Stig Dagerman:  „Trost“

„Alles, was ich habe, ist ein Duell"

Schwedischer Journalist und Schriftsteller Stig Dagerman. Foto: Stig Dagerman (1923-1954), Urheber unbekannt Schrieb 1946 eine Reportagenreihe: Deutscher Herbst.

Der schwedische Schriftsteller Stig Dagerman (1923-1954) schreibt im Jahre 1951, auf Anfrage einer schwedischen Zeitschrift, einen kurzen Text mit dem Titel: „Vart behov av tröst är omättligt“. Während der ersten Hälfte des Jahres 1952 kommt es zur Veröffentlichung. Zwei Jahre später, im Jahre 1954, begeht Dagerman Selbstmord.

Dieser Text wird vom deutschen Übersetzer Paul Bref (geboren 1963) für den Fischer Verlag (Frankfurt am Main) unter dem lapidaren Titel „Trost“ in das Deutsche übersetzt und vor einem Jahr in Buchform veröffentlicht. Der Originaltitel lautet übersetzt: „Unser Bedürfnis nach Trost ist unstillbar“. Dieser Titel lässt den Leser bereits die Erfahrung und die Einstellung von Dagerman erahnen. Dagerman scheint des Trostes zu bedürfen. Der Trost als Ermutigung zum Ertragen von Leid(en). Des Trostes bedarf ein Mensch in Krisensituationen. Der deutsche Soziologe Georg Simmel (1858-1918) hat Jahrzehnte vor Dagerman geschrieben, dass der Mensch ein trostsuchendes Wesen sei. Dem Menschen sei eigentlich nicht zu helfen, deshalb habe er im Laufe der Menschheitsentfaltung den Trost entwickelt.

Mit der Schrift „Trost“ schreibt Dagerman über sich selbst. Es ist ein Bekenntnis zum Trost. Dagerman ist ehrlich zu sich selbst und macht sich nichts vor. So schreibt er offen: „ … von einem bin ich fest überzeugt: dass das Bedürfnis des Menschen nach Trost unstillbar ist. Ich selbst jage Trost wie ein Jäger Wild. Wo immer ich ihn in den Wäldern auftauchen sehe, schieße ich. Häufig treffe ich nur ins Leere, aber manchmal fällt eine Beute zu meinen Füßen.“ (S. 10) Dagerman ist sich all des falschen Trostes bewusst, der einem immer wieder entgegen gebracht wird. Trost entpuppt sich oft als billiges Vertrösten. Vertrösten ist der Versuch das Leid(en) zu verharmlosen. Er schreibt: „Aber der Mensch benötigt keinen Trost, der ein Witz ist, sondern einen Trost, der leuchtet.“ (S. 13)

Dagerman ist, als er diesen Essay schreibt, gerade 28 Jahre alt und ein in Schweden bekannter und bereits gefeierter Schriftsteller. Er hat zu dieser Zeit  mehrere Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte und unzählige Zeitungs-Artikel geschrieben. Seine schriftstellerische Begabung erfährt er zunehmend als Belastung, sieht sich als Sklave seines Talentes. Er hat Angst vor dem Verlust seiner Begabung. Er macht die Erfahrung von Schreibblockaden. Er schreibt: „Mich versklavt zum Beispiel mein Talent in einem solchen Maße, dass ich aus Furcht, es verloren zu haben, nicht wage, es zu nutzen.“ (S. 19)

An anderer Stelle dieser nur 19 Seiten umfassenden Schrift spricht er seine Verzweiflung und Ohnmacht als Künstler und als Mensch prägnant aus: „Ich kann all meine weißen Seiten mit den schönsten Kombinationen von Wörtern füllen, die in meinem Gehirn entzündet werden. Da ich mich nach einer Bestätigung dafür sehne, dass mein Leben nicht sinnlos ist und ich auf der Erde nicht allein bin, trage ich die Wörter zu einem Buch zusammen und schenke es der Welt. Die Welt gibt mir im Gegenzug Geld und Ruhm und Schweigen. Aber was interessiert mich das Geld und was interessiert es mich, dass ich zur Verbesserung der Literatur beitrage – mich interessiert nur das, was ich niemals bekomme: eine Bestätigung dafür, dass meine Worte an das Herz der Welt gerührt haben. Was ist mein Talent dann anderes als ein Trost dafür, dass ich einsam bin – aber welch schrecklicher Trost, der mich die Einsamkeit nur mit fünffacher Kraft erleben lässt! (S. 15f) Das Schreiben ist für Dagerman bereits früh eine Möglichkeit der Befreiung (andere Menschen erleben es beispielsweise mit der Musik oder mit der Malerei). Das Schreiben gibt ihm Trost – aber wird letztlich dieser Trost für ihn auch ausreichend sein? „Da ich weiß, dass die Beständigkeit des Trosts so kurz ist wie die des Winds in einem Baumwipfel, eile ich, mich meines Opfers zu bemächtigen.“ (S. 10)

Dagerman spricht immer wieder in „Trost“ sein Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit aus, aber ebenso nach Anerkennung. Dieses Bedürfnis nach Freiheit und gegen jegliche Abhängigkeit wird ihn auch zum Freitod begleiten. Dagerman schreibt bereits in jungen Jahren für die schwedische anarchistische Zeitung „Arbetaren“ – bis zuletzt. Anfang der frühen vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts begegnet er seiner Seelenverwandten, es ist die aus Deutschland geflüchtete Annemarie Götze (1924-2020), die ebenfalls wie er einen anarchistisch-syndikalistischen Hintergrund hat. Sie heiraten 1943, bekommen zwei Söhne. Dennoch scheitert die Ehe, und es kommt zur Trennung, die Scheidung erfolgt letztlich im Jahre 1953. Zuvor hat Dagerman bereits ein Verhältnis mit der in Schweden bekannten und verheirateten Schauspielerin Anita Björk (1923-2012), sie heiraten 1953 und bekommen eine Tochter. Dennoch scheinen das Leben und die Welt insgesamt für ihn keine Heimat zu sein. Die Wirklichkeit ist für ihn trostlos. Er ist ein verzweifelter Trostsucher. Zudem leidet er an der Vergänglichkeit, er ist sich dessen bewusst, „ …dass nichts Menschliches Bestand haben kann …“ (S. 14) Die Ewigkeit ist dem Menschen nicht gegeben. Er setzt sich mit der Macht des Todes auseinander. Der Tod ist überall. Er erfährt wie der Tod ihn umgibt, „Was ist die menschliche Geborgenheit dann anderes als ein Trost dafür, dass der Tod dem Leben am nächsten steht – und welch ein schwacher Trost, der uns einzig daran erinnert, was er uns vergessen lassen will!“ (S. 14f) Dagerman, ein Mensch der mehr oder weniger zeit seines Lebens eine innere Verlorenheit unbewusst beziehungsweise bewusst mit sich zu tragen hat.

Es ist davon auszugehen, dass Dagerman früh die Erfahrung von Einsamkeit und des Nicht-Geborgenseins macht und auch das wichtige grundlegende Erlebnis einer Vertrautheit mit der Welt kaum erfährt. Die Helle des Lebenslichtes ist wenig existent. Der Schmerz des Lebens wartet auf ihn. Interessant ist, das Dagerman als junger Mann seinen Nachnamen ändert. An die Stelle des Nachnamens Jansson, setzt er bewusst Dagerman. Dager ist das schwedische Wort für Tageslicht, Dagerman ist gleichzusetzen mit: Mann des Tageslichts. Dies ist nicht verwunderlich, die Trostlosigkeit beginnt mit seiner unehelichen Geburt. Sein Vater übt den Beruf eines Sprengmeisters aus, seine Mutter arbeitet als Telefonistin. Die Eltern heiraten nicht. Mütterliche Wärme und Fürsorge bleiben ihm verwehrt. Seine Mutter nimmt den Sohn nicht an, vielmehr verlässt sie nach kurzer Zeit ihn und seinen Vater. Sie lässt ihn und seinen Vater für immer einfach zurück. Er sieht seine Mutter nie mehr und wird auch nie mehr etwas von ihr hören. Was bleibt: eine ungestillte Sehnsucht. Er wächst bei den Eltern seines Vaters auf dem Lande auf (der Großvater wird einige Jahre später von einem Geisteskranken erstochen), sein Vater kann sich zunächst nicht um ihn kümmern. Jahre später holt ihn der Vater zu sich nach Stockholm.

Dagerman lässt den Leser an seinen Überlegungen und an den Leiden teilhaben. An unzähligen Stellen kann der Leser erfahren, in welcher schmerzhaften Zerrissenheit er sein Leben erfährt. Es gibt Stellen, die einerseits sehr genau seine Gedanken, eigentlich schon eher eine ausformulierte Lebensbetrachtung darstellen, und andererseits kann man das Durchschimmern  seines Lebens als ein Wachsen, als eine Steigerung der baldigen Vollendung, unabhängig von Zeit und von Lebensalter, wahrnehmen: „Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es auf dem Richtblock der Zeitrechnung platziere. Begrenzt sind meine Lebensmöglichkeiten nur, wenn ich die Wörter oder Bücher zähle, die ich noch erschaffen werde, bevor ich sterbe. Aber wer bittet mich eigentlich zu zählen? Zeit ist ein falsches Maß für Leben. Zeit ist ein grundsätzlich nutzloses Messinstrument, denn es erfasst nur die Äußerlichkeiten meines Lebens.“ (S. 22)

Letztlich steht ein Satz wie „… und dass der Tod folglich wie ein Trost für ein verfehltes Leben erscheinen mag.“ (S. 17) nicht aufsehenerregend für den Weg von Dagerman. Der aufmerksam hörende Leser der Schrift „Trost“ vernimmt die Einsamkeit und die Verzweiflung, als auch zusätzlich jene typische dem schwedischen Kulturraum zugehörende Melancholie. „Trost“ ist kein locker schnell zu lesender Text, es gibt Stellen die ein weiteres Mal gelesen sollten beziehungsweise gar müssen. Es gibt Formulierungen die auffallen, die sich abheben. Manche Stellen sind vielleicht zunächst nicht leicht verständlich oder sie sind kantig oder kurz in ihrer Aussage. Manchmal gibt es nur Bruchstücke eines Gedankens. Diese Schrift ist keines der den heutigen Büchermarkt überflutenden typischen Selbst-Hilfe-Bücher.  „Trost“ gehört nicht zu der heutigen schnell konsumierenden Trost-Literatur. „Trost“ enthält keine Psycho-Hilfen und Psycho-Tricks. Überhaupt nicht. Es ist weitaus mehr, das Bekenntnis eines hochtalentierten Schriftstellers, der das kommende Ende ahnt oder sogar darum weiß. Je öfter diese Schrift gelesen wird, umso mehr erschließt sie sich. Die Faszination seiner Gedanken, Überlegungen und Formulierungen bewirkt immer wieder letztlich das mehrmalige Lesen.

An dieser Stelle soll nur kurz erwähnt sein, dass es noch eine Erwiderung von der deutschen Schriftstellerin Felicitas Hoppe (geboren 1960) in dem Buche anschließend zu lesen gibt. Ich bedaure, sie gelesen zu haben. Es ist ein nicht lesenswertes Nachwort. Es ist langweilig, sprachlich mich müde machend, einfach überflüssig. Hoppe scheint nicht zu wissen, im Gegensatz zu Dagerman, dass das Leid mit zu den Grundfaktoren der Welt gehört. Denn Leid kann den Menschen vernichten. Möglicherweise wird Dagerman immer wieder an die Ränder des Nichts gedrängt. Leid und Hoffnung auf Trost schweben über seinem Leben. Je länger sein Leben dauert, desto länger sein Leid. Er will das Leben nicht in alle „Ewigkeit“ fortsetzen. Dagerman als Wissender will letztlich nur: das Ende. Das Ende bringt ihm die Befreiung von allem.

Foto: Buch-Cover Trost, mit freundlicher Genehmigung vom FISCHER Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.

Dagerman schreibt: „Alles, was ich habe, ist ein Duell, und dieses Duell wird in jedem Moment meines Lebens zwischen den falschen Stimmen, die allein die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung tiefer reichen lassen, und den wahren Tröstungen ausgefochten, die mich zur kurzzeitigen Befreiung führen. Ich sollte vielleicht sagen: der wahre Trost, denn streng genommen gibt es für mich nur einen wirklichen Trost: den, der mich erkennen lässt, dass ich ein freier Mensch bin, ein unantastbares Individuum, eine in meinen Grenzen souveräne Person.“ (S. 17f) Dieses Bedürfnis nach Freiheit ist bei Dagerman ausgesprochen stark ausgeprägt, zugleich ist er beim Verfassen des Textes sich bewusst, dass der Tod sein Begleiter ist. Er spürt, wie der Tod ihn umgibt. Einige Jahre zuvor schreibt er ein Theaterstück mit dem Titel „Der zum Tode Verurteilte“.

„Mir wird endlich klar, dass jeder Trost, der nicht mit meiner Freiheit rechnet, trügerisch und bloßes Spiegelbild meiner Verzweiflung ist.“ (S. 12) Wie lange kann beziehungsweise wird Dagerman das Schmerzliche aushalten? Erfährt er unterstützenden Trost? Erfährt er einen für ihn wirklichen Trost? Möglicherweise hat er bereits seit seiner Geburt ein ihn zutiefst bestimmendes Grundgefühl, nämlich ein früh zum Tode Verurteilter zu sein. Und – seinen existentiellen Schmerz kann er nur  überwinden durch die Öffnung zum Augenblick, zu einem bedingungslosen Erleben. Er formuliert in „Trost“ seinen Ausweg: „Und ich meine zu verstehen, dass der Selbstmord der einzige Beweis für die Freiheit des Menschen ist.“ (S. 20). Mit dieser Erkenntnis ist er nicht mehr weit entfernt von der Umsetzung. Die Freiheit welche er sucht, wird er im selbstgewählten Tod finden. Im Jahre 1954 begibt sich Stig Dagerman in seine Autogarage. Ihm gelingt der Austritt aus einem unerträglichen Leben. Er wird in seiner Garage tot aufgefunden, erstickt an den Autoabgasen. Im Alter von gerade 31 Jahren hat er sein Leben vollendet.

 

Stig Dagerman: Trost

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2025

Es ist zu hoffen, dass ein deutscher Verlag demnächst die einst von Olof Lagercrantz (1911-2002) verfasste Biographie über Stig Dagerman übersetzen lässt und veröffentlichen wird.

Original: Olof Lagercrantz: Stig Dagerman

Norstedts, Stockholm 1958