Ohne Smartphone scheitern so manche Schüler in schriftlichen Prüfungen – wie kürzlich am Robert-Stock-Gymnasium in Hagenow, Mecklenburg-Vorpommern, wo gleich ein ganzes Drittel das Abitur nicht bestanden hat.
Die immer wieder beklagte „Inflation von Bestnoten“ im deutschen Abitur – erst kürzlich vorgetragen von Vertretern des Deutschen Philologenverbandes – dürfte einen nahen liegenden Grund haben: Zunehmend erschleichen sich Schüler Vorpunkte fürs Abitur, indem sie bei schriftlichen Prüfungen im Vorfeld Leistungen erbringen, deren geistige Väter Chat GPT, Gemini und Co heißen, wie Lehrer auf Internetforen berichten. Wobei das Phänomen nahezu alle Schulformen betrifft und sich zunehmend auch in umgekehrter Richtung zeigt: Am Hagenower Robert-Stock-Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern ist in diesem Jahr gleich ein knappes Drittel des Jahrgangs durchs Abitur gefallen, so das Bildungsministerium in Schwerin. Was einem bundesweiten Trend entspricht, bei gleichzeitigem Anstieg der Noten mit einer eins vor dem Komma.
Strengere Kontrollen
Die Ursache für das bemerkenswerte Ereignis in Hagenow gilt in Schülerschaft und Kollegium als offenes Geheimnis: Die Aufsicht führenden Lehrer hatten offenbar strenger als sonst darauf geachtet, dass während der schriftlichen Prüfungen keine digitalen Endgeräte verwendet wurden; was für so manche der erfolgsverwöhnten Abiturienten ein regelrechter Kulturschock gewesen sein dürfte. Dass sie nun einmal nur mit Papier, Lineal und Stiften bewaffnet, über fünf und mehr Stunden Aufgaben von einem vor ihnen liegenden Blatt bearbeiten sollten. Und ihnen dabei niemand, auch nicht das geliebte Handy die nötigen Antworten geliefert hat. In Sachsen wird allein schon das Mitführen eines digitalen Endgeräts in der Tasche während der Prüfung als Täuschungsversuch gewertet und mit einem automatischen „durchgefallen“ geahndet, so Sebastian Roscher, kommissarischer Leiter am Internationalen Gymnasium in Geithain.
Attacke gegen Lehrer
In einer wüsten Beschimpfungsrede machte eine der – nach Angaben des Bildungsministeriums – in Hagenow durchgefallenen Abiturientinnen ihrem Ärger Luft, indem sie Lehrkräften pädagogisches und fachliches „Versagen“ unterstellte; zudem „häufige Lehrerwechsel“, veraltete Unterrichtsmaterialien und eine aus ihrer Sicht „unzureichende Vorbereitung auf die Abiturprüfungen“. Videoausschnitte der Rede verbreiteten sich anschließend in sozialen Netzwerken und sorgten bundesweit für Aufmerksamkeit. „Für die Qualifikationsphase des diesjährigen Abiturjahrgangs ist festzustellen, dass in den Fächern Mathematik, Deutsch und Geschichte kein Lehrerkräftewechsel stattgefunden hat. Zeitweise kurz- und langfristige Krankheitsausfälle an der Schule wurden durch organisatorische und personelle Maßnahmen aufgefangen“, so Marie Zepplin, Pressereferentin im Schweriner Bildungsministeriums.
„Digitale Welt“
Indes wäre es falsch, Schülerinnen und Schülern den Rückgriff auf digitale Endgeräte generell zu verübeln. Denn seit Jahren singen Politiker, Bildungsvertreter und ja auch die Medien landauf landab das Lied von der „schleppend vorangehenden“ Digitalisierung, ohne zu erkennen, welche negativen, ja teils verheerenden Auswirkungen diese im schulischen Kontext haben kann, da sie Schülern schlichtweg das eigenständige Denken und Lernen abnimmt, auch wenn das von der Bildungsverwaltung gern anders verkauft wird. In Sachsen-Anhalt etwa gibt es seit 2023 für die Gymnasien einen eigenen Digitalerlass des Kulturministeriums (Titel: „Lernen in der digitalen Welt“), der genaue Handlungsanweisungen zum Umgang mit Smartphone und Tablett in den Klassenstufen 5 bis 8 erteilt, während zeitgleich viele Schulen den Umgang mit eben diesen Geräten in ihren Hausordnungen ausgesprochen restriktiv handhaben. Juristisch ist der Fall eindeutig: Da ministerielle Erlasse in der Normenhierarchie über hausinternen Regelungen stehen, hat das Kultusministerium stets das letzte Wort, so sehr sich Eltern, Schüler und ja auch Direktoren darüber wundern – und ärgern. Denn im Schulalltag münden widersprüchliche Regelungen zur Handynutzung nicht selten in absurde Kleinkriege zwischen Lehrkräften, Eltern und Schulleitung, bei der die Beteiligten oft selbst nicht wissen, was sie eigentlich wollen: Besseres Lernen durch digitale Medien oder „weg vom Handy“? Da es von Schülern viel zu oft für andere, nicht unterrichtsbezogene Sekundäraktivitäten und zum Täuschen missbraucht wird.
Hinzu kommt: Durch die KI geraten zunehmend auch die wirklich Leistungsstarken ins Hintertreffen und ziehen sich frustriert zurück. Warum? Weil sie sehen, dass sich wesentlich leistungsschwächere Mitschüler gute Noten mit dem Handy erschummeln, was der Lehrer in vielen Fällen weder kontrollieren noch verhindern kann.
Denn viele Schüler zeigen sich im Umgang mit den Geräten ausgesprochen geschickt, wobei ihnen zupasst kommt, dass die KI bei einer Aufgabe A auf verschiedenen Smartphones unterschiedliche Lösungen B, C, D etc. generiert, was den Nachweis einer Täuschungshandlung faktisch unmöglich macht.
Was bei der Debatte um Handynutzung ebenfalls gerne verdrängt wird: Diese nützt im schulischen Kontext vor allem den Lehrern und weniger den Lernenden; da das, was früher im Berufsalltag Stunden, Tage und gar Wochen in Anspruch genommen hat, heute in wenigen Minuten, gar Sekunden erledigt wird; Gutachten, Tafelbilder oder das leidige Eintragen von Noten, das sich heute meist online von überall her bewerkstelligen lässt.
Auf der Strecke bleibt – oft unwissentlich – ein Teil der Schülerschaft, der durch KI und Co das eigenständige Bearbeiten von Übungsaufgaben erleichtert, oft abgenommen und damit die Illusion vermittelt wird, das ginge ewig so weiter. Bis es bei Abschlussprüfungen dann zum bösen Erwachen kommt; etwa indem die Ergebnisse auf einmal deutlich schlechter ausfallen als erbrachte Vorleistungen und dann im Extremfall – wie kürzlich in Hagenow – das Katzenjammern groß ist.
Recht pragmatisch wurde das Problem in der Slowakei gehandhabt: Ab 1. September 2026können an den landesweiten Hochschulen Bachelor- und Masterarbeiten wahlweise durch „andere Prüfungsformate“ ersetzt werden; weil durch KI einfach nicht mehr sichergestellt ist, dass die Studenten ihre wissenschaftlichen Abschlussarbeiten auch tatsächlich eigenständig verfassen, so ein Sprecher des Bildungsministeriums.
Betretenes Schweigen in Hagenow
Die hohe Durchfallquote bei den Abiturprüfungen am Robert-Stock-Gymnasium beschäftigte indes auch die Landespolitik. Nach Angaben des Bildungsministeriums handelte es sich um einen „Einzelfall“, der auch Thema im Landtag gewesen sei. Gleichzeitig erfolgte eine Analyse des Vorfalls durch das Staatliche Schulamt, wo man sich nach außen hin in betretenes Schweigen verhüllt
