Sang mit dem ganzen Körper: Countertenor Valer Sabadus

Valer Sabadus in der Aula des Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums Burghausen Foto: Hans Gärnter

Die Jubiläumsfeierlichkeiten zu „50 Jahre Jazzwoche Burghausen“ waren kaum verklungen – da tat sich in der oberbayerischen Stadt mit der Welt längsten Burg ein nächstes klangliches Highlight auf: ein Barock-Abend mit dem ambitionierten Countertenor Valer Sabadus. Weder in der Wacker- noch in der Stadthalle trat er auf – obwohl er beide Säle mit seiner starken, berückenden, wandelbaren, in ungeahnte Höhen und Tiefen führenden Stimme, auf Händen getragen von der bravourösen „L`Accademia Giocosa“, mit Links gefüllt hätte – sondern in der zur gewählten Musik-Epoche perfekt passenden, prachtvoll ausgemalten und stuckierten Aula des Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums.

Mit jugendlicher Frische und dem gewinnenden Charme eines spielfreudigen, stimmtechnisch ausgereiften Jongleurs des barocken Überschwangs schaffte es der 32-Jährige, das 5. Meisterkonzert der Saison 2018/2019 zu einem Höhepunkt der in der 62. Spielzeit laufenden Reihe werden zu lassen: Das verwöhnte, akademisch dominierte Burghausener Publikum lag Valer Sabadus nach zwei Stunden voller Glanzlichter aus dem (Bühnen-)Opus der Granden des 17./18. Jahrhunderts zu Füßen. Der sympathische Sänger konnte nicht anders, als sich mit zwei Zugaben – einer Kostprobe aus Vivaldis „Farnace“ und der Sesto-Arie aus Händels „Giulio Cesare in Egitto“, beide wiederholt aus dem 8-teiligen Programm mit zwei orchestralen Intermezzi – zu bedanken.

In der Tat war die „Farnace“-Arie „Gelido in ogni vena“ Sabadus` Meisterstück, ohne ihm auch nur ein Haar krümmen zu wollen, was die glückliche Auswahl seiner Stücke betrifft, die Telemann (Szene des Honoricus aus „Sieg der Schönheit“; Arie des Titelhelden aus „Flavius Bertaridus“) und Glucks Alceste- und Scitalce-Arie aus den weitgehend unbekannten Opern „Demetrio“ bzw. „La Semiramide Riconosiuta“ einbezog. Der aus Aran/Rumänien stammende, in Landau/Niederbayern aufgewachsene und an der Münchner Theaterakademie August Everding ausgebildete Künstler sprang mühelos vom priesterlichen Italiener zu den weltlichen Deutsch-Barockmeistern und zurück. Freilich unterscheidet sich das da wie dort bearbeitete Material nicht wesentlich – es geht  immer nur um Liebesschmerz, Eifersucht, Rache und die gekränkte Seele. Nur: Allzu rasch mag mancher Zuhörer, ermüdet ob der Gleichförmigkeit in musikalischer Aussage und Form, Lyrisches ohne den perpetuierenden Impetus des Aufgewühltseins ersehnt zu haben, um ruhig werden zu können.

Dem trat der in der Podiumsmitte hinter dem Notenpult Agierende durch konstante Beteiligung am jeweils doch anders „tragischen“, kaum jemals „lustigen“ Hergang des locker und überzeugend Vorgetragenen entgegen: Er sang mit Inbrunst, ganzkörperlich und aus Freude am der barocken Attitüde innewohnenden Gestus des Affekts, begleitet von der gezeigten inneren Beteiligung am Geschehen mit der stets bevorzugten, in der Luft die musikalischen Aufs und Abs nachzeichnenden linken Hand – in allerschönster Einigkeit mit dem demnächst sein 10-jähriges Bestehen feiernden Ensemble. Wohl nicht von ungefähr hat es sich das Adjektiv „giocosa“ zugelegt – ablesbar gewesen  an den beiden Alleingängen mit zwei zügig und packend gebotenen Telemann-Konzerten, wobei sich auch das fraulich zart geblasene Barockfagott einbringen durfte. – Ein Meisterkonzert der Sonderklasse war in Burghausen zu erleben. Und das nicht auf Brettern, die die Welt bedeuten, sondern in der Provinz.  

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.