Stimmige Kombinationen: Die Tiroler Festspiele Erl finden neue Wege für Konzerte zum Jahreswechsel

Durchwachsen darf`s sein, ob Silvester- oder Neujahrskonzert. Ein paar Takte Haydn, ein paar Wiener Walzerseligkeiten, „Leichte Kavallerie“ oder der Jägerchor aus dem „Freischütz“. Was gleicht wohl auf Erden … – in Erls schmuckem, feschem Festspielhaus will man sich nicht ans weltläufige, in 90 Länder der Erde übertragene Neujahrskonzert im altehrwürdigen Wiener Musikvereinssaal angleichen, sondern eigene Wege finden. Einem Neujahrskonzert geht ein Silvesterkonzert voraus, das seinen eigenen Taktschläger hat (heuer Andreas Leisner) und versierte Solistinnen und Solisten aus der 2. Reihe mit Donizetti, Leoncavallo, Verdi, Giordano & Co. an die Rampe lässt, für Arien, Duette und Terzette, die so recht nach des kritischen, von weitem angereisten Zuschauers Geschmack sein könnten, würden sie überzeugend dargeboten.

Die Neujahrsmatinee 2016 war zeitlich nicht viel kürzer als ihr Vorgänger am Silvesterabend, zwei Stündchen mit jeweils einer Zugabe, der „Barcarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ zum Jahresende („Liebesnacht, o Liebesnacht…!“, s. Foto mit Junhua Hao und Paola Leggeri), am 1. Jänner aber einem absoluten Chor-Hit aus Rossinis „L` italiana in Algeri“, der Oper wohlgemerkt, die auf dem laufenden Tiroler Winter-Festspiel-Programm steht. Dieses Werk studierte Maestro Gustav Kuhn ein, der auch das Neujahrskonzert als Dirigent bestritt, federnd, feurig, frisch, flott, fröhlich, auch a bisserl frech, immer aber fordernd – vor allem sein ihm ganz ergebenes, erlesenes und von seiner festlich-guten Laune angestecktes Orchester samt Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl und Sängerinnen und Sängern der Accademia di Montegral.

Zum dritten Mal fand das total ausverkaufte Neujahrskonzert mit dem von Jan Golubkow fachgerecht präparierten 44 Personen starken Chor statt – eine Neuerung, die sich bewährte und für Erl kennzeichnend werden soll. Einen neuen Maßstab setzte auch der Moderator in Person des Festspiel-Präsidenten Hans Peter Haselsteiner (Alexander Busche trat in selbiger Funktion erfolgreich beim Silvesterkonzert auf). Haselsteiner lag es nicht, an die Rampe zu gehen. Er blieb lieber mitten im Orchester am Lese-Tisch mit kurzstieliger roter Rose im Trinkglas sitzen und erheiterte, ermahnte und ernüchterte in intelligent-charmantem Ton das animierte Publikum, dem Chor- und Orchester-Mitglieder aus 19 Nationen in 16 Sprachen „A guats Neu`s“ zuriefen.

Man dankte für das – gerade in seiner Vielfalt – entzückende, Ohrwürmer wie Unbekanntes bietende Programm, dem der Maestro in seiner ebenso souveränen wie wunderbar selbstironisch-libertinen Art wieder einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken verstand. „Alles Walzer“. Naja – auch ein wenig Spirituelles („Cum sancto spriritu“ aus Rossinis kleiner Festmesse; „Va pensiero“ aus Verdis „Nabucco“; Gotteslob aus Haydns „Schöpfung“), viel Scherzhaftes (von Johann Strauß Sohns „Perpetuum mobile“ bis zu dessen Polka schnell „Unter Donner und Blitz“) und Gustostückerl wie die „Pique Dame“-Ouvertüre, die offenbarte, welch fabelhafter Tondichter Franz von Suppé war.

Ach, von Kuhn kann, nein muss sich dessen Kronprinz, der tadellos vorbereitete und Gesangsolisten wie Musikern Genauigkeit abverlangende, jedoch zu steife, die Tempi eher dehnende als treibende, die Balance des Orchestralen zum Vokalen dreingebende Andreas Leisner noch so manches abschauen. Schön, dass Leisner im 2. Teil des Silvesterkonzerts mit Adams „Le Toréador“- und Wagners „Rienzi“-Ouvertüre die Herzen des ihm gern folgenden Publikums erreichte (was den Vokal-Solisten nur schwer gelang). Dem bravourösen Gustav Kuhn lag das Publikum zu Füßen: als Magier hatte er es ins Reich der musikalisch stimmigen Kombinationen gelockt.

Das könnte interessant sein Powered by AdWol Online Werbung

Martyrium und Liebestod – Ausnahme-Konzert der Münchner Philharmoniker im Gasteig

Das Ausnahme-Konzert der Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev zog sow...

Die Danner-Rotunde – Der Schmuckraum der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne

ERÖFFNUNG: 13.03.2020, 19.00 Uhr           &nbs...

A BRIEF COLLECTION DISPLAY OF JOHN BALDESSARI – ERSTPRÄSENTATION VON SIEBEN NEUERWERBUNGEN JOHN BALDESSARIS FÜR DIE PINAKOTHEK DER MODERNE

Der kürzlich verstorbene, kalifornische Künstler John Baldessari (1931 – 2020) zählt zu den ...

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 329 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.