. Aber sie stehen eben auch im krassen Gegensatz zu seinen ethischen Lehren.

Dennoch wünsche ich mir, dass die Büste stehen bliebe. Denn das Entfernen von Bildnissen ist zumeist Ausdruck ideologischer Vereinnahmung und ein Zeichen für ein autoritäres Eliminieren ganzer Forschungsrichtungen und für Eingriffe in die Freiheit der Wissenschaft. Aber die Diskussion kann vielleicht anregen, an die Ende der 1990er Jahren begonnenen Studien anzuschließen, um die problematischen Punkte der Aufklärungsphilosophie weiter aufzuarbeiten und zu erforschen.

Literatur

WW = Jakob Friedrich Fries: Sämtliche Schriften. Nach den Ausgaben letzter Hand zusammengestellt von Gert König et al., I–XXIX; XXXI (Personenglossar und Kommentar zu den in WW 27-29 abgedruckten Briefen) im Druck, XXX (Briefe IV), XXXII (Ergänzungsband) und XXXIII (Index) in Vorbereitung (Aalen seit 1967).

Beiser, Frederick Charles: The Genesis of Neo-Kantianism, 1796–1880 (Oxford UK 2014).

Fries, Jakob Friedrich: Handbuch der praktischen Philosophie oder der philosophischen Zwecklehre. Erster Theil. Ethik, oder die Lehren der Lebensweisheit, I [1818], in: WW X.

Bergmann, Werner: Der Schatten der Aufklärung. Antisemitische Ausgrenzungs- und Vernichtungsvorstellungen in Klassik, Romantik und Vormärz 1780 bis 1848, in: Hannes Heer et al. (Hg.): Weltanschauung en marche. Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“ 1876 bis 1945 (Würzburg 2013), S. 37–58.

Hubmann, Gerald: Ethische Überzeugung und politisches Handeln. Jakob Friedrich Fries und die deutsche Tradition der Gesinnungsethik (Heidelberg 1997).

Hubmann, Gerald: Menschenwürde und Antijudaismus. Zur politischen Philosophie von J.F. Fries, in: Hogrebe, Wolfram/Herrmann, Kay (Hg.): Jakob Friedrich Fries. Philosoph, Naturwissenschaftler und Mathematiker (Frankfurt a. M. 1999), S. 141–163.

Hubmann, Gerald: Kontexte antijüdischen Denkens bei Jakob Friedrich Fries und anderen Denkern des deutschen Idealismus, in: Gronke, Horst / Meyer, Thomas / Neißer, Barbara (Hg.): Antisemitische und antijudaische Motive bei Denkern der Aufklärung (Münster/Hamburg/Berlin/London 2001), S. 59–69.

König, Gert et al.: Vorbemerkungen der Herausgeber zum 8. Band, in: WW VIII, V–IX (Aalen 1970).

König, Gert: Einleitung zur Gesamtausgabe, in: WW I, 7–140 (Aalen 1982).

König, Gert: In den Fesseln des Zeitgeists? Jakob Friedrich Fries, der Vorgänger Hegels, in: Friedrich Strack (Hg.): Heidelberg im säkularen Umbruch (Stuttgart 1987), S. 515–527.

Pulte, Helmut: Jakob Friedrich Fries, in: Franco Volpi (Hg.): Großes Werklexikon der Philosophie, I (Stuttgart 1999), S. 524–528.

Gronke, Horst / Meyer, Thomas / Neißer, Barbara (Hg.): Antisemitische und antijudaische Motive bei Denkern der Aufklärung (Münster/Hamburg/Berlin/London 2001).

KOMMENTARE ZUM ARTIKEL

Um es gleich zu sagen, ich kann die Verhüllungsaktion nachvollziehen und sie gibt ja auch noch mal Anlass über die Widersprüchlichkeiten in Fries Werk und Leben nachzudenken. (Wie auch Dein Essay zeigt). Aber ich bin absolut dagegen, dass man die Büste entfernt. Es ist geradezu Mode geworden, historische Gestalten, Dichter und Denker wegen antisemitischer und rassistischer Aussagen und Texte anzuklagen und deren Denkmäler zu zerstören. Man bedenkt dabei nicht, dass Denkmäler auch Mahnmale sein können, die uns an Ungerechtigkeiten und Untaten erinnern und bewusst machen können, wie lange und mühsam der Kampf gegen Hass und Diskriminierung war und ist. M. E. sind das ideologisch, teils fundamentalistische motivierte Aktionen im Namen eines ahistorischen Moralitätsverständnisses. Man muss diese Gestalten innerhalb ihrer historischen Epochen und sozialen Verhältnisse sehen und verstehen. Das entschuldigt natürlich nicht ihre heute abzulehnenden rassistischen und antisemitischen Äußerungen und Taten, aber es entwertet auch nicht alles, was sie sonst als Philosophen, Literaten oder Staatmänner geleistet haben. Wir sollten ihnen gegenüber eine größere Ambiguitätstoleranz aufbringen.
Anders muss man sicher Personen beurteilen, die Menschheitsverbrechen begangen haben, wie z.B. Stalin und Hitler. Herausragende Gestalten in der menschlichen Geschichte sind zu allen Zeiten nicht frei von Widersprüchlichkeiten, und wenn wir all diese Denker und Dichter aus unserer Erinnerung verbannen und deren sonstige Leistungen vergessen wollten, fänden wir vermutlich gar kein Ende mehr. Gerade Philosophen/innen sollten hier differenzierter vorgehen und auch nicht vergessen, dass Antisemitismus und Rassismus weniger durch Symbolhandlungen sondern besser durch entschiedenes Handeln und Widerstand in der Alltagswelt bekämpft werden.

Barbara Neißer


Die Verhüllung der Fries Büste ist m.E. nicht nur nachvollziehbar, sondern auch in Ordnung. Warum? Sie veranlasst uns dazu, unsere Aufmerksamkeit erneut der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Leben und
Lehre, zwischen Praxis und Theorie zuzuwenden. Im Falle von Fries ist das Urteil hier natürlich ‘verheerend‘: Universelle Menschenwürde auf der einen und Judenhetze auf der anderen Seite – das passt wahrlich nicht
zusammen. Fries reiht sich hier Lückenlos in die Ahnengalerie der professionellen Berufsheuchler (ich meine die Moralphilosophen) ein. Neben ihm trifft man dort auch auf Denker wie M. Luther, J.-J. Rousseau oder den im Text erwähnten J.G. Fichte. M.E. richtet sich die Verhüllungsaktion gegen ebendiesen Aspekt: Das Scheitern der
Persönlichkeit eines Philosophen, hier exemplarisch am Beispiel von J.F. Fries. Ich hoffe die Auseinandersetzung in Jena rückt den Fokus stärker auf die – möglicherweise in Vergessenheit geratene – alte kynische Forderung
nach der Einheit von Leben und Lehre. Eine Rückbesinnung auf das antike Konzept der Parrhesia wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls wünschenswert.

Robin Scheller

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Kay Herrmann
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Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Kay Herrmann. Studium der Physik und Forschungsstudium der Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehramt für die Fächer Physik und Mathematik an Oberschulen beim Sächsischen Landesamt für Schule und Bildung, 2011 Habilitation (Privatdozent, venia legendi) im Fach Philosophie an der Technischen Universität Chemnitz, seit 2019 Außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Technischen Universität Chemnitz und seit 2020 Fachausbildungsleiter für Physik an der Lehrerausbildungsstätte des Landesamtes für Schule und Bildung in Chemnitz.