Bekäme Immanuel Kant heute noch eine Professur?

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Von Steffen Dietzsch

Dieses Jahr wird viel an Kants dreihundertsten Geburtstag erinnert. Aber anders als bei seinen früheren Centenarfeiern werden in den (neuen) Medien, im Hochschulbetrieb, in diversen Ausstellungen und in der Diskussion jetzt auch überraschend grobe Vorwürfe und moralische Bedenken gegen Kant erhoben: namentlich eines ›Rassismus‹, des ›Eurozentrismus‹ oder gar auch der Judenfeindlichkeit in seinem Werk und Alltag. Sollte gerade das den großen jüdischen Editoren und Kommentatoren Kants, wie Hermann Cohen, Ernst Cassirer, Benzion Kellermann, Salomon Friedslaender oder Hannah Arendt nicht auch aufgefallen sein?

Die meisten dieser Vorwürfe werden konstruiert aus albernen Stereotypen, Vorurteilen und Nachreden des ›Kant-nicht-verstehens‹ bereits zu seiner Zeit –von Garve, Herder über Krug (seinen ersten akademischen Nachfolger!) bis Fries und Schopenhauer, und neuerdings aus der political correctness der robusten Moral ›öffentlicher Meinung‹. Dass dies alles quellenkundlich obsolet ist und insgesamt Kants philosophischen Innovationen ganz fremd gegenübersteht, stört dieses – ›herostratische‹ – Kantbashing natürlich nicht. Es ist für den intellektuellen Zustand im Kant-Jubiläumsjahr symptomatisch, wenn die Neue Zürcher Zeitung (am 10. Febr. 2024) titelt: Bekäme Kant heute noch eine Professur?

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Als an seinen 100. Geburtstag erinnert wurde, war immerhin von Goethe zu hören (aus einem Gespräch mit Eckermann), Kant sei von derzeit allen deutschen Philosophen wohl der vorzüglichste, ohne allen Zweifel, und er habe in unsere deutsche Kultur am tiefsten eingewirkt. Das betraf vor allem den im bürgerlichen Alltag jener Jahrzehnte tief verwurzelten Pflicht-Gedanken: »Pflicht! Du erhabener, großer Name, der alle Verwandtschaft mit Neigung stolz ausschlägt und der den Wert anzeigt, den sich Menschen allein selbst geben können.«(AA, V, 86) – Und in der akademischen Philosophie in Deutschland wurde seit der Mitte des Jahrhunderts eine neue theoretisch-systematische Zuwendung zu Kant sichtbar, – namentlich durch Christian Hermann Weißes Leipziger Antrittsrede In welchem Sinn die deutsche Philosophie jetzt wieder an Kant sich zu orientieren hat (1847), und durch Carl Fortlages Ruf Zurück zu Kant! (1852), aber vor allem auch durch Otto Liebmanns Pathosformel (aus »Kant und die Epigonen«!, 1865): Also muß auf Kant zurück gegangen werden.Dieser ›Neukantianismus‹ hatte auch Auswirkungen außerhalb der Universitäten; – in der politischen Kultur in Deutschland, vor allem in der sozialistischen Arbeiterbewegung, wurde am Ende des 19. Jahrhunderts ein sich an Kant orientierender sogenannter ethischer Sozialismus (Eduard Bernstein, Karl Kautsky) entwickelt.

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Im Bicentenaire Kants, im XX. Jahrhundert, erinnerte man sich an eine entscheidende Orientierung für das System der Philosophie, die von Kant als die Hauptfrage seiner Wissenschaft überhaupt pointiert worden war: Was ist der Mensch? In seiner letzten Schrift, dem Streit der Fakultäten, macht Kant deutlich, dass Philosophie nicht zuerst – logisch-abstrakt –eine »Wissenschaft der Vorstellungen, Begriffe oder Ideen sei, oder eine Wissenschaft aller Wissenschaften, sondern eben eine Wissenschaft des Menschen, seines Vorstellens, Denkens und Handelns« (AA, VII, 69) sei. ›Mensch‹ ist bei Kant aber keine (anthropometrisch) ausmessbare, naturalistische Substanz, kein empirisch-anschauliches Eines, sondern muss verstanden werden als unabgeschlossene (›hyperbolische‹) facettenreiche, autopoietische Subjektivität.

Dieser (kantische) Mensch, das ›transzendentale Subjekt‹, unterstellt sich keinem Besonderen, keiner Gemeinschaft oder dem Absolutem, sondern entwirft und konstruiert sich selber als ein Allgemeines, Synthetisches, Ganzes, Absolutes, aber immer im paradoxen Modus mit dem Endlichen. Seine Verkehrsform ist der »Antagonism ungeselliger Geselligkeit« (AA, VIII, 20) bzw. wie ihn Kant im Gefolge eines Pauluswortes (1 Kor. 12.12) nennt: »ein corpus mysticum« (AA, III, 525).

Im Subjekt, im lange Zeit nur als empirischem Körper wahrgenommenen Menschen, erkennt Kant einen neuen, ideellen Gesamtkörper, den er als ›transzendentales Subjekt‹ konzeptualisiert, so das begriffen werden kann, das der Mensch nicht mehr zuallererst äußere, anschauliche, empirische Verhältnisse zu anderen einzugehen hat, sondern vor allen Dingen selber – apriorisch – ein Selbstverhältnis ausweist und bildet. Damit konnte man den alten Begriff der Gemeinschaft, der die Menschen bloß naturalistisch verband – durch Blutsbande, Familien- und Clanstrukturen, durch tribalistische, völkische Zusammenhänge – überwinden. Erst dadurch war es möglich den Menschen mit Kant universalistisch neu zu bestimmen als citoyen du monde, Welt-Bürger. Dessen Begehr ist es, dass erstens eine methodenbewusste Philosophie aus Weltbegriffen nur eins wollen kann, nämlich der Erde treu zu bleiben, und zweitens, die Erinnerung wach zu halten, mit der der Mensch nach Kant immer, in allem, was er tut, »anfangen sollte, nämlich zu wissen, dass er doch niemals etwas mehr als ein Mensch sei.« (AA, I, 472)

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Heute, im dritten Centenaire Kants, ist er uns wichtig als großer Denker der Antinomie, ja des Paradoxes. Er ist einer, der mit Widersprüchen und Paralogismen in Natur und Geschichte und im Menschen umzugehen weiß. Für Kant sind Dualismen, wie die zwischen methodischer Kritik und systemischer Metaphysik nicht bloß schon Resultate skeptischen Denkens, sondern gerade erst Bedingungen der Möglichkeit eines verständigen und vernünftigen, souveränen Denkeinsatzes aus Gründen heraus. Auch das schätzte schon Goethe als besonders an Kants Denkungsart, denn es ihm fiel auf, »der köstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, indem er bald das Erkenntnis vermögen auf‘s engste einzuschränken bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem Seitenwink hinausdeutete.« (Goethe, WA II, 11. 54)

Hier deutet sich die Modernität Kants an, der es möglich machte Ironie und System zu verbinden. Kant war es, der als einer der ersten für Selberdenker ein »Exil der Heiterkeit« (Odo Marquard) kartiert hatte.

Für einen künftigen Streit der Fakultäten würden sich dabei für die Philosophie neue akademische Perspektiven abzeichnen, – vielleicht ein Neubeginnen als Fröhliche Wissenschaft? Mit ihr wäre eine Maxime des Selberdenkers Kant begründbar: Herrsche über den Wahn […] sey selbst kein Knecht von den Meinungen anderer.

Quelle: Globkult

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin. Er ist Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption. Zuletzt erschien: "Wandel der Welt, Gedankenexperimente", Heidelberg 2010.