Neues Album von Eythor Arnalds: Music for Walking

Grenzbereich zwischen zeitgenössischer Klassik, Minimalismus und cineastischer Ambientmusik

Eythor Arnalds. Bildquelle: Karim Iliya.
Eythor Arnalds ist ein isländischer Cellist und Komponist, der im weiten Grenzbereich zwischen zeitgenössischer Klassik, Minimalismus und cineastischer Ambientmusik arbeitet. Verwurzelt in der klassischen Aufführungspraxis, zugleich aber geprägt von modernen Hörgewohnheiten, erforscht seine Musik Bewegung, Konzentration und veränderte Bewusstseinszustände. Fans von Max Richter, Ólafur Arnalds, Brian Eno, Nils Frahm und Hildur Guðnadóttir werden sich sofort zuhause fühlen.

Sein neues Album Music for Walking (2026) folgt auf sein Debütalbum The Busy Child (2025) sowie die Live EP String Theory (2025) und führt ein Werk fort, das Musik eher als Umgebung denn als Ereignis versteht. Das Album wurde als Soundtrack fürs Gehen konzipiert und spiegelt Arnalds’ Überzeugung wider, dass Gehen einen besonderen mentalen Fluss erzeugt, einen Rhythmus, in dem sich Ideen entwickeln, Muster entstehen und einfache Themen allmählich komplexer werden. Inspiriert sowohl von persönlichen Erfahrungen als auch von einer breiteren historischen und kulturellen Tradition, von der wandelnden Philosophie des Aristoteles bis hin zu bewegungsbasierten Praktiken wie Tai Chi, versteht Arnalds das Gehen ebenso als Denkweise wie als körperlichen Vorgang.

„Das Leben ist ein Fortschreiten. Es ist eine mentale Reise. In vielerlei Hinsicht ist das Gehen symbolisch für unser Leben. Das Gehen mag ein Ziel haben, aber es trägt seinen Sinn bereits in sich. Die Erfahrung des Gehens lässt unsere Gedanken voranschreiten, wie Samen, die zu einer Pflanze werden.“

Für Arnalds entfaltet sich diese Verbindung zwischen Körper und Geist im Verlauf des Albums als Reise, bei der jedes Stück und jede Single eine andere Phase des Gehens repräsentiert, sowohl körperlich als auch emotional. Die Musik ist nicht als passive Hintergrundbeschallung gedacht, sondern als aktiver Begleiter von Bewegung.

„Ein Fortschreiten, in einem Zustand ohne Worte. Musik zu hören ist eine Form der Meditation, die ich gerne mit Kopfhörern praktiziere, vorzugsweise auf einem Berg in Island. Das Album Music for Walking wurde für genau solche Erfahrungen geschaffen. Keine Worte, reine Musik und das Gehen. Im heutigen Zeitalter sensationsgetriebener Nachrichten und gesellschaftlicher Polarisierung soll es eine Pause von diesem Lärm sein und Wellen von Ruhe und Gelassenheit bringen.“

Die Reise beginnt mit Body of Water, das die ersten Schritte eines Spaziergangs einfängt, ein Gefühl von Offenheit, Zerbrechlichkeit und stiller Hoffnung. Es ist der Moment des Aufbruchs, in dem alles fließend und möglich erscheint. Von dort aus bewegt sich das Album in seine mittleren Passagen mit Stücken wie Opening und Promenade No. 7, in denen sich der Rhythmus im Körper verankert und das Tempo des Gehens deutlicher wird. Hier verbinden sich Wiederholung, Atmung und Bewegung, und die Musik spiegelt den gleichmäßigen Takt des Gehens selbst wider.

„Progression ist ein Stück, das sich um vier sanfte gebrochene Akkorde entfaltet, während die Violine leise klagt. Eine aufsteigende Cellolinie bewegt sich gegen das Ostinato der sanften Arpeggien von Harfe und Klavier nach oben.“

Im Verlauf des Albums spiegelt diese Entwicklung nicht nur den physischen Verlauf eines Spaziergangs wider, sondern auch dessen wechselndes Tempo und innere Landschaft, von Leichtigkeit über Rhythmus bis hin zur Kontemplation. Jedes Stück basiert auf einfachen musikalischen Ideen, die sich weiterentwickeln und ausdehnen und dabei Schritte und Atembewegungen widerspiegeln. Eingespielt wurde das Album live von einigen der führenden klassischen Musiker Islands und in Single Takes in der Harpa Concert Hall aufgenommen.

Die visuelle Dimension von Music for Walking erweitert die mehrdimensionale Klangwelt des Albums und verstärkt dieses Gefühl einer Reise. Der in Reykjavík ansässige bildende Künstler Vikram Pradham, der bereits an The Busy Child mitwirkte, schuf surreal anmutende Bildwelten, die im Süden Islands aufgenommen wurden und eine visuelle Erzählung des Gehens durch wechselnde Landschaften formen. Die kreative Leitung stammt vom Londoner Künstler Oliver James Broughton, während der Filmemacher und Fotograf Karim Illya, Gründer von Kogia, eine breitere ökologische und ethische Perspektive in das Projekt einbringt. In ihrer gemeinsamen Arbeit spielt die raue isländische Natur eine zentrale Rolle. Wechselndes Wetter, weite Landschaften, Gletscher und Momente der Stille spiegeln die emotionalen und körperlichen Konturen des Gehens wider.

Die Musik wurde in Reykjavíks Harpa Concert Hall sowie im Studio des Grammy nominierten Produzenten und Toningenieurs Bergur Þórisson aufgenommen. Sämtliche Kompositionen wurden von Arnalds gemeinsam mit dem Reykjavík Symphony Orchestra geschrieben und aufgeführt, dirigiert vom Deutsche Grammophon Künstler Viktor Orri Árnason. Das Album besteht aus neun „Promenaden“ und einem „Riposo“ für Streicher. Zu den Singles zählen Body of WaterOpeningThe PathPromenade No. 7 und Progression.

„Das sind kurze Spaziergänge, Promenaden … egal, ob ihr über isländische Wanderpfade, geschäftige Straßen der Großstadt geht oder einfach still sitzt und euch von der Musik bewegen lasst.“

Tief mit seiner Heimat verbunden, versteht Arnalds das Album letztlich als Einladung, sich vom täglichen Lärm zu lösen, sich wieder mit Rhythmus und Gedanken zu verbinden und Musik nicht nur als etwas zu erleben, das wir hören, sondern als etwas, mit dem wir uns bewegen.

Music for Walking erschien am 29. Mai 2026 über Alda Music.

Über Autor kein 3787 Artikel
Hier finden Sie viele Texte, die unsere Redaktion für Sie ausgewählt hat. Manche Autoren genießen die Freiheit, ohne Nennung ihres eigenen Namens Debatten anzustoßen.